Casinotheater

Der Mächtigere zieht den Kürzeren

Die Komödie «Der Kredit» von Jordi Galceran überzeugt mit rasanten Dialogen und zeigt, wie sich Machverhältnisse von einem Moment auf den anderen ändern können. Ein Abend mit und vor allem für Patrick Frey.

Scheinbar klare Machtverhältnisse: Patrick Frey als Banker (rechts) und Philippe Graber als Kunde, der immer aggressiver auftritt.

Scheinbar klare Machtverhältnisse: Patrick Frey als Banker (rechts) und Philippe Graber als Kunde, der immer aggressiver auftritt. Bild: Patrick Gutenberg

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Die zum Publikum geneigte schräge Bühne, die an eine Abschussrampe erinnert, das leicht psychedelische Muster auf der Wand-Tapete, das ebenso auf dem Mobiliar und selbst auf der Krawatte des Bankfilialeiters zu finden ist, sie passen perfekt zum Stück «Der Kredit»: ein Psychoduell der Extraklasse. Denn die Charaktere der Zwei-Personen-Komödie begeben sich auf einen «Trip», von dem sich weder der eine noch der andere so schnell erholen wird. Das 2013 erschienen Kammerspiel «Der Kredit» des katalanischen Autors Jordi Galceran besticht wie bereits sein Drama «Die Grönholm-Methode» durch wendige und sprachlich durchkomponierte Dialoge, welche die Machtverhältnisse seiner Figuren immer wieder aufs Neue verteilen.

Es ist wie bei Tarantino, alles wird immer schlimmer

Immer wenn das Publikum glaubt, dass nun alles gut wird, wird es noch schlimmer – es ist ein wenig wie bei Quentin Tarantino. Ein typisches Galceran-Stück mit überraschenden Wendungen also, das nie langweilig wird, auch wenn die Handlung und das Verhältnis der beiden Figuren zueinander anfangs sehr simpel erscheinen. Auf der einen Seite ist da der Bankfilialleiter, ein Gefühls-Fachidiot ohne Intuition (Patrick Frey), der sich auf Zahlen, Fakten und Aussagen beruft und davon überzeugt ist, dass ein Kredit immer eine Sicherheit braucht. Auf der anderen Seite der fordernde Kunde und penetrante Germanist (Philippe Graber), der für mehr Vertrauen plädiert und lieber von «Figine» und «Arbeit» redet als von «Fake» und «Job». Klare Machtverhältnisse also, könnte man meinen, die sich im Laufe des Stücks aber kontinuierlich ins Gegenteil verkehren. Denn der Bittsteller wird auf einmal zur Bedrohung und beginnt den Filialeiter unter Druck zu setzen: «Wenn Sie mir den Kredit nicht geben, dann schlafe ich mit ihrer Frau!» Das Spiel zwischen den beiden Kontrahenten beginnt und mit ihm die Beantwortung von Fragen wie: Was ist der Preis einer Beziehung? Wie viel ist persönliches Glück wert?

Ein Abend mit und für Patrick Frey

Die Antworten fallen für den Bankfilialleiter schmerzlich aus. Schritt für Schritt verfängt er sich im Netz des Bittstellers, bis am Ende die beiden Rollen gänzlich vertauscht sind. Der am Anfang souverän wirkende, später nervös und paranoid werdende Bankfilialleiter ist eine Paraderolle für Patrick Frey. Wer sonst kann den bornierten Charakter dieses typischen Schweizer Klischee-Bankers, der ansatzweise auch an Freys wunderbaren «Dr. Stolte Benrath» aus der Fernsehshow «Viktors Spätprogramm» erinnert, so glaubhaft verkörpern. Wie Frey mit unglaublicher Energie und Geschwindigkeit seine Sätze artikuliert, wie er tobt und zwischendurch immer wieder einmal den Locher missbraucht, indem er voller Wut aus seinen Akten Konfetti produziert, wie er sich sprachlich windet und am Ende in den eigenen Worten verfängt, um sich schliesslich selbst einen Strick daraus zu drehen, ist eine spielerische Glanzleistung. Doch nicht nur Frey geht in seiner Rolle auf, auch sein jüngerer Bühnenpartner. Philippe Graber ist ein dankbarer Kontrahent, der mit seinem subtilen Spiel, seiner schlaksigen Art und seiner Mimik sein Gegenüber so richtig anzustacheln weiss. Dass die beiden Herren ideal miteinander harmonieren ist aber auch und vor allem der Inszenierung von Sophia Bodamer geschuldet, die es schafft, im Stück immer wieder die Spannung aufrecht zu erhalten. Keine leichte Sache, denn die Komödie lebt vor allem vom Wortwitz und der Geschwindigkeit der Dialoge. Ein bitterböser und unterhaltsamer Abend, der thematisch perfekt in unsere Zeit passt und dank denr Leistung der beiden Darsteller überzeugt.

Casinotheater Winterthur, bis 2. Juli.

Erstellt: 10.06.2016, 15:12 Uhr

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