Winterthur

Bach im Geschwindigkeitsrausch

Reinhard Goebel gibt heute dem Musikkollegium den Takt vor. Zu hören sind die Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach – eine grossartige Summe barocker Lust und Kunst des Musizierens.

«Das Wissen ist die Quelle der Inspiration», sagt der Musiker Reinhard Goebel.

«Das Wissen ist die Quelle der Inspiration», sagt der Musiker Reinhard Goebel. Bild: Wolf Silveri

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Für die Musikwelt war Johann Sebastian Bachs von 1723 bis 1750 dauerndes Wirken in Leipzig der grösste Segen – denken wir nur an die «Matthäus-Passion». Er selber hätte sich auch eine andere Biografie vorstellen können und trauerte manchmal früheren Zeiten nach. Über seine Jahre am Hof des jungen Fürsten Leopold von Anhalt-Cöthen, wo er von 1717 bis 1723 geweilt hatte, schrieb er: «Daselbst hatte einen gnädigen Fürsten, bei welchem auch vermeinte, meine Lebenszeit zu beschliessen.»

Mitten hinein in die herrliche Zeit barock-virtuoser Musizierlust und -kunst jener Jahre führen die Brandenburgischen Konzerte. Was Bach in einer Partitur zusammenfügte und 1721 dem Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt widmete, ist der wohl zugleich bunteste und in seiner genialen Handschrift doch kompakteste Werkkomplex der Musikgeschichte.

Denn Serien barocker und klassischer Komponisten standen in der Regel für eine einheitliche Besetzung, ein verbindendes Soloinstruments oder für ein Motto – alles zusammen gilt für den bekanntesten Instrumentalzyklus des Barock, Vivaldis Violinkonzerte «Die vier Jahreszeiten», das Gegenteil gilt für die Brandenburgischen Konzerte.

Tempofragen und mehr

Bach präsentierte mit seinen «Six Concerts Avec plusieurs Instruments» die unterschiedlichsten und exzentrischsten Besetzungen. Trompete, Jagdhörner, Block- und Traversflöten und Oboen in diversen Kombinationen, unter den Streichern Gamben und sogar ein Violino piccolo sind involviert: Schliesslich ging es darum, dem virtuosen Hofmusiker des Markgrafen Reverenz zu erweisen und auch diesem selbst. Denn auch das Cembalo als durchgängig präsentes Leit- und Begleitinstruments, von Christian Ludwig selbst gespielt, bekam im 5. Konzert einen solistischen Part.

Der ganze Reigen ist in dieser Vielfalt der Satz- und Klangcharaktere um so kurzweiliger, als die sechs Konzert zusammen auch von der Spieldauer her gut in einen Konzertabend passen. Wobei es gerade zur Dauer des gesamten Werks ganz unterschiedliche Meinungen gibt: Es ist eine der grossen Fragen der Aufführungspraxis.

Rekordhalter in Sachen Tempo ist unbestritten der Barockspezialist Reinhard Goebel, der in seiner ersten Aufnahme vor dreissig Jahren mit der Musica Antiqua Köln nicht nur mit ihrem ungeglätteten historisierenden Klang, sondern auch mit horrenden Tempi für Aufsehen sorgte.

In seiner neuen, jüngst erschienene Aufnahme mit den Berliner Barock Solisten ist die historische Patina poliert, der Stimmton modern, aber die Tempi sind geblieben, teilweise noch gesteigert. Was Goebel mit dem Ensemble aus Mitgliedern der Berliner Philharmoniker veranstaltet, ist in einigen Allegro-Sätzen ein eigentlicher Geschwindigkeitsrausch.

Unterschlagen wird dabei nichts, auch wenn nicht alle die Durchzeichnung so brillant schaffen wie der Trompeter, und es fehlt nicht an Differenzierung und Feinheit, auch wo der Groove mit einiger Penetranz die Oberhand gewinnt. «Es waren nahezu orgiastische Aufnahmesitzungen», berichtet Goebel, und vom Resultat kann man sich nun vor den Lautsprechern mitreissen lassen – oder sich im Schnellhören üben.

Orgie und Wissenschaft

Von dieser Fähigkeit könnte man profitieren, wenn heute das Musikkollegium unter Reinhard Goebel die Brandenburgischen Konzert in Winterthur aufführt. Die Situationen im Aufnahmestudio und auf dem Podium mögen sich zwar unterscheiden, aber ein rauschendes Bach-Fest wird auch das Musikkollegium mit seinen an Herausforderungen gewöhnten Musikerinnen und Musikern bieten. Auch hat der Primus unter ihnen, Konzertmeister Roberto González Monjas, die «Orgie» schon einmal mitgemacht: Er spielt auch die Partie der Solo-Violine und des Violino piccolo auf Goebels CD-Aufnahme.

Reinhard Goebel, 1952 geboren, Violinist, Dirigent und Professor für historische Musikpraxis am Mozarteum Salzburg, hat übrigens ein weit spezifischeres Verhältnis zum Rausch in der Musik, als es die Tempo-Diskussion nahe zu legen scheint: Quellenforschung und musikalische Analyse gilt ihm alles.

«Ich lege auf diese Äusserlichkeiten, Barockbogen, Darmsaiten, den Stachel im Cello, nicht den geringsten Wert, es interessiert mich überhaupt nicht. Mein Fokus ist die Durchdringung der Materie bis zum sozusagen Letzten», sagt er in einem Interview, und meint: «Das Wissen ist die Quelle der Inspiration. Das Wissen kann berauschen». Ein anregender Konzertabend ist versprochen.

Abonnementskonzert: Heute, 19.30 Uhr, Stadthaus Winterthur. CD: J. S. Bach, Brandenburg Concertos – Berliner Barock Solisten, Reinhard Goebel (Sony). (Landbote)

Erstellt: 08.05.2018, 14:05 Uhr

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