VIlla Flora

Das Glück des Augenmenschen

Im zehnten Todesjahr erinnert eine eindrückliche Gedenkausstellung an das bemerkenswerte Werk des Winterthurer Malers Henri Schmid.

Henri Schmids Farbhymnen auf die sichtbare Welt passten perfekt in die bürgerliche Welt. Winternachmittag auf Leinwand.

Henri Schmids Farbhymnen auf die sichtbare Welt passten perfekt in die bürgerliche Welt. Winternachmittag auf Leinwand. Bild: PD

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Das Schicksal meint es mit dem 2009 verstorbenen Maler Henri Schmid über den Tod hinaus gut. In der schnelllebigen Zeit sind Künstler rascher vergessen als ein Wimpernschlag. Doch Schmid, der letzte bedeutende Vertreter der hiesigen Pleinairmalerei, war zeitlebens ein glücklicher Mensch, selbst als in der Spätphase seines Lebens körperliche Gebresten seinen Aktionsradius massiv einschränkten. Sein Glück, nun zehn Jahre nach seinem Ableben, manifestiert sich in einer eindrücklichen Retrospektive in der Villa Flora.

Bis die Sammlung Hahnloser Ende 2022, Anfang 2023 an ihren Ursprungsort heimkehren kann, wird die Flora an der Tösstalstrasse unter Aufsicht des Vereins Freunde der Villa Flora sporadisch bespielt. Die Gedenkausstellung ist darum ein Glücksfall für das sonst leerstehende Haus wie auch für die Nachkommen und Freunde von Henri Schmid. Ihm wird eine postume Ehre zuteil, jene Wände zu bespielen, wo bis vor kurzem Meisterwerke Bonnards, Vuillards und Vallotons ein einmaliges privates Ambiente französischer Malkultur schufen.

Wie ein König

Ihren Spuren war auch der 1924 in Töss geborene Schmid gefolgt; selektiv zwar, und wie es dem glücklichen Augenmenschen entsprach, wurden seine Landschaften und Interieurs ein Fest der fein abgestuften Farbtöne, die er im schnellen Takt präzise auf die Leinwand setzte. Wo auch immer er seine Staffelei aufstellte, in der Provence, in Spanien, Griechenland oder dem Weinland, Schmid setzte sich mit Vorliebe auf einen Hügel. Zu seinen Füssen lag die Landschaft, über ihm der Himmel, und die Tiefe des Raumes fand im fernen Horizont seine Grenze in den Bergenketten, im Meer oder den Feldern.

Schmid muss sich wie ein König gefühlt haben, wenn er diese majestätische Sicht auf die Leinwand bannte und das Räumliche mit dem Wunder des Atmosphärischen zu einem Ganzen verwob. Das Glück des Augenmenschen teilte sich in den Bildern dem Betrachter mit.

Banlieue à Montreul - so heisst dieses Werk von Schmid. Bild: mad

Schmids Farbhymnen auf die sichtbare Welt passten perfekt in die bürgerliche Welt der gehobenen Mittelklasse von Winterthur und Zürich. In den 70er und 80er Jahren, unter dem Einfluss der gesellschaftskritischen Avantgarde, gerieten seine stimmungsvollen häuslichen Interieurs und Atelierbilder, seine Landschaften und Stadtansichten freilich unter den Verdacht des Eskapistischen. Dem Schönen sei zu misstrauen, weil es von den wahren gesellschaftlichen Problemen ablenke und die Auseinandersetzung mit der Realität verhindere, wurde sozialkritisch doziert. Schönheit war ein Tabubegriff.

Schönes ist wieder erlaubt

Inzwischen ist man gelassener und freier geworden, auch beim Gang durch die Räum der Villa Flora, wo sich das Panorama eines imponierenden Oeuvres entfalten darf, das durchaus bei einer jungen Generation auch auf (Kauf)-Interesse stossen könnte.

Die Begegnung mit Schmids Landschafts- und Stillebenmalerei ist angesichts der allgegenwärtigen Präsenz digitaler Bilder beinahe ein Luxus und eine Rarität. Wo findet man noch in Öl gemalt die zarten Töne eines Abendhimmels, wo der farbtrunkene Blick auf Paris, einen Olivenhain oder die winterliche Nachbarschaft? Über all diesen Szenen liegt das Glück des gemalten Lichtes, dem Schmid zeitlebens huldigte und dem er sich innigst verbunden fühlte. In einem Stillleben malte er Fischköpfe, jedoch in dunklen Farben. Was bei anderen als Memento Mori verstanden würde, ist Schmids Erinnerung an ein grandioses Künstlerfest, an Freude und Genuss, die auch sein Leben verschönerten. Auch sein roter Alfa Romeo, den er im schmalen Kreuzweg zu parkieren pflegte, steht keineswegs im Widerspruch zu seiner Kunst.

Prominente Porträts

Bis in die 70er Jahre dominierte in Winterthur die Landschaftsmalerei und lange Zeit war Schmid ihr unbestrittener Doyen, dies in der Nachfolge von Rudolf Zender. Man findet Schmids Name auch auf der Ehrenliste der Präsidenten der Künstlergruppe Winterthur (1970-1980), deren aktiver Vertreter er auch im Vorstand des Kunstvereins war. Für sein künstlerisches Schaffen wurde er verschiedentlich mit Preisen bedacht, so etwa mit der Anerkennungsgabe der Stadt Winterthur. 1988 richtete ihm das Kunstmuseum Winterthur zudem eine Einzelausstellung aus. Höhepunkte gesellschaftlicher Anerkennung waren die offiziellen Porträts für Bundesrat Rudolf Friedrich und den kürzlich verstorbenen ehemaligen Stadtpräsidenten Martin Haas.

Die Tochter für den Vater

Kein zweiter Winterthurer Künstler hat so viel Ehrung für sein Schaffen erfahren wie Schmid. Dessen ist sich auch seine Tochter Andrea Hochueli-Schmid bewusst. Aber ebenso ist ihr klar, dass nichts vergänglicher ist als Künstlerruhm. In der Flora fand sie indes Räume vor, die dem Werk ihres Vaters entsprachen.

Die Erinnerungsausstellung wäre für ihn eine Krönung gewesen, dessen ist sie sich sicher. Darum hat sie auch keinen Aufwand gescheut, um mit Schlüsselwerken aus dem Nachlass sowie privaten und öffentlichen Sammlungen einen thematisch sehr gelungen kuratierten Höhenweg auszustecken. Die sehenswerte Hommage der Tochter an ihren Vater, am Rande auch an die Mutter Erika Schmid (1925-2006), selbst Künstlerin und mit Porträtköpfen vertreten, endet in der Veranda mit Schmids Staffelei, die ihn überall auf seinen Reisen begleitet hat. Darauf sein letztes, unvollendetes Bild – blühende Apfelbäume.

Bis 22.12. Freitag bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr, oder nach Vereinbarung. Villa Flora, Tösstalstr. 44.

Erstellt: 13.12.2019, 14:01 Uhr

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