Stadtbibliothek

Das zweite Leben alter Häute

Aus alt mach neu! Das galt schon vor vielen hundert Jahren, wie das Original des Monats in der Sammlung Winterthur beweist.

Ein Notenblatt aus einer alten, nicht mehr gebrauchten Pergament-Handschrift fand als Einband für ein 1528 gedrucktes Werk des Theologen Martin Butzer Verwendung.

Ein Notenblatt aus einer alten, nicht mehr gebrauchten Pergament-Handschrift fand als Einband für ein 1528 gedrucktes Werk des Theologen Martin Butzer Verwendung. Bild: PD

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Gehören Sie zu den Wiederverwertern? Zu denen, die es sich dreimal überlegen, bevor sie etwas wegwerfen? Dann wird Ihnen auch das aktuelle Original des Monats nicht fremd vorkommen, selbst wenn Sie mit Ihrem Latein schon lang am Ende sind oder überhaupt nie Lateinunterricht gehabt haben. Denn Latein müsste man können, wenn es darum ginge, sowohl Inhalt als auch Verpackung aller zwölf Beispiele zu verstehen, die zusammen das Original des Monats bilden.

Doch hier geht es weniger um das Verstehen von Geschriebenem als um Einsicht ins «Upcycling anno dazumal». So wurden in der Zeit des frühen Buchdrucks alte, scheinbar bedeutungslos gewordene Handschriften wiederverwertet und bei der Buchherstellung und Buchreparatur eingesetzt. Man nahm die beschriebenen Pergamentbögen, um – mehr oder weniger unsichtbar – Buchrücken oder Buchblock eines auf Papier gedruckten Buches zu verstärken, seinen Einband zu polstern oder um sie – dies nun sichtbar – zu einem Schutzumschlag oder gar zu einem Einband zu verarbeiten.

Pergament war viel zu teuer, um weggeworfen zu werden (man erinnere sich: für ein etwas umfangreicheres auf Pergament geschriebenes Buch musste eine ganze Schafherde ihre Haut lassen), und als zähes und elastisches Material bestens für etwas geeignet, das oft in die Hand genommen wurde. Wenn der wiederverwertete Pergamentbogen besonders attraktiv beschrieben, einzelne Grossbuchstaben, Kapitelanfänge oder Absatzzeichen farbig gestaltet waren, dann sah auch der Einband hübsch aus, selbst wenn der darauf zu lesende Text nicht viel mit dem Inhalt des Buches zu tun hatte.

Spuren lesen

So nimmt man beim ältesten und grössten der zwölf Objekte, einem Bibeltext zwischen hölzernen, mit Leder überzogenen und metallverstärkten Buchdeckeln aus dem Jahr 1474, die Pergamentverstärkungen nur nebenbei wahr, während bei einem Werk von Rudolf Hospinian – dem späteren Pfarrer am Zürcher Fraumünster – aus dem Jahr 1588 das alte Pergament zum Schmuck für den Einband wird: Aus der zweispaltigen Handschrift leuchtet eine grosse, farbige Initiale hervor, mit Rankenwerk hinterlegt und mit Gold verziert.

Um einiges bescheidener nimmt sich der Einband für den Kirchenkalender aus, den Frater Balthasar Mentz 1618 für das Zisterzienserinnenkloster Mariazell zu Kalchrain in Hüttwilen von Hand auf Deutsch geschrieben hat. Der kaum verzierte Einband, der mindestens hundert Jahre älter sein dürfte als der Buchinhalt, ist stark abgegriffen und höchstens noch für Spezialisten zu entziffern. Im Innern sieht man zudem, dass Bücher nicht nur Orientierung und geistige Nahrung für Menschen wie die damalige Äbtissin des Thurgauer Klosters Maria Salome oder Priorin Catharina Hartmännin, sondern auch für hungrige Würmer sein können: Kreisrunde Löchlein und andere Frassspuren haben die Schädlinge im Laufe der Jahrhunderte hinterlassen.

Auch Notenblätter fanden Verwendung, um einem alten Buch Schutz und Halt zu bieten. Für das 1528 gedruckte kleinformatige, aber dicke Werk von Martin Butzer, einem bedeutenden Theologen der Reformation, kam ein Blatt mit roten Notenlinien, schwarzen Noten und schwarzer Schrift zum Einsatz – praktisch und günstig war das, wie das ganze Upcycling von anno dazumal, aber letztlich doch nur ein Notbehelf.

Gekonnt zweckentfremdet

Für die Nachwelt allerdings konnte die zweckentfremdete Wiederverwertung alter Pergamente zum Glücksfall werden, nämlich dann, wenn die Forschung in ihnen Fragmente von Dichtungen, Urkunden oder anderen wichtigen Texten erkannte und dabei noch heute auf so manches verloren Geglaubte stösst. Ob beim aktuellen Original des Monats entdeckenswerte Pergamentmakulatur verwendet wurde? Eher nicht. Aber entdeckenswert ist manches, darunter auch Exotisches, «Pergamentfreies».

Dafür stehen die beiden jüngsten Beispiele. Johann Jakob Meier, ab 1770 Pfarrer in Pfungen, hat für seine riesige Manuskriptsammlung, die zum Grundstock für die Handschriftensammlung der einstigen Bürgerbibliothek wurde, ein gedrucktes Buch (einen Epheser-Kommentar auf Niederländisch) genommen, es mit Unmengen von in feiner Feder geschriebenen Papierstreifen versehen und so zum ersten Register seiner Manuskriptsammlung umfunktioniert.

Schliesslich noch das kleinste Objekt unter den Originalen, ein Etui mit selbstgefertigten Spielkarten und spielkartengrossen Blättern aus dem Jahr 1816. Auf ihnen hat der Winterthurer Schriftsteller und Politiker Ulrich Hegner (1759-1840) «Kurze Lebensnotizzen von 1759-1816 (…) copiert». So manches Werk des überaus sympathischen Zeitgenossen ist noch heute lesenswert, ganz abgesehen davon, dass sich Hegner neben seinen politischen Ämtern und seiner Tätigkeit als Schriftsteller jahrzehntelang als Winterthurer Stadtbibliothekar bewährte.

Original des Monats, bis Ende Juni, Stadtbibliothek, 4. Stock, Mo bis Fr 13.30-18.30, Sa 10-17 Uhr. (Landbote)

Erstellt: 11.06.2019, 14:55 Uhr

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