Bühne

Chinas unterdrücktes Erbe, getanzt und gesungen

Shen Yun, ein 2006 von Exilchinesen in New York gegründetes Tanz- und Musikensemble, will dem Publikum die Werte der Tradition näher bringen. Chin-Yunn Yang ist im Thurgau aufgewachsen und hat selbst im Ensemble getanzt.

Die Shows von Shen Yun vereinen in sich elegante Formensprache und Akrobatik.

Die Shows von Shen Yun vereinen in sich elegante Formensprache und Akrobatik. Bild: Edward Dai

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Yang, laut Ankündigung will Shen Yun fünftausend Jahre chinesische Kultur auf die Bühne bringen. Wie muss man sich das vorstellen?
Chin-Yunn Yang: Shen Yun macht zunächst einmal Unterhaltung auf hohem Niveau, geht aber darüber hinaus. Es versucht, den Zuschauern die Tugenden der traditionellen chinesischen Kultur näher zu bringen, die universal sind und von vielen Kulturen geteilt werden. Sie werden anhand von Geschichten vermittelt, mit spektakulärem Tanz, authentischen Kostümen und eindrücklichen Bühnenbildern, begleitet von einem Sinfonierorchester, das westliche und östliche Instrumente vereint. Es handelt sich um Sagen, Mythen und Legenden, wie sie im alten China von Eltern an ihre Kinder weitergegeben wurden.

Gibt es diese Erzähltradition heute noch?
In Festland-China ist sie unter der Herrschaft der Kommunisten leider verloren gegangen.

Die Geschichten wurden verboten.
Während Maos Kulturrevolution wurde alles, was es an alten Kulturen und Kunstwerken gab, zerschlagen, weil es als fortschrittshemmend galt. Stattdessen gab es dann neue Geschichten über Marx und Engels und die grossartigen Heldentaten Maos. Als Kind bekam man das als Doktrin mit auf den Weg. Sie ersetzte die alten Geschichten, etwa die Legende von Mulan, der Kriegerin, deren Geschichte von Disney verfilmt wurde. Als die Hunnen in China einfallen, tarnt sie sich als Mann und zieht für ihren Vater, einen pensionierten General, in den Krieg, weil sie sich sagt, dass er zu alt dafür ist. Es geht hier um Werte wie Mut, Respekt und Liebe zu den älteren Menschen. Man steht für etwas ein, ganz unabhängig von den Umständen. In unserem Kontext tönt das recht modern, es sind aber traditionelle chinesische Werte.

Ist Mulan bei Shen Yun auf der Bühne zu sehen?
Vor Jahren war das einmal der Fall. Es gibt viele solcher Geschichten, aus ihnen schöpft Shen Yun. Es werden jedes Jahr wieder neue Inszenierungen erarbeitet.

Kann man die Geschichten vergleichen mit jenen aus der europäischen Antike?
Ja, das würde ich sagen. Man bekommt durch sie auch einen Einblick in das Leben der einfachen Bevölkerung. In China gibt es über 50 verschiedene Ethnien mit eigenen Sprachen, Traditionen und Kulturen. Über Tausende von Jahren hinweg haben sie friedlich nebeneinander gelebt. Shen Yun will auch diese Vielfalt repräsentieren, in den verschiedenen Volkstänzen. Darunter sind immer mongolische Volkstänze, deren Vielfalt sehr gross ist. Warmherzigkeit und Gastfreundschaft spielen darin eine grosse Rolle.

Als Ganzes gleicht die Show einem Varietée.
Es besteht aus über zwanzig Tanzstücken und zwei bis drei Gesangseinlagen oder Instrumentalvorträgen, die zuvor von einem Moderatoren-Paar erklärt werden – immer auf Chinesisch und in der Sprache des Landes, in dem die Aufführung gerade stattfindet.

Gibt es Verbindungen zur europäischen Art des Balletts?
Tanzen ist eine universelle Sprache. Den klassischen chinesischen Tanz kann man aber mit nichts vergleichen. Er ist extrem ausdrucksstark und ein genauso komplexes System wie das europäische Ballett. Ich habe beides getanzt, und wenn ich den Unterschied auf den Punkt bringen soll, dann würde ich sagen, dass im chinesischen Tanz Mimik, Gestik, Körpersprache und theatrale Formen eine weit grössere Rolle spielen. Er ist grazil, aber wer ihn zum ersten Mal sieht, dem erscheint er auch als sehr akrobatisch. Damit wird die dargestellte Persönlichkeit zum Leben erweckt. Es gibt einen grossen Formenreichtum. Man kann etwa eine andere Person auf sehr verschiedene Weisen anblicken, und die Bedeutung ist jedesmal wieder eine andere. Im europäischen Ballett gibt es das nicht.

In einer Szene ist hinter den Tänzern eine Armee zu sehen. Ist Shen Yun auch von militärischen Formen beeinflusst?
Der klassische chinesische Tanz hat denselben Ursprung wie Kung Fu, die chinesische Kampfkunst: Geht es in einer Schlacht um Angriff und Selbstverteidigung, handelt es sich um Kung Fu. Werden hingegen damit Geschichten erzählt und Gefühle ausgedrückt, dann handelt es sich um den klassischen chinesischen Tanz.

Teile der europäischen Kunst waren lange Männern vorbehalten.
Die Frauen waren im chinesischen Tanz schon immer vertreten. Generell war die Freiheit der Frauen, sich künstlerisch zu entfalten, je nach Dynastie unterschiedlich ausgeprägt. Die Tang-Dynastie, die etwa von 600 bis 900 dauerte, war diesbezüglich eine Hochblüte, damals gab es Dichterinnen, Musikerinnen und Tänzerinnen, die auch öffentlich präsent waren und eine hohe Reputation genossen.

Wie machen sich die drei religiösen Traditionen Konfuzianismus, Buddhismus und Taoismus bemerkbar?
Die ziehen sich durch die gesamte chinesische Kultur. Ein traditionell lebender Chinese praktiziert im Grunde genommen alle drei Lehren, wobei er das nicht bewusst tun muss, sondern indem er den Werten entsprechend lebt. Gelebte Güte und Nächstenliebe sind solche Werte.

Das sind auch Kerntugenden des Christentums.
Ja. Zu den taoistischen Werten gehören auch ganz klar Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit, und dass man sich engagiert, wenn man sieht, dass etwas falsch läuft. Im Konfuzianismus geht es um Respekt anderen und besonders älteren Menschen gegenüber, um Toleranz und Demut. Diese Werte sind ganz stark in der chinesischen Kultur verankert, aber auch etwa in Japan und in Südkorea. Shen Yun hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Werte mit Hilfe von darstellender Kunst auf der Bühne zum Leben zu erwecken.

Wie steht es heute in China um diese Werte?
Die Harmonie zwischen Himmel, Erde und Menschen ist ein starkes Merkmal des Taoismus, was auch die Ehrfurcht gegenüber der Natur einschliesst. Sie haben heute in China einen schweren Stand. Atheismus, Totalitarismus und das Streben nach Fortschritt, koste es was es wolle, sind allgegenwärtig. Der technologische Fortschritt beruht ja auch auf dem Gedanken, dass die Natur bezwungen werden muss. Dieses Denken ist heute vorherrschend. Dafür und um ihren Status quo aufrechtzuerhalten, hat die kommunistische Partei den Harmoniegedanken verabschiedet. Auch die Besetzung Tibets und die Unterdrückung der Uiguren, um nur zwei Beispiele zu nennen, lassen sich nicht mit dem Streben nach Harmonie vereinbaren.

Erstellt: 13.03.2018, 16:45 Uhr

Zur Person

Chin-Yunn Yang, geboren 1982 in St. Gallen, ist Gymnasiallehrerin für Englisch und Chinesisch an der Pädagogischen Maturitätsschule in Kreuzlingen. Früh genoss sie Ballettunterricht. Während eines Studienaufenhalts in New York begann sie dann beim Ensemble Shen Yun zu tanzen, musste aber wegen einer Verletzung die Tanzkarriere beenden. Neben dem Lehrberuf arbeitet sie heute als Mediensprecherin des Vereins für chinesische Kunst, der die Aufführungen von Shen Yun in der Schweiz veranstaltet. (dwo)

Shen Yun

Donnerstag/Freitag, 19.30 Uhr, und Freitag, 14.30 Uhr, Theater Winterthur. Nur noch Restkarten erhältlich. Ferner am 3./4. April im Musical-Theater Basel.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben