Winterthur

«Das Blut hatte nur so gespritzt»

Mit ihrem vierten Roman konnte Anja Berger beim deutschen Grossverlag Droemer und Knaur landen. Er bewegt sich zwischen banalem Alltag und den sadistischen Praktiken eines Serienmörders.

Die Krimiautorin Anja Berger arbeitet in Basel und schreibt im Zug nach Winterthur.

Die Krimiautorin Anja Berger arbeitet in Basel und schreibt im Zug nach Winterthur. Bild: Melanie Duchene

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Abends um halb sechs besteigt sie in Basel den Zug und beginnt zu morden. Wenn der Zug dann im Winterthurer Hauptbahnhof einfährt, liegen wieder irgendwo ein paar Gliedmassen herum, es kann auch mal ein abgetrennter Kopf sein. Zufrieden klappt sie dann den Laptop zu, steigt aus dem Zug und begibt sich zu ihrem Freund.

Zu Beginn sei das eine Wochenendbeziehung gewesen, sagt Anja Berger. Dann wollte sie die Beziehung intensivieren und pendelt seither täglich. Seit zwei Jahren schreibt sie unterwegs Kriminalromane. Der vierte ist im November 2014 als E-Book beim deutschen Grossverlag Droemer und Knaur erschienen, die ersten drei hatte sie im Selbstverlag veröffentlicht. Über tausendmal wurden «Die Farben des Bösen» bei Amazon bisher heruntergeladen. Der Preis: 5 Euro. Tagsüber arbeitet Anja Berger als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei.

Typisch für das Genre

Im Gespräch erweist sich die 32-Jährige als lebenslustige junge Frau, die keine grossen literarischen Ambitionen hegt. Sie schreibe einfach sehr gerne, ausserdem bringe sie so die Zeit beim Pendeln herum. Bei der Schilderung gewalttätiger Szenen bleibe sie innerlich auf Distanz, glaubt Berger. Sie finde es reizvoll, sich vorzustellen, wie jemand alle Hemmungen und den Verstand verliere. Das klingt plausibler als die Behauptung, indem sie sie zu Serienmördern mache, reagiere sie ihren Ärger über Sozialversicherungsbetrüger und andere Gesetzesbrecher ab, die ihr bei der Arbeit auf der Kanzlei begegneten. Gewaltdarstellungen sind im Thrillergenre an der Tagesordnung. Am meisten freut sich Berger, wenn sie ihren Lesern Freude bereiten kann.

Die Romankapitel sind kurze Episoden mit stets wechselnden Schauplätzen. Einmal begleiten wir zwei Singlefrauen um die dreissig in die Disco, wo sie sich aufregende Begegnungen mit fremden, gut aussehenden Männern erhoffen. Darauf sind wir hautnah dabei, wenn der Mörder sein weibliches Opfer bei lebendigem Leib zersägt. Einzelteile werden regelmässig von eigens neu eingeführten Figuren aufgefunden, die einen Ausflug ins Grüne machen. Und die Polizei sammelt die Indizien und versucht, sie in «Tatort»-Manier zu einem Puzzle zusammenzustellen. Vieles ist absehbar, die Wortwahl stereotyp, das Blut spritzt oder gefriert in den Adern.

Trotzdem möchte man wissen, wie es weitergeht. Das liegt an der parallelen Handlungsführung, wie man sie aus TV-Serien kennt. Zudem deutet der Text Zusammenhänge an und verschiebt deren Auflösung auf später, Schauplätze und Figuren sind detailliert geschildert und mit charakteristischen Noten versehen.

«Das kann ich auch»

Einen frischen, unverkrampften Zugang zum Schreiben hatte Berger schon immer: «Meine Schulaufsätze wurden immer länger.» Nach dem Ende der Schulzeit kam der entscheidende Moment dann 2009 bei den Ferien auf Teneriffa. Da las sie einen Roman von Nora Roberts und musste sich sagen: «Das kann ich auch.» Ermuntert durch ihren Freund setzte sich hin und schrieb in drei Monaten ihren ersten Roman. Seither hat sie nie ans Aufhören gedacht, auch wenn es nicht immer so einfach sei: «Manchmal weiss ich nicht, wie es weitergeht.»

Sie findet es reizvoll, mit ihren Figuren Schicksal zu spielen, wie eine Puppenspielerin die Fäden in der Hand zu halten. Von den Mitreisenden im Zug schnappt sie hie und da etwas auf, das sie inspiriert, allerdings übernimmt sie nie etwas wörtlich. Abgesehen davon verschwindet Anja Berger mit dem Starten des Laptops in eine eigene Sphäre, taucht in ihre Geschichten ein und nimmt von der Aussenwelt nichts mehr wahr. Einen Roman schreibt sie zuerst ganz zu Ende, dann folgt ein redaktioneller Durchgang. Ein paar Ungereimtheiten deckt der Lektor noch auf. Dies ist ein Vorteil, wenn das Buch in einem Verlag erscheint. Trotzdem überlegt sie sich, das nächste Buch wieder im Eigenverlag herauszubringen. «Die Betreuung hält sich bei grossen Verlagen in Grenzen. Die selbstständige Publikation lässt einem mehr Freiheiten.»

Ob sie auch dann weiterschreibt, wenn sie vielleicht einmal ganz nach Winterthur zieht, weiss Anja Berger nicht. Gut möglich, dass dann immer andere Dinge dazwischenkommen. Aber eigentlich kann sie sich nicht vorstellen, ganz damit aufzuhören. Anja Berger: Die Farben des Bösen. Thriller. Verlag Droemer und Knaur, 2014. Als E-Book bei Amazon erhältlich. (Der Landbote)

Erstellt: 29.09.2015, 20:38 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!