Kunst

Der Torso, ein Opfer von Gewaltorgien

In der Galerie Ulrich Harsch im Rathausdurchgang wird mit der Malerei von Kaspar Toggenburger ein Kontrapunkt zum weihnächtlichen Konsum in den Gassen gesetzt. Mit dem Torso wird ein Theater der Gewalt und Grausamkeit aufgeführt.

Kaspar Toggenburgers Schaffen nährt sich von Themen aus Bibel und Mythologie. Bild: Marc Dahinden

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Der 58-jährige Künstler Kaspar Toggenburger mit Atelier in Winterthur hat sich gesteigert: Seine Bilder in der Galerie von Ulrich Harsch schockieren noch mehr als früher. Toggenburger ist in das Depot des Antikenmuseums runtergestiegen und hat aus den Tiefen der Geschichte den Torso in die Gegenwart geholt.

Beim Torso handelt es sich um eine spezielle Gattung der Skulptur: um den menschlichen Rumpf ohne Kopf, Arme und Beine. In antiker Vorzeit ein Opfer von Gewalteinwirkungen, wandelte sich der Torso im Verlaufe der Kunstgeschichte zum Symbol desUnvollendeten und Fragmentarischen. In diesem Prozess geschah etwas Seltsames: Der Anblick des amputierten Menschen wird ästhetisiert und die Wahrnehmung anästhesiert und immunisiert.

Der Torso wurde aus dem Kontext der schrecklichen Tat herausgelöst, und wenig erinnert mehr an den Akt der Zerstörung, schon gar nicht, dass reale Menschen Opfer solcher Grausam­keiten sein können, auch in der Gegenwart.

Zumutung und Provokation

Toggenburger macht den ästhetisierenden Vorgang in seiner aktuellen Malerei rückgängig. Dabei nutzt er das Stilmittel des Drastischen, das mitunter ins Komische kippt. Seinen im Bildraum frei schwebenden Körpern wurde die Glieder, inklusive Kopf, mit scharfem Schnitt abgetrennt, als handelte es sich um eine Lyonerwurst. Ein Berserker wütete auf dieser fiktionalen Bühne, steigerte sich in einen Rausch des Zerstückelns, der vor keinem Tabu haltmacht.

In der kalkulierten Komposition der Grausamkeit rotieren die amputierten Teile wie Planeten um den Rumpf oder hängen kopfüber wie an Fleischerhaken im Kühlraum. Ein Kopf im Bild kotzt Blut. Unerträglich. Natürlich sind die Zumutung und Provokation gewollt, sie sind ein kurzer Flash auf eine Realität, die zwar allabendlich in den Nachrichten aufscheint, aber ebenso rasch verdrängt wird. An diesem zivilisatorisch konditionierten Reflex werden die Bilder von Toggenburger kaum etwas ändern.

Zwei grössere Formate steigern sich zur Anklage, wobei der Adressat deutlich die katholische Kirche ist. Ein gigantischer weiblicher Torso wird auf einem grossen Platz ausgesetzt, im Hintergrund eine barocke Kirchenfassade, ein blutiger Kometenschweif zischt in den Raum, Andeutungen von Schädeln vervollständigen dieses Welttheater.

Auch im grössten Werk (Bild) tritt Toggenburger wieder den Rückweg in sein bisheriges Schaffen an. Das Bild im Bild, ein Papst, wohl vom Künstler selbst mitherausfordernder Geste präsentiert, verweist nicht nur auf kunstgeschichtliche Referenzen. Im Vordergrund wirkt ein Knäuel von Frauenleibern wie ein Selbstzitat und ein Verweis auf sein bekanntes Schaffen, das sich von Themen aus Bibel und Mythologie nährt.

In Umkehrung der Geschichte von Judith und Holofernes liegt hier die Frau mit durchgeschnittener Kehle und aufreizend exponiertem Geschlecht auf einem blutig roten Körper als Unter­lage. Im Vergleich dazu wirkt die bekannte Version des frühbarocken Malers und Mörders Caravaggio (1571–1610) trotz seines Horrors wie ein Heiligenbild. Virtuos konturiert Toggenburger die Leiber, expressiv ist sein Pinselstrich, den er um die Spraytechnik erweitert hat.

Wohin dieses Werk noch führt, wissen die Götter.


Galerie Ulrich Harsch im Rathausdurchgang. Bis 22. Dezember. Di–Fr 12–18.30 Uhr, Sa 12–16 Uhr. (Der Landbote)

Erstellt: 15.12.2018, 09:15 Uhr

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