Bühne

Der Tag ist eine Maschine

Zum Schluss der Saison gab es im Theater Winterthur Becketts «Endspiel». Der Theatermagier Robert Wilson und das Berliner Ensemble verwandeln den Klassiker in einen knallenden Altpraum

Das herabschwebende Fernrohr ist so imaginär wie die nicht vorhandene Aussicht.

Das herabschwebende Fernrohr ist so imaginär wie die nicht vorhandene Aussicht. Bild: Lovis Ostenrick

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Wieder beginnt ein neuer Tag. In Samuel Becketts «Endpiel» beginnt er mit der Hoffnung auf das Ende, denn sie ist es, die diese Figuren am Leben erhält: Den Tyrannen Hamm und seinen Diener Clov sowie Hamms Eltern Nell und Nagg.

Clov sagt es im ersten Satz: «... Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende.» Es ist schon da ein Spiel, das man nicht wörtlich nehmen sollte, denn alles, was hier gesagt und getan wird, ist immer auch eine Aufführung, ein Auftritt: «Ich bin dran. – Jetzt spiele ich», sagt Hamm.

Der Theatermagier Robert Wilson macht aus Becketts nihilistischem Klassiker von 1967 ein Ballett der Gesten – es ist das Markenzeichen seiner Inszenierungen, ob er sich nun Shakespeares Sonette, Goethes «Faust» oder, wie gerade kürzlich, die Briefe der schottischen Königin Mary vornimmt, verkörpert von der Schauspielerin Isabelle Huppert.

 «... Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende.»

Im «Endspiel» hat das Ballett der Gesten seinen Auftritt noch vor dem ersten Satz: Wilson knallt dem Publikum ein fast fünf Minuten dauerndes, ohrenbetäubendes Punkgewitter in die Ohren, wie um klar zu machen, dass es keinen gemütlichen Klassiker geben wird, dazu stellt Clov sich in wechselnden Posen hin, die aus einem der expressiven deutschen Stummfilme stammen könnten.

Gruslig und schön

Die Existenz ist so absurd und unwahrscheinlich wie diese Stellungen – die allerdings bei Wilson immer auch schön anzusehen sind. Alles ist ästhetisch durchgestylt: Hamm sitzt in einem filigranen Rollstuhl unter einem schwarzen Tuch, das gruselig wirkt, aber auf dem Bühnenboden so präzis ausläuft wie auf einer geometrischen Tuschzeichnung. Jedes Detail folgt einer Ästhetik der Perfektion, die einem den Atem nimmt.

«Jetzt bin ich dran»

Die erstmals im Dezember 2016 am Berliner Ensemble gezeigte Inszenierung setzt überdies viel Technik ein. Die Mikrophone der Schauspieler bringen die Stimmen so nahe ans Publikum, dass man sich in einem Hörspiel wähnt; die Tonnendeckel, unter denen Nell und Nagg bei Beckett stecken, sind hier nur akustisch vorhanden: Klopft Clov darauf, so kommt aus dem Off ein Geräusch wie aus einem Zeichentrickfilm. Wenn Clov sich in seinen präzisen Bahnen bewegt, hört man dazu dezente Blasmusik, und ein paar Mal gibt es einige Takte aus einer Klaviersonate von Schubert, die ebenfalls mit der Vorstellung des ewig weiter drehenden Rades spielen. Farbige Lichter-Orgeln rücken das Geschehen auf der Bühne in die Nähe einer Fernsehshow, Details wie das Fernrohr strahlen in poppigem Rot.

Es geht immer weiter

«Endspiel» heisst das Stück ja nicht, weil die Welt untergeht oder das Leben endet, sondern weil das Ende nicht kommt, weil es immer weiter geht, es ist das Ende, das gespielt wird – eine Vorstellung, die viel weniger zu ertragen ist; die Endlichkeit wäre dann die Erlösung aus dem Hamsterrad.

Wilson macht so aus einem existenziellen, «zeitlosen» Stück ein aktuelles.

Wilson instrumentiert das mit Anspielungen auf die Welt als Vergnu?gungspark und auf das Maschinenwesen, das die moderne Existenz auszeichet. Sie ist geprägt vom unerbittlichen Produktionsprozess: «Jetzt bin ich dran», ruft Hamm ein ums andere Mal aus, dazu hämmert ein Kolben wie früher in einer Sulzer-Maschinenfabrik, und über das Rouleau, das in dieser Szene vor der Bühne hängt, eilt ein Lichtstreifen rauf und runter, der an eine Webmaschine erinnert.

Die Inszenierung ist geprägt von einer durchgehenden Ruhelosigkeit, es gibt keine Pausen – die bei Beckett zentrale Leere wurde gestrichen. Die Hektik ist zugleich Stillstand: Symbolisch repra?sentiert ist das im grossen Wecker mit den aufgemalten Zeigern: Hier herrscht der Takt der Zeit, das Maschinenwesen der industrialisierten Welt, wie es schon Charlie Chaplin in «Modern Times» vorgeführt hat. Wilson macht so aus einem existenziellen, «zeitlosen» Stück ein aktuelles.

 Zwei Meisterturner sind es in diesem Schattentheater der Existenz, das gerade in dieser Perfektion wirkt wie ein Alptraum.

Die Sprechweise tendiert zur Monotonie, auch das trägt zum Eindruck bei, dass hier kein Raum zum Atmen bleibt. Eine Ausnahme bilden Nagg und Nell in ihren «Eheszenen», die von Loriot stammen könnten, besonders wenn Jürgen Holtz seinen Nagg den Hosenwitz erzählen und ihn dabei ein ums andere Mal stranden lässt. Das ist grossartig gespielt, dasselbe gilt für Traute Hoess, deren Nell mit zuckenden Schnuten ihren Überdruss am schon so oft Gehörten demonstriert und die doch das Erzählen weiter antreibt, wenn Naggs Erinnerung versagt.

Perfekt spielen auch Martin Schneider als maskenhafter Hamm und der lebendige Georgios Tsivanoglou als Clov, der es nicht schafft, seinen Herrn zu verlassen: Zwei Meisterturner sind es in diesem Schattentheater der Existenz, das gerade in dieser Perfektion wirkt wie ein Alptraum.

Erstellt: 07.06.2019, 14:15 Uhr

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