Ausstellung

«Das Politische ist sehr gut vertreten»

An der Jungkunst, die am Donnerstag eröffnet wird, zeigen 25 Künstlerinnen und Künstler ihre Werke. Wie wurden sie ausgewählt? Ein Rundgang mit Kuratorin Katja Baumhoff.

Die Jungkunst spiegelt die Vielfalt in der jungen Schweizer Kunstszene.

Die Jungkunst spiegelt die Vielfalt in der jungen Schweizer Kunstszene. Bild: Marc Dahinden

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250 Bewerbungen waren für die diesjährige Jungkunst eingegangen. Dreissig Kunstschaffende wurden ausgewählt und in ihren Ateliers besucht; sie arbeiten in der ganzen Schweiz, von Genf bis St. Gallen. Ausserdem macht sich die Jury auch selber auf die Suche nach jungen Talenten, bei Bachelor-Ausstellungen an der Zürcher Hochschule der Künste etwa oder an der Hochschule Luzern.

25 Künstlerinnen und Künstler können nun in der Halle 53 ihre Werke zeigen. Die Schau öffnet morgen und dauert vier Tage. Geladene Gäste dürfen sich jeweils bereits am Montag ein Bild machen. Wie immer sind fast alle Werke käuflich zu erwerben.

Alle Stilrichtungen sind vertreten, darunter drei Videoarbeiten, die in abgedunkelten Räumen an der hinteren Längsseite der Wand zu sehen sind. Davor verläuft das «Installation Valley», wie die Ausstellungsmacher es nennen: Begehbare Skulpturen finden sich hier, und am oberen Ende entsteht während der Ausstellung eine Wandmalerei. Katja Baumhoff, unter anderem künstlerische Leiterin im Shed im Eisenwerk in Frauenfeld, sass zum zweiten Mal in der vierköpfigen Jury. «Stimmungsvolle Fotos von einsamen Strassenlampen haben es bei uns schwer», sagt die Kunsthistorikerin.

Nach welchen Kriterien wurden die Arbeiten ausgewählt? Ein Rundgang mit Baumhoff zeigt, dass es da keine präzisen Masse gibt. Auch bei professionellen Juroren spielt das Lustprinzip eine Rolle. Baumhoffs persönliche Favoriten sind die Videos. Piet Baumgartner, Jahrgang 1984, hat das Video «Ever Is Over All» von Pipilotti Rist bis in Details nachgemacht: In derselben Strasse, in der bei Rist eine Frau gut gelaunt Autoscheiben einschlägt, werden nun ebenso lustvoll und mit Schwung fliegende Drohnen niedergeknüppelt – und die Polizistin, die vorbeigeht, grüsst freundlich. Eine lustige Hommage sei das, findet Baumhoff. Das Vorbild werde ins Zeitgenössische übersetzt, der Künstler arbeite sehr professionell.

Engagierte Kunst

Amélie Bargetzi (1994) beschäftigt sich in «Mon-Idée» mit einer Episode aus der Geschichte ihrer Familie, die in den Zweiten Weltkrieg zurückführt, und verwendet dabei das Motiv der «stillen Post»; es demonstriert die Veränderung, die bei der Überlieferung geschieht. Johanna Gschwend (1990) führt mit einer raffinierten Verdoppelung des Bildes vor Augen, wie der Charakter eines Dorfes durch einen Neubau verändert wird.

Das Politische sei diesmal sehr gut vertreten, sagt Baumhoff. Ein gutes Beispiel dafür ist die Arbeit von Claudia Bühler (1991). Nüchterne Fotos auf einer Stellwand zeigen Schweizer Rüstungsbetriebe von aussen, sozusagen in Postkartenansicht – wären da nicht ein drei Meter hoher Zaun und mehrere Kameras.

An der Wand dahinter dokumentiert Bühler ihre Recherchen, dazu gehören die konkreten Folgen, die das Material in Kriegsgebieten hat, und die politischen Debatten. Oder die Tat­sache, dass die US-Armee und die deutsche Bundeswehr einen Teil ihres Nachwuchses bei den ­Gamern rekrutieren. Die glatte Oberfläche der Firmen wird damit aufgebrochen.

Die primäre Antwort auf die Frage, weshalb ein Werk ausgewählt worden sei, dürfte wohl lauten: weil es uns gepackt hat. Eine Voraussetzung ist die professionelle Machart; manche Arbeiten seien schlecht ausgeführt, sagt Baumhoff, andere würden Dinge wiederholen, die man so oder ähnlich schon oft gesehen habe.

Immer eine Rolle, das wird auf dem Rundgang klar, spielt der Kontext, in dem das Werk steht: das Umfeld der übrigen Arbeiten und der Wunsch, eine möglichst vielseitige Ausstellung zu machen. Für die Auswahl braucht man ein Auge, und das bekommt man eben, wenn man die Kunst zum Beruf gemacht hat. So sind auch diesmal wieder begehbare Installationen vertreten, darunter eine doppelte Plastikfolie von Anita Moser und Mirjam Plattner (1992/1993), die von der Decke bis zum Boden reicht. Beim Versuch, zwischen den Folien geradeaus zu gehen, kann einem schwindlig werden – ein ganz einfaches, aber wirkungsvolles Konzept, das die Sicherheit hinterfragt, mit der wir unserer Wahrnehmung vertrauen.

Die Frau im Wasserglas

Die Fotografie ist nicht mehr, wie noch bei früheren Ausgaben der Jungkunst, übermässig vertreten. Auch hier wirken sich der im letzten Jahr erstmals eingeführte Beizug professioneller Kuratorinnen und Kuratoren und die Beschränkung der Anzahl positiv aus. Auch in einer kleinen Menge hat Vielfalt Platz: Den religiösen Innenräumen, die Fabienne Watzke (1994) in Zürich mit viel Gespür für Farben und Lichtverhältnisse dokumentiert, stehen die Aufnahmen von Florian Moser (1990) gegenüber, der auf seinen Fotos von Höhlen mittels Laser die Raumreliefs abbildet und so das Digitale mit dem Analogen verbindet.

Schwer vorstellbar ist die Performance, die Eva Lillian Wagner (1995) zeigen wird: Sie steigt in ein mit Wasser gefülltes, durchsichtiges Gefäss, das man spontan als Blumenvase bezeichnen möchte, so schmal ist es. Die Fragen, die Wagner damit stellen will, sind philosophischer Natur, sie betreffen die Identität der Künstlerin und letztlich uns alle in unserem Tun: «Bin ich Eva, wenn ich im Wasser bin? Bedeutet Inszenierung immer gleich Behauptung?» Das Rahmenprogramm enthält ferner Konzerte, Poetry-Slams und Partys.

Am Samstag um 17 Uhr spielt das Musikkollegium unter der Leitung von Pierre-Alain Monot Werke von Ravel und Schubert. Das ist ein schöner Ausblick in die Zukunft: Wie am Montag bekannt wurde, soll das Orchester dereinst regelmässig in der umgebauten Halle auftreten.

Erstellt: 24.10.2018, 10:27 Uhr

Jungkunst

Donnerstag 16–24 Uhr, Freitag 16–1 Uhr, Samstag 11–1 Uhr, Sonntag 11–18 Uhr. Halle 53, ­Katharina-Sulzer-Platz. Wagners Performance: Donnerstag um 19.30 Uhr, Freitag um 17 und 22.30 Uhr, Samstag um 15 und 22.30 Uhr und Sonntag um 14 Uhr. Musikkollegium: Samstag 17 Uhr.

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