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Das «Römerholz» will sich öffnen

Kerstin Richter, seit November 2016 Leiterin der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», möchte das Haus für Familien attraktiver machen.

Einer von rund 70 «verborgenen Schätzen» aus dem Keller: Kerstin Richter vor dem Gemälde «Der heilige Christophorus» von Pieter Huys.
Einer von rund 70 «verborgenen Schätzen» aus dem Keller: Kerstin Richter vor dem Gemälde «Der heilige Christophorus» von Pieter Huys.
Nathalie Guinand

Mit Familienprogrammen, einem Quiz, Kindergeburtstagen und Führungen von Kindern für Kinder will die neue Leiterin der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» das Haus für Familien und Kinder attraktiver machen. Vermehrt nutzen möchte sie den Garten, auch gastronomisch mit der Möglichkeit zum «Déjeuner sur l’herbe». Die ganze Anlage soll begehbar, die zum Teil seltenen Pflanzen sollen besser gewürdigt werden. Die Öffnung erfolge im Sinne der Kulturbotschaft des Bundes, hält Kerstin Richter fest, die ihr Amt im November 2016 angetreten hat. Für die am Angebot des Museumscafés laut gewordene Kritik («Landbote» vom 20.2.) hat Richter Verständnis. Man sei mit dem neuen Pächter, der das Café im Januar übernommen hat, im Gespräch. Die Schwierigkeiten führt Richter auf die Umstände des Pächterwechsels zurück. Es gebe zudem auch positive Rückmeldungen.

Das in der Schweiz und im Ausland bekannteste Winterthurer Museum liegt ein wenig erhaben am Waldrand über der Stadt. Hier, an seinem Wohnsitz, versammelte Oskar Reinhart (1885-1965) die Bilder, die ihm am meisten bedeuteten, Meisterwerke unter anderem von Cézanne, Courbet, Renoir, Manet, van Gogh. 1958 vermachte er diesen Teil seiner Sammlung der Eidgenossenschaft.

Die Sammlung des Museums Oskar Reinhart «Am Römerholz» gehört zum Bundesamt für Kultur, wie die Nationalbibliothek, die Bundeskunstsammlung und die Gottfried-Keller-Stiftung; die Museumsanlage ist dem Bundesamt für Bauten und Logistik unterstellt.

Fast alle arbeiten Teilzeit

Kerstin Richter ist umgänglich und bodenständig, man traut ihr zu, dass sie frischen Wind in das ruhige Haus bringt. Die 1967 geborene Kunsthistorikerin folgt auf die langjährige Leiterin Mariantonia Reinhard-Félice, als deren Assistentin sie seit 2009 gearbeitet hatte; die Vorgängerin konnte mit ihrer elitären Aura manchmal einschüchternd wirken.

Das Pensum, das Richter mit ihrer 80-Prozent-Stelle bewältigt, umfasst neben Führungen auch wissenschaftliche Forschung und administrative Aufgaben; unterstützt wird sie von einer wissenschaftlichen Assistentin, einem Sekretariat, einer Fachperson für Werbung sowie einem Technikchef, ausser dem letzteren alle mit Teilzeitpensen.

Anfangs nahm sich Richter vor, sich jeden Tag einmal in Ruhe vor ein Bild zu setzen. Doch das liess sich nicht durchhalten: «Da denke ich immer gleich an die Mails, die ich noch beantworten sollte.» Gerne würde sie auch die Sammlung öffnen und mit Sonderausstellungen für Abwechslung sorgen, konkrete Projekte hat sie aber noch nicht. Die Schenkungsurkunde verbietet das Ausleihen von Werken, was im internationalen Kunstbetrieb ein Nachteil ist; wer nichts anbieten kann, hat es schwerer, von anderen etwas zu bekommen.

In der Zwischenzeit werden «verborgene Schätze der Sammlung» gehoben, wie die aktuelle Veranstaltungsreihe heisst, die jeweils ein Bild ins Zentrum stellt. Ein Drittel der 210 Bilder umfassenden Sammlung lagert im klimasicheren Kulturgüterschutzraum. «Ein Safe könnte nicht sicherer sein», sagt Richter. Nach Gustave Courbets «Waldlandschaft mit Bach» ist es zurzeit eines aus dem 16. Jahrhundert, das den Weg aus dem Keller in das Museum gefunden hat.

Ein Bild in Bosch-Manier

Das Gemälde «Der heilige Christophorus» von Pieter Huys, entstanden um 1560, zeigt eine Reihe von fantastischen Figuren, die zunächst an Hieronymus Bosch denken lassen. Und tatsächlich hatte Reinhart das Bild 1923 als ein Werk von Bosch zugekauft: Die Monster und skurrilen Mischwesen, halb Tier, halb Mensch, sind ein Markenzeichen des niederländischen Malers, von dem auch Heiligenbilder wie die «Versuchung des Hl. Antonius» überliefert sind.

Aus unserer Perspektive erscheine Bosch übergross, erklärt Richter, als sei nach ihm im 16. Jahrhundert nichts mehr gekommen: «So dachte man damals aber nicht.» Das Diablerie genannte Bildgenre etwa sei häufig anzutreffen; als Erfinder gelte zwar Bosch, doch dann habe es sich selbständig weiterentwickelt. «Auch ein Maler wie Pieter Breughel der Ältere betätigte sich auf diesem Feld.» Der Kunstmarkt in Antwerpen habe eine riesige Nachfrage nach solchen Bildern abgedeckt, die, wie in diesem Fall, für die persönliche Andacht verwendet werden konnten. Sicher Huys zuschreiben lassen sich nur fünf Bilder; er hat weit mehr gemalt, sie jedoch in der Regel nicht signiert.

Der Name Christophorus bedeutet «Christusträger». In der massgeblichen Legendensammlung des Mittelalters, der «Legenda aurea», trägt er Christus über einen Fluss – eine schwere Last, die ihm fast das Genick bricht, denn schliesslich trägt er niemand Geringeres als den Schöpfer. Wie alle Heiligen bot Christophorus dem Gläubigen Schutz gegen das Böse. Besonders schützte er vor Überschwemmungen. Er galt auch als Brückenheiliger – beim Kloster Rheinau etwa kann man ihm begegnen – und stand für den Übertritt ins Jenseits.

Während die Monster auf den Bildern von Bosch kampflustig dargestellt sind, beobachtet Richter bei Huys eine Abschwächung ihres dämonischen Charakters. Die Ängste, für die sie stehen können, sind zwar noch da. Aber, und das ist hier neu, die alptraumhaften Wesen bedrohen Christophorus nicht mehr, sie greifen nicht mehr ins Geschehen ein. Die Ängste bekommen stattdessen einen Zug ins Lächerliche: «Das Monströse wird unterhaltsam», sagt Richter. Und so, kann man hinzufügen, ist es bis heute, wie man aus Hollywood weiss.

Am 22. März geht Kerstin Richter im Gespräch mit der Psychotherapeutin Vera Demant anhand des Bildes von Huys der Frage nach, ob Monster und Mischwesen kurios oder gefährlich sind (18 bis 18.45 Uhr). Das Bild ist bis 23.4. zu sehen.

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