Kabarett

Das Lied vom Hartschaumzehenspreizer

Es geht um letzte Fragen. Und um ein Aufwachen. Der St. Galler Kabarettist Joachim Rittmeyer zeigt im Casinotheater sein neues Programm.

Kabarettist Joachim Rittmeyer schlüpft in seine Figuren hinein wie in einen Pullover oder ein Jackett.

Kabarettist Joachim Rittmeyer schlüpft in seine Figuren hinein wie in einen Pullover oder ein Jackett. Bild: PD

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Nuschelt der Mann? «Neue Geheimnische» heisst das Solostück des St. Galler Kabarettisten Joachim Rittmeyer, das im Casinotheater am Donnerstag Premiere hatte, und es ist, als ob die Sch’tis unter uns gekommen wären.

Denn die Figuren, die hier auftreten, reden manchmal ganz komisch vor sich hin. Sie sagen Sachen, die irgendwie buchstabenmässig nicht ganz aufgehen. Als ob sie so die Leerstellen, die sich in dieser Welt auftun, mit Bleibseln füllen könnten. Aus dem Moment wird dann schnell ein Momentum. Und anderer Unsinn.

Ein Bleibsel ist bei Rittmeyer etwas, was zum Beispiel vom Apfel übrig bleibt, den Adam gegessen hat, nämlich Bütschgi und Stiel. Solche Dinge sind Restmengen des Wissens über den ursprünglichen Lauf der Welt, sie fehlen uns heute. Anders gesagt: Wir haben ein Funkloch im Hirni. Und fragen deshalb ewig nach dem: Warum?

Roman Zemp schläft

Mit Warum-Fragen beginnt der Abend, es geht um letzte Dinge oder auch vorletzte, wie im letzten und auch im vorletzten Programm, und doch ist alles wie immer ein Neuanfang. Denn Rittmeyer ist nicht allein. Er hat eine neue Figur mit auf die Bühne gebracht. Es ist der Bauer Roman Zemp, der vielleicht auch ganz anders heisst.

Anders gesagt: Wir haben ein Funkloch im Hirni.

Dieser Mann liegt hinter einem Vorhang im Bett und schläft. Nach einem Vorfall bei einem Kornkreis war er ins Koma gefallen. Und bekommt jetzt seinen Auftritt auf der Bühne. Vielleicht ist ja Kabarett für Schläfer ein bisschen belebend, wer weiss. Jedenfalls: Dem Mann soll eine Aufwachchance gegeben werden, dies mithilfe des Publikums. Es geht also in diesem Stück auch ein bisschen um den Gebrauchswert der Kunst. Und wirklich: Es bewegt sich etwas.

Der Alltag, sprachlich zerlegt

«Neue Geheimnische» ist Rittmeyers 21. Soloprogramm, und mit ihm, der 1974 auf der Bühne mit «Lachen und Pfützen» debütierte, ist auch sein Publikum ein bisschen älter geworden. Diese Menschen haben Rittmeyer durch die Zeit begleitet, und vertraut ist ihnen seine Art, wie er den Alltag, der um uns ist, sprachlich zerlegt.

Es geht also in diesem Stück auch ein bisschen um den Gebrauchswert der Kunst.

Abgründe tun sich hier auf. Das Kabarett gibt Überbrückungshilfen. Wieder dabei sind die Figuren, in die Rittmeyer hineinschlüpft wie in einen Pullover oder ein Jackett: Hanspeter Brauchle, ein Wanderer mit eher langsamen Geist; Theo Metzler, der die Restspanne Leben abmessen kann; Jovan Nabo, ein Ungar, der die Seele auf dem Poschettli trägt; nicht zuletzt ein Dichterpoet, von dessen Gedichten nichts bleibt, nicht einmal der Titel. Sie alle sind Rittmeyers Chörli. Wir möchten es nicht missen.

Am schönsten singt er selber. Joachim Rittmeyer singt sogar furchtbar schön. Ausserdem ist er der wahrscheinlich einzige Kabarettist, der mit einem Wort wie Hartschaumzehenspreizer in einem Lied etwas anfangen kann.

Erstellt: 27.04.2019, 10:27 Uhr

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