Tage des Denkmals

Die Häuser schlugen ein wie eine Bombe

Hermann Siegrists Wohnhäuser an der Leimeneggstrasse sind die radikalsten hiesigen Zeugen des modernen Bauens und Wohnens. Ein Blick auf eine architektonische Sensation und darauf, wie die Enkelgeneration damit umgegangen ist.

Radikal modern zeigt sich die rekonstruierte Gartenfassade des Doppeleinfamilienhauses von Hermann Siegrist an der Leimeneggstrasse.

Radikal modern zeigt sich die rekonstruierte Gartenfassade des Doppeleinfamilienhauses von Hermann Siegrist an der Leimeneggstrasse. Bild: Johanna Bossart

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Der Architekt Hermann Siegrist (1894–1978) ist heute nur noch in Architekturkreisen ein Begriff. Dabei hatte der Winterthurer einst für eine Sensation gesorgt: Seine Wohnhäuser aus dem Jahr 1932 an der Leimeneggstrasse 27–35, 43–45 hatten ein Flachdach mit Dachterrasse, waren in Beton gebaut, verfügten über Bandfenster und waren in klinischem Weiss gestrichen. Dieser radikale Bruch mit dem traditionellen Bauen war ein Schock für die meisten, und nur wenige waren begeistert vom fremden Anblick.

Siegrist gehörte zum sehr kleinen Kreis von lokalen Architekten, die sich mit der Architektur der Moderne beschäftigten, insbesondere mit Le Corbusier und dem deutschen Bauhaus, der weltweit einflussreichsten Designschule, die just dieses Jahr ihren 100. Geburtstag feiert.

Die Hommagegegenüber

In unmittelbarer Nachbarschaft zu den singulären Zeugen der Avantgarde der Dreissigerjahre stehen heute die Wohnbauten der Architekten Benjamin Widmer und Roger Studerus als gelungene Hommage an den Meister. Der war freilich auch ein Hasardeur, der trotz Aufmerksamkeit fürs Detail Risiken einging. Denn seine architektonischen Visionen waren der Bautechnologie damals weit voraus. Er baute, als gälten für ihn die Gesetze der Bauphysik nicht. So zerbrachen die kühn über die Ecken gezogenen Bandfenster, und Wasserschäden gehörten ebenfalls zur Mängelliste.

Die benachbarte Überbauung von Roger Studerus orientiert sich mehr zur Strasse hin. Bild: Johanna Bossart

Für Siegrist war der Besuch der inzwischen legendär gewordenen Weissenhof-Siedlung in Stuttgart um 1927 eine Erleuchtung. Was er dort sah, Bauten von Le Corbusier, Mies van der Rohe oder J.J.P. Oud, inspirierte ihn zu seinem eigenen kühnen Manifest der Moderne. Wie eine Bombe schlugen diese Zeugen des modernen Bauens und Wohnens ein. Niemand nach Siegrist hat in Winterthur so stark provoziert, so viel gewagt – ausgerechnet hier, wo im Wohnungsbau damals die bürgerlich-behagliche Reformarchitektur Robert Rittmeyers den Geschmack dominierte.

Siegrist wurde zwar nicht direkt für verrückt erklärt, das geschah subtiler: Seine radikalen Bauexperimente machten ihn nicht nur gesellschaftlich zum Aussenseiter, sondern wirtschaftlich büsste er ebenfalls. In der Folge verlor er den Mut des Pioniers und passte sich später an.

Die Restauration, die fast zum Albtraum geriet

Die Enkelgeneration kriegt immer noch rote Backen beim Gedanken an seine Leimenegghäuser, und ihr Puls beschleunigt sich beim Anblick der klaren Baukörper, der kühlen Geometrie, des Refugiums auf dem Flachdach. Darum hat die Geschichte auch eine Fortsetzung. Vor mehr als zehn Jahren ging für den jungen Architekten Benjamin Widmer und die Journalistin Marisa Eggli ein Traum in Erfüllung. Sie kauften die eine Hälfte des Siegrist-Doppelhauses. Beinahe wäre die marode, innen und aussen veränderte Architekturikone für die beiden zum Albtraum geworden. Bis der Charakter und Geist des Hauses wiederhergestellt waren, dauerte es fünf lange Jahre, wo das Paar auf einer Baustelle lebte – es war Fronarbeit im Dienste Siegrists und seines lichten Wohnens.

So gerät man an der Leimeneggstrasse 43 erneut ins Schwärmen, wenn man die räumliche Offenheit des Erdgeschosses und den eleganten Fluss der Wendeltreppe erlebt, und wird man im Obergeschoss eingenommen von der spartanischen Raumökonomie. Dann steht man zuletzt ganz im Licht auf der Dachterrasse des Flachdaches, das damals den Zorn des Volkes auf sich zog. In diesen Räumen begreift man, was modernes Wohnen damals für ein Kontrast zum Lebensstil der guten Gesellschaft war.

Doch dieses Restaurierungskapitel der Siegrist-Ikone war bloss Vorspiel, quasi ein Aufwärmen für die zwischen 2016 und 2018 erfolgte Weiterentwicklung von Siegrists Vision. Benjamin Widmer gewann zusammen mit seinem Büropartner Roland Bernath 2015 einen Architekturwettbewerb für zwei Wohnhäuser in der Fortsetzung der Siegrist-Siedlung. Widmer hatte bei der Rekonstruktion des eigenen Hauses viel über dessen Raumqualitäten und das bautechnische Elend gelernt. Nur so war es ihm möglich, die Stärken zu nutzen und die Defizite zu beheben.

Den Aristokraten den Hintern zugekehrt

Dabei ist die Radikalität des bewunderten Siegrist pragmatisch diszipliniert worden, aber vor allem wurde Siegrists Blindheit gegenüber der prächtigen Parklandschaft nördlich der Leimeneggstrasse korrigiert. Der Avantgardist öffnete nur nach Süden, hielt dagegen die Strassenfassaden so geschlossen und abweisend, als sollten sie den aristokratischen Nachbarn in den Villen den Hintern zukehren.

In den Reihenhäusern von Bernath + Widmer schafft ein vorgelagerter Wintergarten einen akustischen Schutz gegen die Bahngeleise. Bild: Johanna Bossart

Befreit von der Ideologie der Moderne, kann die heutige Generation ortsgerecht reagieren: Widmer nutzt die Qualität der ruhigen Quartierstrasse und des Parks, indem er die Bandfenster zusätzlich auf der Nordseite einsetzt. Im Obergeschoss der drei Reihenhäuser und beim Doppeleinfamilienhaus setzt er auf die Vorteile des offenen Grundrisses, der flexibel, je nach Bedürfnis der Bewohner, mit Schiebewänden räumlich unterteilt wird. Die Dachterrassen sind als begrünte Oasen gestaltet. Einziger Nachteil der Wohnlage ist der intensive Bahnlärm. Um den Wohnkomfort im Innern zu sichern, legte Widmer vor die Wohnräume eine lärmdämmende, auskragende Raumschicht, die als Wintergarten genutzt werden kann.

Fassaden prägen die Atmosphäre einer Strasse. Im Gegensatz zu Siegrists wenig einladenden, flachen Strassenfassaden bieten Widmers Häuser ein anregendes Profil. Nicht nur kragt die Nordfassade über dem Erdgeschoss aus, geradezu ornamental treten die Reihenhäuser mit dem gefältelten Zinkblechabschluss im Obergeschoss auf. In diesem funktionalen Dekor zeigt sich auch die Distanz Widmers zur demonstrativen Kargheit des verehrten Meisters der Moderne.

Studerus und die Offenheit der Fassade

Zur Leimenegg-Geschichte gehört unzweifelhaft auch das Wohnhaus, das der Winterthurer Architekt Roger Studerus vom Atelier Strut massgeblich geprägt hat. Sich in der prominenten Nachbarschaft von Siegrist und Widmer architektonisch zu behaupten und gleichzeitig ein schwieriges Raumprogramm zu bewältigen, war eine Herausforderung. Das Baufeld, auf dem einst das Kutscherhaus der Villa Bühler stand, liegt eingeklemmt zwischen den Meisterbauten Siegrists. Die Bauherrschaft wollte keine Reihenhäuser, sondern kleinere (Miet-)Wohnungen; insgesamt sind es sechs, dreimal je eine Garten- und Dachgartenwohnung übereinandergestapelt.

Tage des Denkmals
Die Besichtigung der Häuser an der Leimeneggstrasse ist bereits ausgebucht. Im Rahmen der Tage des Denkmals finden aber diverse weitere Veranstaltungen statt, etwa diesen Freitag ein Rundgang zum Thema Stadtlicht (20 Uhr ab Bahnhofplatz 7, keine Anmeldung erforderlich). Über das gesamte Programm der Denkmaltage in der Schweiz informiert die Website Nike-kulturerbe.ch(red)

Bei diesem eng gefassten Programm ging es um Effizienz. Studerus musste die Dachgartenwohnungen möglichst einfach erschliessen. Da war auch kein Platz für eine Kür wie beispielsweise Widmers Wendeltreppenskulptur aus Beton. Eine kleine Raffinesse bildet die trennende Stufe zwischen Ess- und Wohnbereich im durchgestreckten offenen Wohnungsgrundriss.

Die gestalterisch eigene Linie zeigt sich im Ausdruck der Fassaden. Im Süden wie im Norden markieren die hellen Betonbänder einen kräftigen horizontalen Akzent, der zusätzlich durch die Auskragungen betont wird. Die Dachlandschaft wird durch die kubischen Aufbauten rhythmisiert. Darin und im ausgeprägten Reliefcharakter der Fassaden ist eine plastische Kraft erkennbar, die bewusst die Fläche aufbricht. Statt glatte Wand, an der der Blick abprallt, verwebt das Fassadenrelief den Bau, den grünen Vorgarten und die ruhige Quartierstrasse optisch miteinander. Da wird – ganz anders als bei Siegrist – aktiv eine Beziehung zur Strasse und zum Quartier gesucht.

Lohnende Exkursion für Architekturfreunde

Ein Spaziergang an die Leimeggstrasse ist eine lohnende architekturhistorische Exkursion. Widmer und Studerus sind nicht strammgestanden vor dem Chef d’Œuvre von Siegrist. Sie respektieren seine Leistungen, zweifellos, adaptieren, wo es sich lohnt, und steigern Wohn- und Quartierqualitäten, wo sie sich anbieten. Das Resultat ist weder radikal noch aufsehenerregend – aber bewundernswert, weil es auf kluge Weise den Ort in eine auch ästhetisch attraktive Wohnlage verwandelt hat. Sogar den jungen Geist des hundertjährigen Bauhauses glaubt man wieder zu spüren.

Erstellt: 11.09.2019, 16:43 Uhr

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