Künstlerbuch

Das Menschliche im Menschen

Der Winterthurer Künstler Hannes Schüpbach hat sich mit dem Zürcher Bildhauer Cesare Ferronato über sein Werk und sein Leben unterhalten. Der bibliophile Bildband ist eine fesselnde Einführung in die Bildhauerkunst.

Arbeit an «Rotonda», Wachauer Marmor. Beim Atelier in Zürich, 1993.

Arbeit an «Rotonda», Wachauer Marmor. Beim Atelier in Zürich, 1993. Bild: Jacqueline Ferronato

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Das Gespräch mit einem Künstler ist nicht automatisch der Königsweg zum Verständnis seines Werks. Wenn Hannes Schüpbach den 1927 geborenen Bildhauer Cesare Ferronato im Dialog porträtiert, ist das Resultat eine fesselnde Einführung in ein Werk und ein Künstlerleben. Zusammen mit den Fotografien ermöglicht das Buch eine intensive Auseinandersetzung – mit den einzelnen Werken, aber auch mit der Bildhauerkunst an sich sowie mit der spezifischen Herangehensweise dieses eigenwilligen Künstlers.

Kunstgeschichtliche Kenntnisse sind für die Lektüre nicht erforderlich, Bezüge zu Vorbildern und anderen Künstlern werden nur am Rand hergestellt. Ferronato ist ein Einzelgänger, der sich seinen Weg selber sucht und wohl mit Familie und Freunden Kontakte pflegt, aber kaum mit anderen Künstlern.

Grosse und alltägliche Fragen

Der 1965 geborene Schüpbach, selbst bildender Künstler – zu Beginn malte er, jetzt macht er vor allem Filme –, bringt nicht nur viel Verständnis für den kreativen Prozess mit, er interessiert sich für die alltäglichen Fragen genauso wie für die ganz grossen, zum Beispiel dafür, wann etwas Kunst ist. Weil die Bildhauerei, wie sich zeigt, viel mit dem Leben zu tun hat, birgt der bibliophil gestaltete Band zudem grundlegende Einsichten; die beiden befreundeten Künstler nähern sich ihnen in einem nie abgehobenen Diskurs. Der Text, durchwegs in Interview-Form, ist in einer allgemein verständlichen Sprache gehalten.

Bereits 2007 zeigte Schüpbach den Künstler in seinem vierzigminütigen, wie immer ohne Tonspur aufgenommenen Film «Erzählung» bei der Arbeit am Stein oder beim Skizzieren und beim Beisammensein mit Familienmitgliedern; zu sehen sind besondere Momente und Blickwinkel, etwa das Augenspiel beim Schach mit seiner Frau Jacqueline.

Der Bildhauer ist nicht besonders daran interessiert, seine Kunst zu verkaufen: «Ich wollte vorerst ganz für mich arbeiten», erinnert sich Ferronato. Das zieht sich durch sein ganzes Leben. Man muss ihm seine Werke entreissen, er möchte sie um sich haben.

Rund zwei Drittel des Dialogs sind den Werken gewidmet. Sie bilden den Kern des Buches. Es geht um die grundlegenden Fragen, die in diesem Fall praktischer Natur sind, es geht um die Herkunft und Beschaffenheit des Steins, um Fragen der Technik, um Anatomie und darum, was zuerst kommt, die Idee oder das Material. Die Fragen sind so gestellt, dass man sie als Laie nachvollziehen kann und damit zu sehen lernt.

Kinderlähmung

Die ersten Jahre sind geprägt von der Kinderlähmung, die eine starke Gehbehinderung zur Folge hat, von Operationen und langen Therapien in der Schweiz und in Italien; die italienischen Eltern lassen sich 1928 in Zürich nieder. Der schwierige Start entmutigt Cesare nicht, im Gegenteil, er entwickelt «eine Art Widerstand» (Schüpbach), «einen riesigen Tatendrang» (Ferronato).

«Ich lernte zu entbehren und geduldig zu sein – das musste ich –, ich lernte zuzuhören und zu sehen.»Cesare Ferronato,
Bildhauer

Das Überwinden von Schwierigkeiten passt zur späteren Arbeit am Stein. Ferronato: «Ich lernte zu entbehren und geduldig zu sein – das musste ich –, ich lernte zuzuhören und zu sehen.»

Noch in der Werkstatt des Vaters, der um 1930 vom Handel zum Kunsthandwerk umsattelt, lernt er das Zementgiessen und Restaurieren und beginnt für sich zu modellieren, später besucht er die Kunstgewerbeschule; seine «Wanderjahre» führen ihn nach Mailand und Rom. Italien, das Land seiner Herkunft, bleibt immer prägend; von 1974 bis 1984 arbeitet er in einem Atelier in Genua, in einem vier mal vier Meter grossen Gartenhäuschen, das zur Villa von Freunden gehört. Seine Figuren sind von einem mediterranen Geist beseelt, in dem die Götter der Etrusker und der griechisch-römischen Welt weiterleben.

1958 heiratet Ferronato die 1933 in Winterthur geborene Zeichenlehrerin und spätere Keramikerin Jacqueline Renfer, 1962 bezieht er sein eigenes Atelier in Zürich-Höngg, wo er bis zu zwölf Stunden pro Tag arbeiten kann. Dort verbringen die drei Kinder viel Zeit, während seine Frau auswärts Stenografie und Maschinenschreiben unterrichtet. «Offenbar waren wir eine verrückte Familie», sagt Jacqueline Ferronato. «Ich empfand das gar nicht so. Es war wie es war.» Zeitereignisse spielen praktisch keine Rolle. Auf die Frage, was sie von «1968» mitbekommen haben, antwortet Jacqueline Ferronato, davon habe man gehört, «aber es ist auch einfach an einem vorbeigegangen». Ausstellungen im Zürcher Kunsthaus mit Werken von Henri Matisse oder Henry Moore werden nicht besucht.

«Spielereien»

Das Doppel- und Mehrdeutige zeichnet Ferronatos Figuren aus. «Minotaurus» von 1987 ist ein Mischwesen wie aus einem Traum, halb Tier, halb Mensch – und immer auch noch Stein. «Damit kann man spielen»: Das sagt Ferronato oft; er ist einer «der etwas daraus macht», so formuliert es Schüpbach. Zuweilen spielt der Künstler auch die Bedeutung herunter, «Spielereien» nennt er es dann. Gerade sie gefallen seinem Gesprächspartner.

Der Stein wird zufällig gefunden – das sei «auch so ein Stück Stein, das vor mir auf dem Boden lag», meint Ferronato einmal . Der Stein passt, weil schon eine Idee vorhanden ist, enthüllt dann aber mit seiner Beschaffenheit so etwas wie einen eigenen Willen: Es braucht zuerst eine klare Vorstellung vom Ergebnis, weil man ja beim Stein nichts wieder ansetzen kann, trotzdem ist die Arbeit ein Dialog und die Entwicklung, die das Ganze nimmt, im Voraus nicht vollständig absehbar.

Zu den eindrücklichsten Werken zählen die beiden Figurenpaare «Mutter und Sohn I und II» (1966 und 1967). Ferronato hat hier, wie er sagt, die Spannungen, die man mit einem Kind erlebt, abgebildet, ein Aspekt, der bei der traditionellen Madonna mit Kind fehlt. Das reale Verhältnis bewegt sich zwischen Spiel und Kampf: Der Sohn stösst sich mit den Füssen von der Mutter ab, die ihn mit aller Kraft festzuhalten sucht. Die Dynamik, die sich hier in der Horizontalen ausdehnt und nicht in der Vertikalen, wie sonst bei diesem Motiv üblich, veranschaulicht die Kräfte, die in der Beziehung wirken. Die Figur ist von verschiedenen Seiten zu betrachten, man muss um die Skulptur herumgehen, ja sie am besten sogar anfassen: Für Ferronato ist die Vorstellung ein «mehrdimensionaler Prozess».

Zum Anfassen

In Museen und Galerien ist es normalerweise nicht erlaubt, die Werke zu berühren, stattdessen werden sie unter möglichst idealen Bedingungen gezeigt, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Ferronato kritisiert die museale Inszenierung der Kunstwerke, die damit in eine höhere Sphäre gehoben werden, was vor allem dem Handel mit bekannten Künstlernamen dient: «Dieses Zurschaustellen unter den besten Lichtverhältnissen ist in meinen Augen ein Witz.» Seine Skulpturen darf und soll man anfassen. «Ich muss den Leuten immer sagen: Lebt damit!» Schliesslich sei jede Arbeit ephemer, vergänglich.

«Dieses Zurschaustellen unter den besten Lichtverhältnissen ist in meinen Augen ein Witz.»Cesare Ferronato

Seine Skulpturen sind eine Mischung aus Abstraktion und Figürlichem. Auch wenn die anatomischen Gegebenheiten «falsch» sind, können sie stimmen, denn die Skulptur besitzt ihre eigenen Gesetzmässigkeiten. Sie herauszuarbeiten, ist grundsätzlich ein nie abgeschlossener Prozess. Wann es stimmt, muss der Bildhauer entscheiden; ob es auch anderen gefällt, ist sekundär.

Figuren mit zwei Gesichtern

Ferronatos Figuren bringen die Ambivalenz zum Ausdruck, die für ihn eine grundsätzliche Gegebenheit des Menschen ist. «Das Menschliche im Menschen» nennt er es und hat dafür eine Form entwickelt, Figuren, die zwei Gesichter zeigen, je nachdem, von welcher Seite man sie betrachtet, ein vergnügtes etwa und ein in sich gekehrtes oder verschlossenes wie bei der «Frauenfigur mit zwei Gesichtern» von 1980 oder bei der Serie seiner drehbaren «Fenster».

Themen wie das «Zweiseitige» werden in den Gesprächen, die zwischen März 2015 und Januar 2016 stattfanden, vertieft besprochen. Mit fortschreitender Lektüre stellt man fest, wie sorgfältig das Material geordnet wurde: Die Werkbetrachtung führt zu grundsätzlichen Fragen, dabei kommt es zu überraschenden Einsichten. Anhand von sechstausend Jahre alten Widder-Statuetten aus dem Iran etwa. Oder anhand eines Zielfotos von einem Hundert-Meter-Sprint, wo die «Darstellung» der Bewegung Ähnlichkeiten aufweist zu Ferronatos «Drehfiguren», indem Gliedmassen seltsam verkrümmt und gestaucht wirken; in den Augen des Bildhauers wird hier Bewegung «zusammengefasst».

Dialog über die Zeiten hinweg

«So etwas kann man machen», sagt Ferronato angesichts einer fast siebentausend Jahre alten Figur aus Rumänien, bei der der Fuss weggelassen wurde. Wenn der Künstler mit den Werken in einen Dialog eintritt, verlieren die grossen Zeitabstände ihre Bedeutung.

Es klingt banal, ist aber eine Einsicht, die man sich immer wieder vor Augen halten muss, dass ein gemaltes Tier kein Tier mehr ist, sondern Malerei. Das Wichtigste sei das Empfinden, nicht das Wissen oder die Erfahrung, hält Ferronato fest.


Cesare Ferronato – Anatomie des Steins. Gespräche mit Hannes Schüpbach. Verlag für moderne Kunst, Wien 2017. 224 Seiten, Fr. 59.90. Der Band ist auch in einer englischen Übersetzung erhältlich.

Erstellt: 16.12.2018, 14:49 Uhr

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