Winterthur

Der Dirigent kam zu Fuss aus Zürich

Die Kantorei der Stadtkirche feiert morgen ihren 125. Geburtstag mit «Schöpfungsmusik».

Drei Konzertprogramme und sechs Gottesdienste pro Jahr: Die Sängerinnen und Sänger der Kantorei der Stadtkirche.

Drei Konzertprogramme und sechs Gottesdienste pro Jahr: Die Sängerinnen und Sänger der Kantorei der Stadtkirche. Bild: Simone Glauser

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Zusammen singen lag im Trend. Viele Chöre wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet, Männerchöre, Frauenchöre, Arbeiterchöre und Kirchengesangsvereine. Im Dezember 1892 folgte die Kirchenpflege Winterthur-Stadt der Mode und fand sofort 65 Sängerinnen und Sänger.

Zusammen singen, das muss organisiert werden. Der Evangelische Kirchengesangverein, wie die Kantorei damals noch hiess, wurde am 10. Januar 1893 gegründet, Ende Jahr besass der Chor bereits über hundert Mitglieder. Schon damals bildeten die Tenöre die kleinste Gruppe, vierzehn waren es, während 48 Soprane gezählt wurden, 26 Altstimmen und 19 Bässe.

Der Gesang solle den Gottesdienst verschönern, hiess es in den Statuten. Gesungen wurden Lieder aus dem Kirchengesangbuch, das damals neu war, auch religiöse Volkslieder, Motetten und Choräle. Grössere Werke wie Oratorien und längere Kantaten galten nicht als Kirchenmusik im engeren Sinn.

Erster Kantor der Schweiz

Erst rund fünfzig Jahre später wurden regelmässig vom Gottesdienst unabhängige Konzerte gegeben. Kantor war damals Bernhard Henking – er war der erste Chorleiter der Schweiz in der umfassenderen Funktion eines Kantors, der für die Kirchenmusik insgesamt verantwortlich ist. Henking hob das Niveau des Chors und führte neu Bach, Buxtehude und Schütz auf, zudem Werke von Zeitgenossen wie Hugo Distler und Paul Müller-Zürich.

Im Programmheft zum Jubiläumskonzert beschreibt Vizepräsident Christoph Hänseler die Geschichte des Chors von den Anfängen bis heute. Lustig sind die Anekdoten aus der Zeit von Henkings Vorgänger Lothar Kempter (1913 bis 1940).

Er wohnte in Zürich und musste den letzten «Abendzug» um 21 Uhr erreichen, weshalb die Proben nur 75 Minuten dauerten. Während des Ersten Weltkriegs kam es vor, dass die Bahn am Sonntag nicht fuhr – dann ging Kempter von Schwamendingen bis Töss zu Fuss.

«Kulturschock» unter Druey

Einen «Kulturschock», so Hänseler, erlebte der Chor unter Jean-Pierre Druey (1975 bis 1999): Er änderte nicht nur den Namen in Kantorei, er begann auch die Sänger mit Halbtonschritten vertraut zu machen und ihnen das Stützen und das richtige Atmen beizubringen – Techniken, die bis heute angewendet werden.

Auf die Idee hingegen zu verkünden, das Idealalter für Sängerinnen und Sänger liege bei 35 Jahren, wie Druey es tat, käme heute wohl kein Kirchenchordirigent mehr. Aber er hatte mit seiner Strategie Erfolg. Die Zahl der Mitglieder stieg von 22 bei seinem Antritt auf 66 im Jahr 1980.

Der Dirigent Christoph Kobelt (2000 bis 2014), der auch eigene Kompositionen aufführte, gründete 2002 unter dem Namen «Vielklang» das Fest der Kirchenmusik mit den Chören der evangelisch-reformierten Kirchgemeinden der Stadt. Die fünfte Ausgabe findet im Dezember statt, unter anderem mit einem Zwingli-Oratorium von Burkhard Kinzler.

Zwei Oratorien

Seit 2016 leitet David Bertschinger den Chor, der aktuell 57 Mitglieder zählt, 20 Soprane, 22 Altstimmen, 7 Tenöre und 8 Bässe. Das ansehnliche Pensum umfasst drei Konzertprogramme im Jahr sowie rund sechs Gottesdienste.

Immer noch sei das Gloria, die Ehre Gottes, das «Credo jedes Kirchenmusikers», bekennt Bertschinger im Programmheft. Passend zum Jubiläum erklingt «Schöpfungsmusik» von Benedict Kraus und Luigi Gatti/Joseph Haydn.

Morgen 15.09., 19.30 Uhr, Stadtkirche Winterthur. Eintritt frei, Kollekte.

(Der Landbote)

Erstellt: 14.09.2018, 13:18 Uhr

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