Winterthur

Der Letzte der Konkreten Bewegung war ein Rebell, Vagabund und Romantiker

In den Oxyd Kunsträumen wird Manfred Schoch, dem 2015 verstorbenen Winterthurer Maler der Konkreten, ein letztes temporäres Monument errichtet. Kurator Gerhard Piniel macht auf eine kaum beachtete Dimension aufmerksam – auf das Licht in Schochs Werk.

Manfred Schoch: Vertikal, 1977, Acryl/Hartplatte, 105,6 x 105,6 cm.

Manfred Schoch: Vertikal, 1977, Acryl/Hartplatte, 105,6 x 105,6 cm. Bild: Foto: Peter Huber

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So rasch wird ein beeindruckendes Oeuvre Vergangenheit. Das ist der Schock, der einem in der von Kurator Gerhard Piniel umsichtig komponierten Retrospektive von Manfred Schochs (1932-2015) Werk trifft. Sie ist eine berührende Überraschung, glaubte man doch, die spannungsvolle Vielfalt von Schochs Arbeiten zu kennen. Nun aber realisiert man, dass man sie noch nie unter dem Aspekt des Lichtes so genau betrachtet hat. «Es war auch für mich eine Entdeckung», sagt Piniel, dem das Licht zum Leitmotiv für die Auswahl aus dem Nachlass wurde.Und wo ist da der Schock? Einfach in der Tatsache, dass dieses Werk nur noch die ältere Generation, die mit der Konkreten Malerei und ihren Spielarten aufgewachsen ist, interessiert – und sonst niemanden. Nicht die jüngeren Kunstschaffenden, die nie etwas von Manfred Schoch gehört haben und für welche die Konkrete Malerei eh eine tote Geschichte ist. Darum ist diese wunderbare Ausstellung auch ein bewegendes Begräbnis. Amen.

Licht als Entdeckung

Schoch habe in seinen Tagebüchern das Licht nie erwähnt, sagt Piniel, und immer nur Raster, Quadrat, Winkel, Progression, Regression, Spiegelung und Umkehrung diskutiert. In der Selbstbeschreibung bekennt sich der Künstler als echter Konkreter der Zürcher Schule. Doch das selektive Spektrum der Bilder im Oxyd geht in der Wirkung weit über diese rationalen kompositorischen Verfahren und das ABC der Konkreten hinaus.

Evidenz für die postulierte Farb- und Lichtmagie findet sich in jedem Raum – etwa als kontrolliertes Pulsieren, intensives Leuchten oder flüchtige Bewegung. Vielleicht waren Schoch diese Aspekte so selbstverständlich, dass er gar nicht darüber gesprochen hat. Auch nicht im langen Gespräch, das er 1993 mit dem Kunsthistoriker Romeo Giger führte das und im Katalog zur Doppelausstellung im Kunstmuseum und in der Kunsthalle Winterthur abgedruckt wurde.

Doch muss ihm der Lichteffekt in der maltechnischen Umsetzung sehr bewusst gewesen sein. Denn die Farb- und Graustufen sind jeweils so präzise ausgemischt und so sorgfältig aufgetragen, dass die Skala von Dunkel nach Hell oder umgekehrt perfekt stimmte. Schon da beginnt das Lichtwunder als ein Farb- und Lichtphänomen mit ständiger Wechselwirkung. Im Prinzip spielte es keine Rolle, ob dieser optischen Bewegung eine Winkel-, Streifen-, Pyramiden- oder Quadratkomposition zugrunde lag.

Rebell und Vagabund

Und dennoch unterscheiden sich die Bildausdrücke und -anmutungen gewaltig. Das gehört zum imponierenden Spannungsbogen in Schochs kontinuierlichem, geduldigen und von höchster Präzision geprägten Schaffen. Er legte sich von Anfang keine Fesseln an – Piniel nennt ihn deswegen einen «Rebell» –, er war offen für Anregungen jenseits der Zürcher Doktrin von Bill und Lohse.

Der sonst im Leben durch Routine, in der handwerklichen Arbeit durch Disziplin geleitete Schoch war in der Bildfindung überdies ein erstaunlicher Vagabund. In den Streifenbildern beispielsweise näherte er sich ab–strakten Landschaften und Sonnenuntergänge an – in den Augen der Zürcher Pioniere ein absolutes Sakrileg. Piniel bezeichnet Schoch sogar als «Romantiker».

Darüber hinaus gelingt dem Kurator mit dieser Bildgruppe eine bemerkenswerte Demonstration, indem er die Acrylversionen mit den Farbstiftausführungen konfrontiert: Ohne Strahlkraft, ja tot die einen, von vibrierender Energie erfüllt dagegen die im geduldigen, gleichmässigen Farbstrich erzeugten Flächen. Meditative Transzendenz kommt einem in den Sinn, Schoch hätte darauf wohl erstaunt reagiert. Aber auch die Farbkombinationen und -anteile – zum Beispiel überproportional viel Schwarz, darunter ein schmaler Streifen Nachtblau und als solide Basis ein strahlendes Türkisgrün – sind pure optische Verführer. Ebenso die Quadrätchenbilder im letzten Raum, die mit Rot und Orange als Dominanten die Assoziation von Grossstadtlichtern und Hochhausarchitektur hervorrufen.

Farbstift statt Pinsel

Zuletzt arbeitete Schoch ausschliesslich mit dem Farbstift. Um seine Hand zu stabilisieren, hatte er eigens eine Vorrichtung entwickelt. Im Eingangsbereich zur Ausstellung hängt ein Foto von Alexander Breu, seinem letzten Galeristen, welches «Mascho», so nannten ihn alle, mit achtzig Jahren beim Zeichnen zeigt.

Die chronologisch angelegte und in verschiedene Schaffensphasen gliedernde Schau ist eingespannt in ein Netz von inneren Werkbezügen. So werden etwa seine Entwurfsarbeiten konsequent in der Nachbarschaft der finalen Formate präsentiert, was das Methodische an Schochs Arbeiten erhellt. Umso paradoxer erscheint es, wie frei sich Schoch auf dem Feld der Geometrie bewegte, dabei ein Tabubrecher war und neben der Rationalität auch der Emotionalität und sogar der Irrationalität Raum gewährte.

Ende der Konkreten Malerei

Der 1932 in Winterthur geborene Schoch absolvierte als junger Mann eine Ausbildung als Schriftenmaler. Er besuchte nie eine Kunstschule, sondern wurde durch die Zürcher Konkreten Richard P. Lohse und Camille Graeser gefördert; 1970 wurde er in die Künstlergruppe Winterthur aufgenommen, deren Präsident er zwischen 1990 und 1994 war.

Im öffentlichen Raum ist seine reiche künstlerische Hinterlassenschaft, beispielsweise an der Aussenfassade des Hallenbades, präsent. Schochs Tod im Februar 2015 markierte das Ende Konkreten Malerei in Winterthur, die mit Alfred Rainer Auer (1937-2012), Ulrich Elsener, Heinz Müller-Tosa und Walter Strack eine einflussreiche und stolze Bewegung war.

Oxyd Kunsträume, Wieshofstrasse 108. Bis 25.2. Vernissage: Samstag, 20.1., 17.30 Uhr. Zum Rahmenprogramm: www.oxydart.ch

(Der Landbote)

Erstellt: 19.01.2018, 15:55 Uhr

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