Jungkunst

«Die Heiterkeit währt nicht ewig»

Luca Harlacher ist der einzige Winterthurer Künstler an der diesjährigen Jungkunst. In den Objekten und Bildern des 26-Jährigen geht unsere knallbunte Konsumwelt eine frappierende Symbiose ein mit einer oft bizarr anmutenden Innenwelt.

Wie Bonbons oder Aliens: «Penalty Painting» von Luca Harlacher, 2019.

Wie Bonbons oder Aliens: «Penalty Painting» von Luca Harlacher, 2019. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er sehe sich ein wenig als Sammler, sein Atelier in Oberohringen sei voll mit Gegenständen, die in seiner Biographie eine Rolle spielten, sagt Luca Harlacher. Irgendwie finden die Dinge dann auf die wild zusammengeklebten, bunten Objekte oder auf die Leinwand. Beides erinnert an Wimmelbilder, man kann sie lesen, vieles erkennt man nicht auf den ersten Blick. Und wenn man sich in die teils bizarr anmutenden Welten begibt, kann es sein, dass man nicht so schnell wieder herausfindet. Ein Merkmal, das den Werken gemeinsam ist: Es gibt darin meist keine leeren Orte, jede Ecke ist von einem Zeichen, von einer Figur ausgefüllt, das gilt auch für die dreidimensionalen Werke.

Der 26-jährige Künstler aus Wülflingen spricht ruhig und mühelos über sich und sein Tun, der etwas verträumte Blick wirkt dennoch klar und strahlt eine heitere Zuversicht aus, oft lacht er. Fachvokabular gebraucht er selten. Wenn er geendet hat, senkt er den Kopf mit ernster Miene, als fände er das Gesagte nun doch fragwürdig. Im Auslandssemester seines Kunststudiums in Buenos Aires habe er sich wie ein aufblasbares Teilchen gefühlt, einmal ganz klein, dann geweitet und erfüllt, «als wäre die Natur ein Teil von mir», erinnert sich Harlacher. Aufblasbare Gegenstände kehren in seinem Werk häufig wieder.

Trashige Luftmatratzen

Diesen Sommer hat er im Kunsthaus Zofingen ausgestellt, als Preisträger der Jungen Kunst in Olten (JKON). Nun ist er auch an der Jungkunst vertreten, als einziger Winterthurer. Neben der Leinwand dienen ihm in zwei Objekten, den «Inflables» (2019), Luftmatratzen als Bildträger, je drei sind an den Längsseiten zusammenmontiert und an feinen Ketten aufgehängt, drei gelbe und drei in Pink.

«Inflables» von Luca Harlacher. Bild: Marc Dahinden

Lustig und trashig sei das, findet der Künstler, die Objekte würden sich zwischen Heiterkeit und Problematik bewegen. Im Licht der Halle 53, wo die Jungkunst stattfindet, leuchten die Farben weniger als auf der Webseite, wo die Infables vor einem schwarzen Hintergrund hängen – auf den ersten Blick wird man an farbige Kirchenfenster erinnert. Harlacher sieht darin eher «Notizblöcke», wie er sagt. Jedes Objekt darauf solle eine Welt für sich sein, eine Mikrowelt, aus einem kindlichen Blick betrachtet.

Junge Schweizer Kunst
26 Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Schweiz, von Genf bis Schaffhausen, von Lugano bis Giswil, zeigen an diesem Wochenende an der diesjährigen Jungkunst in der Halle 53 ihre Werke. Zu sehen sind Malerei, Fotografie, Installationen und Filme, konzeptuelle Kunst hat es diesmal weniger als im Vorjahr. Im Rahmenprogramm treten unter anderem die Zürcher Rapperin Big Zis und das Winterthurer Kabarettduo Badumts auf, zudem werden Führungen angeboten. Die Öffnungszeiten: Donnerstag 16-24 Uhr, Freitag 16-1 Uhr, Samstag 11-1 Uhr, So 11-18 Uhr. Halle 53, Katharina-Sulzer-Platz. (dwo)

Comicartige Figuren, Zeichnungen und Piktogramme entdeckt man da, ein Fussballfeld, ein Hochhaus, ein Pferd, einen Papagei und Verkehrszeichen; ein Mischwesen in einem Astronautenanzug steht neben einer barocken männlichen Büste. Mehr als eine Geschichte wird da erzählt, vielleicht ist es auch nur der Versuch, etwas zu erzählen, immer wieder neu anzusetzen. Der Versuch, Ordnung in das Chaos zu bringen, produziert eine Welt, die nicht als Ganzes fassbar ist. Alltag und Alptraum liegen nahe beieinander, und manchmal ist man vielleicht froh um den Notausgang, wie er auf dem Bild «Enthusiastic Story» (2019) in der rechten oberen Ecke angedeutet ist, mit einem Piktogramm und einem Pfeil, der nach unten zeigt. Oder ist das eine Bedienungsanleitung, die uns auf den Startpunkt hinweist?

«Die Realität ist komplex»

Harlacher führt uns vor Augen, dass jede Ordnung ein Konstrukt ist. Er habe es schon in Schule nie verstanden, warum alles linear aufgeräumt sein müsse: «Die Realität ist komplex.» Sehr bunt ist alles, was der junge Künstler macht, doch die Fröhlichkeit hat eine Kehrseite. Luftmatratzen dienen dem Vergnügen, aber sie halten nicht ewig, irgendwann wird die Luft draussen sein, das Material wird brüchig und zerfällt, und eines Tages vergrössert es den schwimmenden Plastikmüll im Ozean. Er versuche, die Farbigkeit der Konsumwelt wiederzugeben, sagt Harlacher. Die knalligen Farben sind sehr präsent, sie versprechen Dauer, augenfällig etwa die kalten Blautöne auf dem Bild «Ich habe schon einmal einen Schneemann gebaut» (2019). Aber die Bilder kippen. «Die Heiterkeit währt nicht ewig», sagt Harlacher.

«Enthusiastic Story» (2019) von Luca Harlacher. Bild: Marc Dahinden

Schon als Kind habe er viel gemalt, und die Eltern hätten alles gesammelt, die Kinderzeichnungen liegen nun in seinem Atelier. In diesem Jahr hat er den Bachelor of Arts in Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) abgeschlossen. An seinen Studienkollegen hat Harlacher beobachtet, dass viele nach dem Studium noch nicht so genau wüssten, was sie nun machen wollten. Bei ihm ist das anders. Als seine gestalterische Matura-Arbeit am Wirtschaftsgymnasium Büelrain ausgezeichnet wurde, sei es «irgendwie klar gewesen». Da kam er erstmals in diesen Flow, den man beim Machen hat, das Gefühl, man sei in seinem Element. Nun möchte er noch den Master anhängen, an einer ausländischen Hochschule, wo, das sei noch offen.

«Kreative» Lektionen

Im Gymnasium habe er auch die kunstfremden Unterrichtsstunden kreativ genützt, als Vorlagen für seine Zeichnungen dienten ihm die Mitschüler seiner Klasse. Noch während des Gymis schickte er eine Arbeit an die Kunsthochschule und absolvierte dann an der ZHdK den Vorkurs. Da merkte er, «dass Malerei sicher nicht das Einzige» war, was er machen wollte. Heute bewegt er sich fliessend zwischen den Medien, macht Skulpturen und Performances, arbeitet mit Fotografie und Video. Auf der Schützenwiese liess Harlacher die Mannschaft des FC Wülflingen bunt bemalte, fussballgrosse Objekte, die an fantasievoll verpackte Bonbons erinnern, auf ein selbst gebautes Tor schiessen. Dieses war quer durch mit durchsichtigen Plastikbändern bespannt, und dort liegen die skurrilen Bälle nun wie auf Regalen.

«Penalty Painting» (2019) von Luca Harlacher. Bild: Marc Dahinden

«Penalty Painting» heisst die auf Video festgehaltene, unspektakuläre Performance wie auch das dabei entstandene Objekt, das nun ebenfalls an der Jungkunst zu sehen ist. Hauptdarsteller sind hier jetzt die «Bälle», von denen es nicht zwei gibt, die sich gleichen: Jeder hat eine eigene Identität, wie seltsame Tiere erscheinen sie, und man muss annehmen, dass sie ihrerseits, wie sie jetzt so da liegen, die Betrachter beobachten und darüber einen Diskurs führen, den wir nicht verstehen, weil sie in der Sprache von Aliens miteinander reden.

Ein freudiges Gefühl

Wie muss man sich Harlachers Arbeitstag vorstellen? «Ich schlafe aus», sagt er und lacht. Gearbeitet wird vor allem nachts. «Ich bin recht schnell im Produzieren», maximal eine Woche brauche er in der Regel für ein Werk. Er arbeite immer an mehreren gleichzeitig, eines davon sei jedoch jeweils das Hauptwerk. Oft gehe er bereits mit einer Idee an die Aufgabe heran, oft aber auch nicht. Dann sitze er in seinem Atelier und beginne etwas zu machen, der erste Schritt sei oft «eher zufällig». So oder so: Seine Kompositionen entstehen im Machen, es ist keine Konzeptkunst. Bereits hat er zahlreiche Ausstellungen hinter sich, darunter vier Einzelausstellungen in Winterthur, Zürich, Zofingen und Stuttgart, und er kann seine Werke verkaufen.

Kommt es vor, dass er eine Arbeit am Ende verwirft? Nein: «Ich treibe es immer so weit, dass ich die Arbeit gebrauchen kann.» Manchmal erkenne er in älteren Arbeiten etwas, was er heute anders machen würde, dann arbeite er daran weiter oder verpacke sie in etwas Neues, «ich regeneriere sie sozusagen». Und wann ist eine Arbeit fertig? Das sei mehr ein Gefühl als eine Erkenntnis, sagt Harlacher: Ein «absolutes Gefühl der Freude» sei es. Oft denke er dann, dass er jetzt etwas gemacht habe, von dem er nicht gedacht hätte, dass er dazu fähig sei. Es sei dann, als hätte er etwas Neues entdeckt. Manchmal kommt ihm das vor wie ein therapeutischer Prozess.

Erstellt: 22.10.2019, 15:32 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!