Winterthur

Der Philosoph, der Bürgerschreck, und der Spieler im Selbstbildnis

Der Frauenfelder Sammler Jürg Ganz zeigt Künstlerselbstbildnisse im Kreuzlinger Museum Rosenegg. Unter den hundert Werken entdeckt man auch Winterthurer wie Martin Schwarz, Aleks Weber und Adolf Holzmann.

Wer bin ich denn eigentlich? Martin Schwarz, der 1946 geborene Philosoph unter den Winterthurer Malern, lieferte hier als 65-Jähriger eine anregende Antwort.

Wer bin ich denn eigentlich? Martin Schwarz, der 1946 geborene Philosoph unter den Winterthurer Malern, lieferte hier als 65-Jähriger eine anregende Antwort. Bild: pd

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Selbstporträts sind natürlich keine Spiegelbilder. Das merkt man rasch vor dem Spiegel im Foyer des Museums Rosenegg in Kreuzlingen, wenn man versuchsweise selbst zum Stift greift. Selbstbildnisse sind mehr. Aber es ist wohl eine Übertreibung, wenn Sammler Jürg Ganz sagt: «Jedes Selbstporträt lädt ein, einen Menschen mit Leib und Seele kennenzulernen».

Der 83-jährige ehemalige Denkmalpfleger des Kantons Thurgau hat in den letzten 35 Jahren eine beachtliche Sammlung dieser Gattung zusammengetragen. Sie wird den Status einer Rarität erlangen. Denn dem künstlerischen Nachwuchs wird die Porträtmalerei gar nicht mehr beigebracht, dafür der Umgang mit den digitalen Medien.

«Jedes Selbstporträt lädt ein, einen Menschen mit Leib und Seele kennenzulernen». 

Im anmutigen Kreuzlinger Museum verleiht die sich abzeichnende Leere daher der von der Winterthurer Kuratorin Lucia Angela Cavegn sehr umsichtig eingerichteten Ausstellung bereits jetzt einen melancholischen Reiz. Sie umfasst hauptsächlich Malerei, einige Zeichnungen und verschiedene Grafiken, darunter bekannte Namen längst verstorbener Meister wie Max Liebermann, Lovis Corinth, Oskar Kokoschka und Giorgio de Chirico.

Den Schwerpunkt aber bilden Künstler und Künstlerinnen regionaler Provenienz; nicht nur aus der Ostschweiz stammen sie, Basel, Bern, Genf und Zürich stehen ebenfalls auf der Liste. Mit einigen Porträtierten ist der Sammler auch freundschaftlich verbunden.

Wer bin ich?

Wer sich wie Ganz mit den Konterfeis unterschiedlichster Menschen umgibt, wird sich selbst jeden Tag fragen: wer bin ich denn eigentlich? Nicht überraschend liefert der Philosoph unter den Winterthurer Malern, Martin Schwarz, eine zutiefst verunsichernde Antwort. Direkt auf den schillernden Hintergrund pinselte der damals 65-jährige: «Ich weiss nicht mehr, wer ich war».

Aus dem Bild schaut Schwarz trotzdem gelassen auf den Betrachter, den Arm liebevoll auf die Schulter einer zweiten Person gelegt, deren Gesicht übermalt ist. «Die Idee kam mir nach einer Auftragsarbeit. Die Schopenhauer-Gesellschaft wollte ein Doppelporträt des miesepetrigen Philosophen», erinnert sich der Mann der verlorenen Vergangenheit. «Ich malte den alten Schoppenhauer, der sein jüngeres Ich umarmt.»

Lange vor den allgegenwärtigen Identitätserkundungen hat Schwarz in verschiedenen Werken die Frage nach der Bestimmung des Selbst gestellt und in der Verheiratung mit sich selbst eine schon damals abgründige Bildformel geschaffen.

Existentielle Schärfe

Im Kreise der mehrheitlich eine bürgerliche Gesellschaft repräsentierenden Kunstschaffenden hätte man den früh verstorbenen Winterthurer Gesellschaftsprovokateur Aleks Weber kaum erwartet. In einer faszinierenden Kohlezeichnung schaut ein junger, sensibler Mann mit weit offenen Augen aus dem Bild. Wen er im Blick hat, ist nicht klar. Den Hintergrund bilden Gitterstäbe. Die Arbeit auf Papier entstand 1984 – im gleichen Jahr, da eine Serie von Brandanschlägen Winterthur erschütterte und Weber als einer der Hauptverdächtigen verhaftet wurde.

Webers beeindruckendes Selbstbildnis ist Teil eines beachtlichen Werkes mit existentieller Schärfe. Sein Einsatz war hoch, er bezahlte letztlich mit dem Leben. In diesem bemerkenswerten Bild sind denn auch schon Züge des Opfers und Märtyrers unverkennbar – was später in seinem Oeuvre noch pointiert der Fall sein wird, aber nichts Ungewöhnliches ist. Denn darin folgt er den Fussstapfen deutscher und Schweizer Expressionisten.

Dass Weber in diesem illustren Umfeld gezeigt wird, ist eine ehrende Geste der Kuratorin. Cavegn hatte Ganz einen Besuch in Webers ehemaligem Atelier vermittelt. «Das Atelier wird von seiner Mutter sorgsam gehütet. Da bin ich auf diese Kohlezeichnung gestossen. Schrittweise habe ich die künstlerische und lokalgeschichtliche Bedeutung entdeckt», sagt Ganz zu seinem Fund.

Tennisspieler

Mehr als zwei Generation zurück liegt das Schaffen von Adolf Holzmann, der zum Gründerzirkel der Künstlergruppe Winterthur zählt. In den beiden hier gezeigten Selbstporträts begegnet dem Betrachter ein bürgerlicher Künstler, freilich einer, der gerne mit Rollen und Lebensentwürfen spielt. Der 24-Jährige imaginiert sich als Tennisspieler mit weisser Schirmmütze und einem Tennisschläger vor der Brust. Die lässige Pose perfekt macht eine Zigarette zwischen den Lippen.

«Mein Grossvater konnte nicht Tennisspielen», verrät seine Enkelin Verena Huber, die seinen Nachlass in Kleinandelfingen betreut. Und als 40-jähriger stellt er sich als graumelierten Kunstprofessor mit wachen Augen und dem Pinsel in der Hand dar, im Hintergrund ein gesprosstes Fenster, und in der unteren rechten Ecke überrascht er mit der Aussage: «Im Alter von 65 Jahren». Alles wirkt proper, die Krawatte, der Anzug, aber irgendwie auch eng und beklemmend, wahrhaft keine frohen Aussichten entwirft der Künstler im bürgerlichen Korsett.

Doppelter Verlust

Selbstbildnisse, Bildnisse überhaupt, vor allem in realistischer Manier gemalt, verfügen über eine eigene Magie, indem sie eine Person gegenwärtig machen, die abwesend ist. Die Macht zeigt sich in einer tragischen Geschichte, an die sich die Enkelin Holzmanns erinnert. «Holzmann porträtierte auch Kinder», erzählt sie. «In einem Fall war er mit seiner Arbeit nicht zufrieden, weshalb er die beiden Bildnisse vernichtete. Kurz darauf verstarb das Kind. Und die Eltern waren zutiefst erschüttert über diesen doppelten Verlust».

Im Kunst-Portfolio des Sammlers Jürg Ganz entdeckt man weitere Winterthurer, etwa den Doyen der Holzschneider, Heinz Keller, und den Bildhauer Werner Ignaz Jans, sodann die lange Verstorbenen Alfred Kolb und Hans Georg Kägi.

Und schon mal etwas von Van Eden alias Eduard Neuhaus gesehen? Nein? Eigentlich schade. Im Museum Rosenegg in Kreuzlingen taucht der unbekannte Selbstporträtist neben den Schweizer Expressionisten der ersten Stunde auf, darunter sind Namen wie Albert Müller, Fritz Pauli und Ignaz Epper. Exakt solche Exoten wie der vom Surrealismus inspirierte Neuhaus sind Teil des Charmes der Sammlung Jürg Ganz.

Museum Rosenegg, Kreuzlingen, Bärenstrasse 6. Bis 16.9. Öffnungszeiten: Mi 17-19, Fr, So 14-17. (Der Landbote)

Erstellt: 21.08.2018, 16:24 Uhr

Züge eines Märtyrers: Aleks Weber, Selbstbildnis, 1984. (Bild: pd)

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