Neu im Kino

Das Grauen ist greifbar

Darf man historisches Filmmaterial aufpeppen und verändern? Der Neuseeländer Peter Jackson liefert mit «They Shall Not Grow Old» eine eindeutige Antwort.

Für seinen Anti-Kriegsfilm hat Peter Jackson Archivmaterial koloriert und digital bearbeitet.

Für seinen Anti-Kriegsfilm hat Peter Jackson Archivmaterial koloriert und digital bearbeitet. Bild: Imperial War Museum / Courtesy of Warner Bros. Pictures

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Die Feierlichkeiten sind vorbei, die runden Zahlen Geschichte. Der Erste Weltkrieg ging im November 1918 zu Ende. Seither sind also bald 101 Jahre vergangen, aber erst jetzt ist bei uns zu sehen, was möglicherweise mehr haften bleiben wird als all das, was zwischen 2014 und 2018 über den «Great War», wie man ihn vor allem im britischem Empire nannte, publiziert wurde. «They Shall Not Grow Old» ist ein eindrückliches, wuchtiges, kaum zu vergessendes Filmerlebnis. Der Film von Peter Jackson – ja, genau, der Regisseur der «Herr der Ringe»-Verfilmungen – läuft ab Donnerstag in Winterthur; letztes Wochenende war er im Rahmen des Basler Festivals Bildrausch erstmals in der Schweiz zu sehen.

Es wäre eine Sünde, diesen Film nicht einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. «They Shall Not Grow Old» zeigt in einer Eindringlichkeit die Grauen des Krieges und die Realität der Umstände vor Kriegsausbruch, bei Kriegsbeginn, in den Schützengräben der Westfront und nachher wieder daheim wie sonst kaum ein anderer Film. Oder ein Buch. Oder eine Doku. Oder eine Ausstellung.

Unsere Sehgewohnheiten

Peter Jackson, der laut Nigel Hinds vom Imperial War Museum in London schon seit vielen Jahren eine enge Beziehung zum Museum pflegte, hat mit den historischen Filmaufnahmen und mit Tondokumenten gearbeitet. Er hat die Filmaufnahmen manipuliert, ja, das trifft zu, aber es ist ihm dadurch gelungen, uraltes Material an unsere Sehgewohnheiten anzupassen. Es sollte ein Film werden, der auch die 15-Jährigen anzusprechen vermag, das sei das erklärte Ziel Jacksons gewesen, heisst es beim Imperial War Museum.

«Wir haben den Film in ganz Grossbritannien mittlerweile anunzähligen Schulen gezeigt», sagt Hinds im Gespräch. «Und die Rückmeldungen sind überwältigend: 100 Prozent der Befragten sagen, dank der Kolorierung sei das Geschehen für sie relevanter und weniger verstaubt. 92 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten jetzt ein besseres Verständnis des Kriegsalltags und was er für die Soldaten bedeutete.»

Für die Puristen unter den Historikern mag es unzulässig sein, altes Archivmaterial zu kolorieren, mittels modernster Computerprogramme in einen 3-D-Film zu verwandeln und überdies einen Soundtrack dahinterzulegen. Mit ständigem Granatfeuer, Explosionen, Trommelfeuer.

Man kann darüber lesen. Aber «They Shall Not Grow Old» zeigt es. 

Für alle anderen, die vielleicht dank dieses Films erstmals ganz anschaulich erfahren, wie schrecklich die Zustände in den Schützengräben waren, wie sinnlos die Massaker bei den Angriffen – die erste Welle wurde fast vollständig ausgelöscht –, sind das akademische Diskussionen. Die Frage ist: Was bringt mehr, im Originalzustand belassenes Archivmaterial, das irgendwo in einem dunklen Keller modert, oder bearbeitetes, von einem Meister seines Fachs geschnittenes, zusammengefügtes Material, das einen packenden, neunzig-minütigen Film ergibt?

Nichts wurde nachgestellt

Denn tatsächlich verändert Jackson ja nichts Wesentliches. Er hat nicht nachträglich einen Kameramann an die Somme geschickt oder nach Ypres. Er hat nichts beschönigt und nichts dazugefügt (ausser den Sound). Aber seit «Saving Private Ryan» hat kein Film den Horror des Krieges so deutlich, so erlebbar gemacht. Die lähmende Angst vor dem Angriff, die tödlichen Wunden, die Toten, die im Schlamm versinken, das Leiden der Tiere, die abfaulenden Füsse jener Soldaten, die zu lange im eiskalten Wasser, das in den Gräben nicht ablief, haben ausharren müssen.

Man kann darüber lesen. Man weiss es vielleicht schon, weil man es in Büchern fand. Aber «They Shall Not Grow Old» zeigt es. (Und an dieser Stelle die Warnung: Der Film beinhaltet grausame Bilder!)

Kriegs- und Sozialgeschichte

Jackson führt den Zuschauer langsam heran. Zuerst sieht man die alten Aufnahmen in diesem komischen Tempo. Zuerst ist alles schwarz-weiss und wegen des 3-D-Effekts wie in einer Guckkiste. Dann zoomt der Regisseur heran, dann kommt Farbe hinzu, dann Ton. Und man ist mittendrin.

Noch ein Wort zum Text. Wir haben bei Nigel Hinds extra noch einmal nachgefragt, was es damit auf sich hat, vor allem weil am Schluss des Films all die Offiziere und Soldaten aufgelistet werden, die mit ihren Wortbeiträgen das unterstreichen – oder erst recht zum Leben erwecken –, was die Bilder zeigen.

Es sind keineswegs Schauspieler, die aus Tagebüchern vorlesen, wie da und dort zu lesen war. Es sind Originalaufnahmen mit Zeitzeugen, die vor fünfzig Jahren, als auch so ein Jubiläum war, im Auftrag der BBC entstanden. Von den willigen 16-Jährigen, die unbedingt in den Krieg wollten, zu den für immer geschädigten Überlebenden, die Ende 1918 zurückkamen: «They Shall Not Grow Old» zeigt alles. Alles. Auch den mehrheitlich erstaunlich menschlichen Umgang mit deutschen Gefangenen. Es ist Kriegsgeschichte und Sozialgeschichte. Hinsehen!

Ab Donnerstag: Kino Loge, E/d.

Erstellt: 25.06.2019, 13:17 Uhr

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