Fotostiftung

Der Regenwald, ein feindliches Territorium

Der Fotograf Guido Baselgia hat im ecuadorianischen Amazonasbecken Aufnahmen gemacht, die Zeugnis ablegen von einer untergehenden Kultur.

Zum Überleben braucht es eine Strategie. Guido Baselgia, Tierra helada – El Angel, 2013, Foto: Guido Baselgia

Zum Überleben braucht es eine Strategie. Guido Baselgia, Tierra helada – El Angel, 2013, Foto: Guido Baselgia

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Wenn wir uns diese Fotografien ansehen, blicken wir in die Vergangenheit. Das liegt an der Natur, die sich im Regenwald ständig verändert. Die Umgebung der «Aguas negras» (schwarze Wasser) ist regelmässigen Überschwemmungen ausgesetzt. «Ein Jahr später sah es hier schon völlig anders aus», sagte der Fotograf Guido Baselgia, der 2018 und 2019 zwei mehrwöchige Reisen in das Amazonasbecken unternahm, vor der Eröffnung der Ausstellung zu den Journalisten.

Die Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz schlägt den Bogen von Baselgias früheren Arbeiten zu den Fotografien aus dem Regenwald. Die im Februar 1981 entstandene Aufnahme des Lago Bianco am Berninapass etwa, die beim Eingang hängt, zeigt aufbrechende Eisschollen, in deren Bruchlinien die Sonne eine Leuchtspur zu hinterlassen scheint – ein fast abstraktes Bild, das vorausweist auf die späteren Nahaufnahmen der gefurchten Baumstämme im Urwald und der Blätter mit ihren Adern.

Impressionen aus dem Amazonasgebiet. Tierra helada – El Angel, 2013, Foto: Guido Baselgia

In diesen analogen Schwarz-Weiss-Fotografien stösst das Auge auf schwer zugängliche Räume. Wie im Engadin geht es Baselgia darum, dem (von Postkarten und Reisereportagen) scheinbar Vertrauten seine Fremdheit zurückzugeben.

Keine Reportage-Bilder

Es sind also, wie die Kuratorin Teresa Gruber in der Medienführung sagte, keine Reportage-Bilder, sie erzählen keine Geschichten und sind auch nicht «schön» im herkömmlichen Sinn, sondern eher Zeichen, die man lesen muss. Die schiere Vielfalt des Vorhandenen mache eine Planung unmöglich, verdeutlichte Guido Baselgia: Im Amazonasbecken seien einmal auf einer Hektare über 280 Baumsorten gezählt worden. Man könne dort nicht nach etwas Bestimmtem suchen, sondern müsse offen sein für das, was die Natur anbiete. In den Vordergrund tritt die Materialität der Landschaft und Pflanzen. Durch die Abwesenheit der Farben werden die Linien betont, anstelle von kontrastreichen Hochglanzfotos, wie sie in Magazinen üblich sind, sehen wir fast flächige Gebilde. In der Morgendämmerung aufgenommen, verlieren die Konturen ihre Schärfe.

Arbeit an der Form

Die Arbeit an der Form dominiert schon die frühen Arbeiten, wie Gruber in ihrem Essay «Von der Steinwüste in den Regenwald» (im zur Ausstellung erschienen Bildband) festhält. Das Ziel ist ein «leeres», abstraktes Bild, das seinen Gegenstand befreit von den Wunschbildern, die sich im Laufe der Kolonial- und Tourismusgeschichte über ihn gelegt haben. Im Fall des Urwalds sind es westliche Vorstellungen vom Paradies, das die «Eroberer» und ihre Nachfahren, die Touristen, dort zu finden meinten.

Es geht Baselgia darum, dem scheinbar Vertrauten seine Fremdheit zurückzugeben.

Farne, geflochtene Äste, Rinden, ein Blättermeer: Die einzelnen Dinge rücken in den Fokus, dank einer Sichtweise, die auch der Lebenswelt der Bewohnerinnen und die Bewohner dieser Welt nahe kommen möchte, den Nationen der Waorani und Secoya. «Diese Menschen haben ein enormes Wissen», sagt Baselgia, der ihne sie seine Motive nicht hätte finden können: Der Regenwald ist eigentlich ein feindliches Territorium. Was dort existieren will, muss eine Überlebensstrategie entwickeln.

Guido Baselgia, Tierra nevada, Cotopaxi, 1. September 2013, 15.20 Uhr, Foto: Guido Baselgia

Der Fotograf hat junge und alte Frauen und Männer porträtiert, in einem weichen Licht, die dem zudringlichen voyeuristischen Blick die Spitze nimmt: Es sind sehr berührende, nicht inszenierte Aufnahmen auf Augenhöhe, die vom Vertrauen zeugen, das der Fotograf, der in einem Dreierteam unterwegs war, mit ihnen aufbauen konnte. Teilweise leben sie noch als Jäger und Sammler, aber die Jüngeren suchen Arbeit in der sich ausbreitenden Ölindustrie und im Tourismus: Wir blicken hier in eine Welt, die dem Untergang geweiht ist. So sind auch die Früchte, Werkzeuge und Alltagsgegenstände, die in der Ausstellung in Leuchtkästen zu sehen sind, Zeugen einer Kultur, die im Verschwinden begriffen ist.

Auch das Material vergeht

Bereits verschwunden ist das Fotopapier, das Baselgia benützt hat. Es wird nicht mehr hergestellt, der Fotograf hat es für seine Zwecke aufbehalten. Seine Arbeiten reflektieren somit auch das Material, auf dem sie entstanden sind. Wie würde dieses auf die Luftfeuchtigkeit reagieren? Baselgia testete es davor in der Masoala-Halle des Zürcher Zoos. Allen Vorbereitungen zum Trotz erweisen sich die Verhältnisse im Dschungel als unberechenbar, die Filmblätter kleben aneinander. Ein Blick von oben über das Blätterdach, die einzige komponierte, im Voraus geplante Aufnahme, ist kaum umzusetzen, weil es auf der Aussichtsplattform zu feucht ist. Ein einziges Negativ kann gerettet werden, es ist zerkratzt, «gezeichnet vom Widerstand des Dschungels» (Gruber). Das Bild treffe doch genau den Kern dieser Landschaft, deren Verletzlichkeit, sagte sich Baselgia.

Es dient nun als Umschlagbild des Fotobuchs. Dessen Titel «Als ob die Welt zu vermessen wäre» nimmt Abstand vom Glauben an die Beherrschbarkeit der Natur. Er weist den Fotografen aber zugleich als – skeptischen – Nachkommen derer aus, die noch in beseelt von diesem optimisischen Glauben aufgebrochen waren. Sein Tun gilt nun nicht mehr der Vermessung der Welt, aber dem Aufklären, dem Zeigen und Dokumentieren – und dem Bewahren.

Fotostiftung Schweiz, Grüzenstrasse 45. Bis 16.2.

Erstellt: 15.11.2019, 14:58 Uhr

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