Winterthur

Die Geschichte vom Soldaten

Für die einen ist sie die Schweizer Nationaloper, andere kennen sie kaum vom Hörensagen: «L’Histoire du soldat». Gestern jährte sich die Uraufführung des Werkes zum hundertsten Mal. Die Sammlung Winterthur widmet ihm ihr aktuelles Original des Monats.

Der Komponist und sein Winterthurer Mäzen: Igor Strawinsky (links) und Werner Reinhart, um 1930.

Der Komponist und sein Winterthurer Mäzen: Igor Strawinsky (links) und Werner Reinhart, um 1930. Bild: Stadtbibliothek Winterthur

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Als die Geschichte Wirklichkeit wurde, brannte noch immer der Erste Weltkrieg, wenngleich am 29. September 1918 für die deutsche Militärführung klar war, dass sich Kaiser und Regierung in ihrer aussichtslosen Lage nur noch um Waffenstillstandsverhandlungen bemühen konnten.

Einen Tag zuvor war die Geschichte, um die es hier geht, zum ersten Mal auf der Bühne lebendig geworden. Weniger eine Kriegs- oder kriegerische Geschichte, aber doch die Geschichte eines Menschen, der im Militär auf der Strecke bleibt – müde, arm, ausgelaugt und daher anfällig für die Versuchungen, die in Gestalt eines kleinen Alten, der kein anderer als der Teufel ist, an ihn herantreten.

«Heimwärts wandert der Soldat (...) /
Über Stock und Stein / Sehnt sich längst, daheim zu sein.»
Aus «Die Geschichte vom  Soldaten» von C. F. Ramuz

Es ist die kleine grosse Geschichte vom Soldaten, die sich Igor Strawinsky und Charles Ferdinand Ramuz – der im Exil lebende russische Komponist und der Schweizer Schriftsteller – ausgedacht haben: «L’Histoire du soldat», uraufgeführt am 28. September 1918 im Théâtre Municipal de Lausanne.

Für die Bühnenaustattung und die Kostüme zeichnete der Maler René Auberjonois verantwortlich, die musikalische Leitung hatte Ernest Ansermet, der noch andere Werke Strawinskys zur Uraufführung bringen sollte. Es wurde ein erfolgreicher Abend.

Hilfe aus Winterthur

Um das Stück auf die Bühne und zum Publikum zu bringen, reichten Freundschaft und gute Ideen natürlich nicht aus. Ein Gönner musste her! Und es half Werner Reinhart, der «musikalische» unter den Söhnen Theodor Reinharts und wie diese ein Kulturförderer und Mäzen, besonders von Musikern und Komponisten.

Im Frühjahr 1918 stellt er zunächst 3000 Franken zur Verfügung, Anfang Juli folgte eine Banküberweisung von 12 000 Franken – eine beträchtliche Summe, für die sich Igor Strawinsky sofort schriftlich bedankt. Dabei bleibt es nicht. Strawinskys Dank findet auch öffentlich Ausdruck: Das ganze Werk, die gedruckte Partitur, ist Werner Reinhart gewidmet.

Hier setzt das aktuelle Original des Monats ein, das mit einigen hochkarätigen «Souvenirs» aus der Sammlung Winterthur aufwartet, die Reinharts Nachlass aufbewahrt. Das wertvollste ist wohl die handschriftliche Partitur; auch sie hat Strawinsky seinem Gönner gewidmet (siehe Bild).

Die Widmung des Komponisten für Werner Reinhart. Foto: PD

Man hat sie digital aufbereitet, sodass jeder einen Eindruck vom Schaffen des Komponisten gewinnen kann, dem mit der «Histoire du soldat» ein durchaus modernes Werk gelungen ist, das wie «Le sacre du printemps» mit dominanter Rhythmik und unerhörten Akkorden besticht. Heute, hundert Jahre später, ist das Stück noch immer lebendig, wird immer wieder weltweit aufgeführt und neu interpretiert.

Tradition der Wandertheater

Dass es einst anders war, sieht man den Exponaten, die das aktuelle Original des Monats ausmachen, nicht an. Gleich nach seiner Uraufführung hätte das Werk, bei dem gelesen, gespielt und getanzt wird und das mit relativ wenigen Akteuren und Instrumenten auskommt, auf Wanderschaft durch Städte und Dörfer gehen sollen, die «alte Tradition der Gauklerbühnen, der Wandertheater, der Jahrmarktstheater» wieder aufnehmend, wie sich Ramuz erinnert.

Aber die Spanische Grippe machte allen einen Strich durch die Rechnung, und es dauerte ein paar Jahre, bis die «Geschichte vom Soldaten» erneut auf die Bühne kam. Einige Aufführungsprogramme sind zu sehen, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum. Strawinsky ist erfreut, dass sein Werk in Deutschland gut ankommt, «où on ne connait presque rien de ma musique», wie es in seinem Brief vom 12. Juli 1923 heisst, den er an Hans Reinhart schreibt, der ebenfalls mit ihm und Ramuz in Kontakt steht. Der Komponist freut sich auf die Lektüre der deutschen Übersetzung von Werner Reinharts älteren Bruder, die gewiss, wie er meint, «pleine de valeur littéraire» ist.

Hans Reinhart selbst bezeichnet seine Fassung der «Geschichte vom Soldaten» gewissenhaft als freie Nachdichtung. Man kann sie – es ist schnell gemacht – nachlesen im schmalen Heft mit dem hübschen Umschlag in der passenden Gestaltung des Künstlers Alexandre Cingria, das der Lesezirkel Hottingen 1924 herausgegeben hat. Im April desselben Jahres schafft die «Histoire du soldat» in ihrem ursprünglichen Sprachraum, nämlich am Théâtre de Champs-Elysées in Paris, den internationalen Durchbruch; am 30. April kannt man sie im Winterthurer Stadthaussaal mit dem Musikkollegium unter der Leitung von Hermann Scherchen hören.

Das Original ist eleganter

Wer die französische mit der deutschen Fassung vergleicht, wird die Sprache des Originals eleganter, besser noch: zeitloser finden; Hans Reinhart habe sich zu sehr dem «Ton deutscher Spiele des 16. Jahrhunderts» (Martin Bircher) angenähert. Dennoch und obwohl weitere deutsche Übersetzungen respektive Nachdichtungen entstanden, darunter eine von Mani Matter, wird auch heute meistens die Reinhart-Fassung gespielt. Und egal, ob der verführte Soldat am Ende sein Glück auf Deutsch oder Französisch verwirkt, er kann einem noch immer leid tun.

(Der Landbote)

Erstellt: 28.09.2018, 11:52 Uhr

100 Jahre «L'Histoire du soldat»

Nicht nur in Lausanne, dem Ort der Uraufführung von «L’Histoire du soldat», gedenkt man des Soldaten, der am Ende dem geigenden Teufel folgt, auch die Sammlung Winterthur präsentiert bis Ende Oktober als «Original des Monats» Informatives aus ihren Beständen.

Kurzpräsentationen gibt es am Dienstag, 9. und 23. Oktober, jeweils um 12 Uhr. Zudem ist die Sendung «Passage 2» auf Radio SRF 2 dem Werk gewidmet: Sonntag, 15:03 Uhr.

Empfehlenswert sind auch Charles Ferdinand Ramuz‘ «Erinnerungen an Igor Strawinsky und René Auberjonois», die beim Nimbus Verlag in Wädenswil erscheinen sind (176 Seiten, Fr. 24.50).

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