Klassische Musik

«Bei uns geht es mehr darum, dass man sich fit hält»

Albrecht Mayer ist Solo-Oboist bei den Berliner Philharmonikern. Am Sonntag spielt er in Winterthur selten zu hörende Kammermusik. Das folgende Telefongespräch dauerte fünfzehn Minuten.

Mit viel Luft und wenig Kraftaufwand: Albrecht Mayer verwendet eine spezielle Atemtechnik. Foto: Harald Hoffmann

Mit viel Luft und wenig Kraftaufwand: Albrecht Mayer verwendet eine spezielle Atemtechnik. Foto: Harald Hoffmann

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Herr Mayer, in dieser Saison treten Sie fünfmal im Programm des Musikkollegium Winterthur auf. Kommen Sie bei den Berliner Philharmonikern zu wenig zum Einsatz?
(lacht) Das kann man, glaube ich, nicht behaupten. Es gibt ja zwei Solo-Oboisten bei den Philharmonikern. Ich mache also genau die Hälfte der Konzerte, das lässt mir genügend Spielraum, um international als Solist und als Dirigent herumzureisen.

Wie viele Stunden üben oder proben Sie pro Tag? Der Pianist Vladimir Horowitz sagte einmal, er übe nicht mehr, er probe nur noch.
(lacht) Das Repertoire muss man natürlich können. Aber bei uns geht es mehr darum, dass man sich fit hält, um weiterhin Lust zum Spielen zu haben. Da kommt vieles zusammen: der Ansatz mit dem Mund, der ganze Körper und die Einstellung dazu, die seelische Komponente. Es ist anstrengend, Oboe zu spielen, wenn man auf einem gewissen Niveau spielen möchte.

Und wie halten Sie sich fit?
Oh, ich habe ein spezielles Trainingsprogramm, das ich immer mache. Je anstrengender die Werke sind, desto mehr muss ich trainieren. Aber ich habe eine Tochter, die jetzt fünf wird, und die hält einen automatisch fit. Abgesehen davon, mache ich Ausdauertraining, ich fahre sehr gern Fahrrad und mache meine Übungen. Da ich ja viel auf Tour bin, habe ich auch im Hotelzimmer mein spezielles Programm.

«Das Oboenquartett
von Mozart
ist extrem schwierig.»
Albrecht Mayer, 
Oboist

Am Sonntag spielen Sie in Winterthur mit drei Streichern Kammermusik von Britten, Mozart, Ravel und Moeran. Was verbindet diese Werke?
Das sind ganz tief empfundene, äusserst sensible Werke, die die Möglichkeiten der Instrumente ziemlich ausreizen und an die Grenze der Spielbarkeit gehen. Es sind teilweise sehr melancholische Werke und alles andere als geläufige Spielmusik.

Laut Programminformationen des Musikkollegiums haben die Werke gemeinsam, dass sie sich auf ältere Musik beziehen, bei Brittens «Phantasy Quartet» wäre das Streichermusik aus dem 16. und 17. Jahrhundert, bei seinem Zeitgenossen und Landsmann Moeran wären es Volkslieder aus Norfolk.
Das würde ich so nicht unterschreiben. Moerans «Fantasy Quartet» ist ein typischer Vertreter der ganz eigenen englischen Romantik, wie sie Vaughan Williams und Elgar gemacht ­haben, in der auch das Pentatonische vorkommt, die typisch ist für die Folklore der englischen Romantik. Bei Mozarts Quartett KV 370 ist das ganz anders. Das ist ein unglaublich tief inspiriertes, äusserst virtuoses Werk, das für alle Beteiligten eine grosse Herausforderung darstellt. Britten hat sein Werk als junger Mann für einen Wettbewerb ­eingereicht, es ist in einem «Krebs» geschrieben, das heisst, es ist in der Mitte gespiegelt und fängt so an, wie es aufhört; da ist alles dabei, von guter Durchhörbarkeit bis zum Avantgardistischen.

Das Pentatonische ist ein exotisches Element in dieser Musik.
Eigentlich überhaupt nicht! Für uns klingt es so, weil es uns fremd ist, weil wir diese englische Romantik manchmal sehr schwer verstehen können. Man muss wirklich tief eindringen in diese Traditionen, auch in diese Tradition der Volksmusik, es kommt auch viel irische Volksmusik da drin vor. Als englischer Komponist reiste man gern herum und liess sich von der Volksmusik inspirieren, wie das später auch Bartók und Kodály in Ungarn gemacht haben.

Warum spielen Sie gerade mit drei Streichern? Ist das eine Kombination, die mit der Oboe besonders gut funktioniert?
Die Kollegen, die ich da mitbringe, sind als Solisten internationale Stars, und ich spiele sehr gern mit ihnen, wir sind ein festes Ensemble. Natürlich haben wir das Programm auf den beiden Hauptwerken aufgebaut, auf dem Fantasie-Quartett von Britten und dem Oboenquartett von Mozart. Beides sind absolute Kostbarkeiten in der Kammermusik.

Proben Sie davor noch in Winterthur?
Wir haben dieses Repertoire schon oft gespielt und werden uns am Vormittag vor dem Konzert zum Proben und Wiederauffrischen treffen.

Ihre Oboe zeichnet sich durch einen sehr lebendigen und ausserordentlich ­schönen Klang aus. Wurden Sie schon von Kollegen ­gefragt, wie Sie das hinbekommen?
(lacht) Ja, natürlich. Ich komme aus einer Zeit, wo man noch vermeintlich «normal» Oboe gespielt hat, also mit sehr viel Kraft und sehr viel Aufwand. Das hat mich eigentlich immer ein wenig gestört, ich wollte immer zu einem eleganteren und leichteren Spiel finden, das sich mehr dem Gesang annähert. Das habe ich mein ganzes Leben lang versucht, und ich versuche auch, das den jungen Kollegen weiterzugeben. Ob mir das gelingt, kann ich überhaupt nicht sagen. Aber es ist mein Anliegen, dass man nicht denkt, oh, wieder die Oboe, die kann weder laut noch leise spielen und klingt meistens hart. Davon wollte ich wegkommen.

Was ist denn das Geheimnis Ihrer Spielweise? Haben Sie eine spezielle Atemtechnik?
Da sind Sie schon ganz nahe dran. Das Geheimnis ist, mit sehr viel Luft zu spielen. Und mit wenig Kraft.

Bläst man bei der Oboe rein? Oder haucht man wie bei der Klarinette?
Absolut nicht, man bläst und erzeugt einen Schalldruck wie bei der Trompete. Man muss das Material des Instruments so machen und den Körper so einstellen, dass das zusammengeht. Das in wenigen Worten zu erklären, ist schier unmöglich.

Sie pflegen ein breites Repertoire vom Barock bis zum 20. Jahrhundert und spielen auch viele Werke, die für andere Instrumente geschrieben sind und die Sie dann transkribieren. Welcher Komponist hat denn aus Ihrer Sicht die besten Stücke für die Oboe komponiert?
Das waren natürlich die Oboisten selber wie zum Beispiel Ludwig August Lebrun. Komponisten wie Robert Schumann und auch Wolfgang Amadeus Mozart liessen sich von anderen Künstlern inspirieren. Gerade Mozart schrieb dezidiert für Musiker, die er kannte, er schrieb ihnen das Werk sozusagen auf den Leib. Für sein Oboenquartett, das extrem schwierig ist, muss er jemanden gehabt haben wie den berühmten italienischen Oboisten Giuseppe Ferlendis oder den Deutschen Friedrich Ramm. Das waren die beiden besten Oboisten, mit denen er zu tun hatte. Er brauchte dafür einen absoluten Virtuosen. Sehr viele andere Komponisten, die selber keine Oboisten waren, haben Dinge von der Oboe verlangt, die nur schwer zu realisieren sind.

Komponieren Sie auch?
Ich habe Stücke geschrieben, aber ehrlich gesagt, ich habe zu viele andere Dinge zu tun, sodass ich das doch meistens meinen Kollegen überlasse und meinen lieben Freunden wie Peteris Vasks, dem lettischen Komponisten, der ein neues Oboenkonzert für mich geschrieben hat, das wir jetzt gerade in Riga zum Nationalfeiertag uraufgeführt haben. Ich bin immer der Meinung: Wenn es etwas gibt, was andere besser können, dann sollte man es ihnen auch überlassen.

Herr Mayer, In dieser Saison treten Sie fünfmal im Programm des Musikkollegiums Winterthur auf. Kommen Sie bei den Berliner Philharmonikern zu wenig zum Einsatz?

Albrecht Mayer & Friends: Sonntag, 17 bis 18.45 Uhr, Stadthaus Winterthur.

Erstellt: 08.02.2019, 16:44 Uhr

Regelmässig in den Klassik-Charts vorne dabei

Albrecht Mayer, geboren 1965 in Erlangen, ist seit 1992 Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Anfang der Woche nahm er mit dem Zürcher Kammerorchester TV-Musik aus Korea auf, beim Telefongespräch weilte er bereits wieder in Berlin. Mayer spielte mit Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt und Claudio Abbado. Seine Aufnahmen, unter anderem mit dem Geiger Nigel Kennedy, landen regelmässig auf den vorderen Plätzen der deutschen Klassik-Charts. Am Sonntag spielt er in Winterthur zusammen mit Tianwa Yang (Violine), Liisa Randalu (Viola) und Gabriel Schwabe (Cello) Werke von Britten, Mozart, Ravel und Moeran. (dwo)

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