Winterthur

Brecht ist dort am besten, wo er über die Liebe schreibt

Viktor Bodó macht das Beste aus Brechts Stück «Der gute Mensch von Sezuan». Dabei zeigt sich: Das Stück hilft bei aktuellen Fragen nicht weiter. Das wusste schon der Autor.

Der kompromisslose Unternehmer Shui Ta (Lisa Förster) macht klar, wer hier das Sagen hat. Foto: Sebastian Bühler

Der kompromisslose Unternehmer Shui Ta (Lisa Förster) macht klar, wer hier das Sagen hat. Foto: Sebastian Bühler

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Wie erhellend Bühnenmusik doch sein kann! Die Songs in Brechts «Der gute Mensch von Sezuan» gehören zu den Höhepunkten des Stücks. Für die Inszenierung des Theaters Heidelberg von 2017, die diese Woche im Theater Winterthur zu sehen war, hat Klaus von Heydenaber die Musik von Paul Dessau arrangiert und sich selbst ans Klavier gesetzt.

Anders als in den epidemischen Musicalproduktionen, wo die Musik dazu dient, eine naheliegende Botschaft nochmals fett zu unterstreichen, verkünden die Songs von Brecht und Dessau keine einfache Moral, sondern lassen noch einmal die im Stück angelegte Vieldeutigkeit funkeln.

Dann kann ein durch und durch egoistischer Bräutigam, ohne verlogen zu wirken, eine Klage anstimmen über das vergebliche Warten auf das Paradies, das erst am «St. Nimmerleinstag» Wirklichkeit werde. Das ist komisch, da steckt Ironie drin, und es ist irgendwie wahr.

Alle Fragen bleiben offen

Der Flieger Yang Sun (Dominik Lindhorst-Apfelthaler) ist ein schlechter Mensch, und er weiss es. Gerade darum braucht er Shen Te (Lisa Förster), so zumindest erklärt er es der Welt. Shen Te hat ihn vor kurzem vor dem Selbstmord gerettet und sich dann in ihn verliebt, nun möchte sie ihn heiraten, er ist aber nur scharf auf ihr Geld, er braucht es, um endlich wieder als Pilot arbeiten zu können. Wenn er seine Felle davon schwimmen sieht, tobt er als machohafter Berserker über die Bühne.

Die Grundfrage des Stücks lautet: Gibt es den guten Menschen? Kann es ihn überhaupt geben angesichts einer Welt, in der jeder zunächst um sein Überleben kämpft und dann auch noch den einen oder anderen Traum verwirklichen möchte? So penetrant und direkt, wie sie in diesem Stück gestellt wird, mit einem asozialen Personal, das meist nur Genuss und eigenen Vorteil im Auge hat, ist es eine leidige Frage, auch wenn sie einem gerade aktuell vorkommen mag.

Für politische Themen wie die Verantwortung von Schweizer Konzernen für Kinderarbeit in Afrika wird man hier jedenfalls kaum Anregungen finden. Da muss man sich mit dem berühmten Schluss begnügen, wonach am Ende alle Fragen offen sind. Brecht selbst erteilte moralpolitischen Anwendungen der Kunst eine Absage.

Grossartige Hauptdarstellerin

Die ehemalige Prostituierte Shen Te, die nun einen Tabakladen führt, scheint lange der von den drei Göttern (Blanka und Béla Mészáros sowie István Dankó mit coolem Ausländer-Deutsch) gesuchte gute Mensch zu sein, bis am Schluss ihre Doppelrolle auffliegt: Sie ist gleichzeitig der angebliche Vetter, der die Leute in seiner Tabak-Fabrik für sich schuften lässt.

Lisa Förster verkörpert beide Rollen grossartig. Ihre nachgiebige Shen Te ist beseelt; der durchsetzungsstarke Vetter erinnert an Karikaturen von «kapitalistischen Ausbeutern» aus den 1920er Jahren und legt beim «Elefantensong» einen eindrücklichen Tanz hin, der ihn als gierigen Bluthund entlarvt.

Die Inszenierung von Viktor Bodó ist etwas vom Besten, was im Theater Winterthur in den letzten Jahren zu sehen war. Sie macht das Spiel als Spiel durchsichtig.

Die Bühne ist ein leicht nach vorne geneigter Bretterboden, die Schauspieler sitzen links und rechts davon und produzieren, wenn sie gerade nicht im Einsatz sind, die Geräuschkulisse, vom prasselnden Regen bis zum sich steigernden Atem beim Geschlechtsverkehr, sie fungieren auch als Chor, der das Geschehen kommentiert; am oberen Ende sitzt eine kleine Band. Es wird sehr gut gesprochen, und von ein paar Comedy-Einlagen abgesehen, verzichtet Bodó auf Klamauk und Revue-Elemente.

Bezaubernd ist das Schattentheater gegen Schluss der etwas über zwei Stunden dauernden Aufführung: Hinter der hochgezogenen Leinwand ist, kombiniert mit imposanten Gesten, ein kryptisches Gebrabbel zu hören, aus dem einschlägige Moralbegriffe auftauchen wie Strandgut - eine wunderbare Parodie auf den Moral-Diskurs der Ethik-Kommissionen.

Die Liebe ist das heimliche Hauptthema

Langweilig wird es einem selten in dieser unterhaltsamen Aufführung, allzu spannend ist sie aber auch nicht. Das liegt am Stück. Die besten Szenen sind die von Shen Te. Wenn sie sich über den Mann freut, der ihr da in den Schoss gefallen ist.

Wenn sie wählen muss zwischen diesem und dem reichen Barbier und sich für den entscheidet, den sie liebt, ohne auszurechnen, was es kostet, ja sogar ohne sich dafür zu interessieren, ob er sie liebt, wie es in Brechts Gedicht heisst. Und wenn sie sich vorstellt, wie sie ihrem Kind die Welt zeigen wird.

Das ist lebendig und direkt, und sprachlich so schlank und elegant, dass es überhaupt nicht verstaubt klingt. Wenn es den guten Menschen gibt, dann muss es einer sein, der liebt.

(Der Landbote)

Erstellt: 01.02.2019, 14:33 Uhr

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