Winterthur

Die bunte Antike und der Taxifahrer Vassili

Die Zürcher Künstlerin Selina Zürrer übernimmt im Kunstkasten die Rolle der Managerin und Aufklärerin. Sie verlangt, das «kollektive Bewusstsein» solle endlich speichern, dass die Antike nicht weiss, sondern bunt war.

Bunte Antike: Mit ihrem Projekt verfolgt die 36-jährige Künstlerin Selina Zürrer das Ziel, eine sehr spezifische Bildungslücke zu schliessen.

Bunte Antike: Mit ihrem Projekt verfolgt die 36-jährige Künstlerin Selina Zürrer das Ziel, eine sehr spezifische Bildungslücke zu schliessen.

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Die 36-jährige Künstlerin Selina Zürrer hat eine Aufklärungskampagne lanciert. Ihre Mission verfolgt das Ziel, eine sehr spezifische Bildungslücke zu schliessen. Selbst unter den Kulturinteressierten geistert immer noch die Vorstellung von einer monochromen, marmorweissen Antike herum.

Eigentlich hatte schon im 19. Jahrhundert die Forschung, an der auch der Architekt Gottfried Semper, der Erbauer des Winterthurer Stadthauses, massgeblich beteiligt war, diesen Irrtum korrigiert. Die Akropolis-Tempel strahlten ursprünglich in bunter Farbe, war die frohe Kunde. Anscheinend wurde die Botschaft nur unter wenigen, besonders Gebildeten zur Kenntnis genommen.

Nun versucht Selina Zürrer erneut, korrigierend ins falsche Bewusstsein der heutigen Zeitgenossen einzugreifen. Ist das Unternehmen etwa ironisch gemeint, fragt man sich leicht verunsichert ob des idealistischen Anspruchs. Doch ihrem Interview im Radio «Stadtfilter» und dem Begleittext zur Ausstellung «The polychrome antiquity campaign» fehlt die Stimme der Ironie, auch zwischen den Zeilen.

Messestand im Glaskasten

Die Bachelor-Absolventin der Zürcher Kunsthochschule schlüpft für den noblen Zweck der Bewusstseinsanpassung in die Rolle einer Managerin und Designerin in ihrem (fiktiven) Werbebüro. Sie hat ein klar formuliertes Ziel und sich für verschiedene kommunikative Mittel entschieden. Dafür eignet sie sich die kommunikativen Techniken und Strategien der PR-Branche an, was im Jargon des Kunstmilieus «Appropriation» heisst.

Im Kunstkasten selbst simuliert sie eine Messesituation mit einem Stand für Produkte- und Imagepromotion. Sie selbst spricht im Gespräch von «Merchandising». Auf einem Tisch, der von einem hellblauen Plastik gefasst ist, breitet sie verschiedene Produkte aus wie Käppis, T-Shirts, Stickers und Ansteckknöpfe. Sie alle tragen dasselbe Logo – eine stilisierte Tempelfront in Rot und Blau. Auf einem weissen Band prangt in grossen Lettern die Aufschrift «Polychrome Antiquity». Ergänzend vermitteln Texte in Englisch und Deutsch die aufklärerische Botschaft.

Null Echo

Etwas bieder wirkt dieses Messetisch-Arrangement. Aber die Künstlerin betont, dass der lokale Auftritt im Kunstkasten nur ein Nebenschauplatz sei. Heutzutage unabdingbar für die globale Reichweite ist der Internetauftritt. Entsprechend findet man unter www.polychromeantiquity.com nicht nur Material, hauptsächlich Fotos von bemalten Skulpturen, sondern auch die schon zum Repertoire gehörenden Appelle, wonach man sich der Bewegung anschliessen und an andere vermitteln solle.

Hilfe für Vassili?

Ein Diskussionsforum wurde ebenfalls eingerichtet. Doch niemand hat dort beispielsweise auf die höchst kontroverse These reagiert, wonach die «weisse Antike» ein Ausdruck der «weissen Vorherrschaft» sei.

Auch sonst ist das Echo enttäuschend. Und so ist kaum zu erwarten, dass Vassili, ein fiktiver Athener Taxifahrer, seine Kumpel in der Kneipe darüber aufklären wird, dass die Tempel auf der Akropolis einst bunt auf die Wiege der Demokratie hinunter blitzten. Vassili hat ohnehin ganz andere Sorgen. Er weiss nämlich nicht, wie er die neue hellblaue Farbe für sein einstmals weisses Häuschen bezahlen soll.

Vielleicht nimmt sich Zürrer seines realen Problems an und lanciert als nächstes das Fundraising Projekt «Blue for Vassili» für den mittellosen Mann. Das Zeilenhonorar des Kunstkritikers hätte sie auf sicher.

Kunstkasten, Katharina-Sulzer-Platz, Winterthur. Bis 29. Juli. (Landbote)

Erstellt: 22.06.2018, 15:03 Uhr

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