Veltheim

Das Holz der neuen Kapelle erzählt Geschichten von der Flucht

Die Dorfkirche Veltheim hat Zuwachs erhalten in Form einer Kapelle aus Holz. Ab September wird darin Kunst gezeigt. Das Projekt ist auf zwei Jahre befristet.

Schlicht und doch symbolträchtig: Der temporäre Anbau der Kirche Veltheim.

Schlicht und doch symbolträchtig: Der temporäre Anbau der Kirche Veltheim. Bild: Marc Dahinden

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Das Licht ist der Hauptdarsteller in dem Raum, den man vom Chor der Kirche aus betritt: Es kommt durch ein rechteckiges Dachfenster an der Stelle, wo die Deckenbogen sich schliessen würden – dass sie es nicht tun, kann man als Hinweis darauf lesen, dass Menschliches und Irdisches allein nicht vollkommen sein kann, und dass es angewiesen ist auf etwas, das von aussen kommt.

Das Licht trifft auf Wände aus weiss bemalten Spanplatten. Einen Kontrast dazu bildet der rotbraune Boden aus demselben Material. Bis Anfang September steht der Raum leer. Dann finden hier im Zwei-Monats-Rhythmus Kunstausstellungen statt.

Die Fenster hätten die Funktion, Licht hereinzulassen, sagt Markus Jedele, Architekt und Initiant der Kapelle. Andere Lösungen wären teurer geworden, man habe den Bau so einfach wie möglich machen wollen.

Symbolischer Reichtum

Mehr braucht es auch nicht. Wer sich für symbolische Bedeutungen interessiert, der wird hier leicht fündig, sie stecken im verwendeten Material und in der Geschichte des Ortes.

An der Stelle der temporären Kapelle stand hier bis 1864 ein um 1300 gebauter, frühgotischer Chor, der zuletzt noch als Sakristei verwendet wurde. Er bilde «das spirituelle Zentrum der Kirche», heisst es in Jedeles 28-seitiger, liebevoll gestalteter Broschüre «Transformation – Temporäre Kapelle Dorfkirche Veltheim».

«Je näher man dem Heiligsten kommt, desto leerer wird es.»Arnold Steiner, 
Pfarrer der Kirche Veltheim

Auf dieser Basis steht jetzt also ein Holzbau, der auf die ebenfalls von Jedele entworfenen Asylhäuschen in der Kirche Rosenberg (2015–2017) zurückgeht; damit wird in die Kirche eine Flut von Bildern und Geschichten gespült, die von der Flucht erzählen und vom Versuch, in der Fremde heimisch zu werden – sehr alte Themen, die das Christentum wie auch seinen religiösen Ursprung, das Judentum, von Grund auf geprägt haben.

Von aussen erinnert der Bau darin, wie er an die Kirche andockt, selbst an ein Wesen, das Asyl erhält. Er hat hier die Form eines Kubus, der den gebogenen Innenraum zu schützen scheint, und ist mit schwarzer Isolierfolie bedeckt. Darüber wurden schräge, abwechselnd auf und ab balancierende Latten gelegt, was dem Ganzen einen musikalischen Charakter verleiht: Der Bau wirkt fest und beweglich zugleich. Für die Wärmedämmung wurden nicht mehr gebrauchte alte Bücher und Notenmaterialien verwendet, die man zu diesem Zweck schredderte.

Lieblingsstücke von Jedele liegen jetzt in der Kirche auf kleinen Bistrotischchen aus, darunter zum Beispiel ein Klavierauszug von Wagners Oper «Parsifal». Schliesslich musste die Wand vom Kirchenchor her durchbrochen werden. Der Denkmalschutz drückte hier ein Auge zu: Die Mauer stammte von 1980. Dafür kommt nun der Spitzbogen wieder zur Geltung, er fungiert als Tor zur Kapelle.

Kunst gibt es ab September

Punktgenau auf das Datum der Eröffnung hin wurde die Kapelle fertig; von der Idee im Dezember 2018 bis zur Realisierung verging nur ein halbes Jahr. Zusammengebaut wurde die Kapelle im alten Busdepot Deutweg, wo das Material der Asylhäuschen gelagert wurde. Vor zwei Wochen erfolgte der Transport nach Veltheim.

Die Ausführung besorgte die Fima Handholzwerk von Jedeles Sohn Hannes Jedele. Das Projekt verfügt über ein Budget von 140000 Franken, davon sind 60000 Franken für den zweijährigen Kunstbetrieb bestimmt. Architekt Jedele arbeitete ehrenamtlich.

Als Erstes wird ab 4. September der Zürcher Künstler Navid Tschopp seine Installation «Brennpunkt» zeigen: Sie besteht aus drei Satellitenschüsseln, in deren Brennpunkt auf kleinen Bildschirmen Home-Videos von jungen Frauen aus dem Iran zu sehen sind: Sie filmen sich selbst dabei, wie sie westliche Lifestyle-Formen imitieren.

Auf ihn folgt die Winterthurer Künstlerin Theres Liechti. Pro Jahr sind sechs Ausstellungen geplant, die von der ehemaligen Galeristin Anita Bättig kuratiert werden. Auch Veranstaltungen soll es geben.

Nun steht der Raum aber erst einmal leer, bis auf drei einfache Sitzgelegenheiten. Das muss kein Nachteil sein. Pfarrer Arnold Steiner sagt es so: «Je näher man dem Heiligsten kommt, desto leerer wird es.»

Erstellt: 03.07.2019, 12:03 Uhr

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