Winterthur

Die Kirche als sinfonisches Haus

Die Stadtkirche ist auch ein Konzertsaal – für das Musikkollegium immer dann, wenn eine grosse Bruckner-Sinfonie gespielt wird. An der Reihe war am Donnerstag die dritte.

Ein grosses Bratschenkonzert: Solist Jürg Dähler, Dirigent Thomas Zehetmair (mit dem Rücken zur Kamera) und das Musikkollegium in der Stadtkirche.

Ein grosses Bratschenkonzert: Solist Jürg Dähler, Dirigent Thomas Zehetmair (mit dem Rücken zur Kamera) und das Musikkollegium in der Stadtkirche. Bild: Herbert Büttiker

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dass Anton Bruckner ein frommer Katholik war, ist bekannt, und zu hören ist, dass seine Musik auch im weltlichen Klang des Sinfonieorchesters religiös fundiert ist. Überraschender am Hauskonzert des Musikkollegiums am Donnerstag in der Stadtkirche war vielleicht, wie auch Bruckners Landsmann, Friedrich Cerha, der Doyen unter den österreichischen Komponisten mit Jahrgang 1926, sein Bratschenkonzert in der Tonsprache des 20. Jahrhunderts in diese Sphären führt – mit Choral und den feinen Klängen der Röhrenglocken.Cerhas Werk entstand 1993, die strenge Zwölftonmusik und die serielle Epoche waren Geschichte, die Möglichkeiten ihres befreiten Ausdrucks blieben. Cerha nutzt sie für die herbe und innige Sprache der Bratsche sehr schön, und Jürg Dähler, Solobratschist des Musikkollegiums, gab ihr in Haltung und Phrasierung im «Lamento» grosszügige Intensität. Ein Kabinettstück war das flirrende «Perpetuum mobile», wo Dähler mit stupender Fingerarbeit gleichsam den Wind machte, der die Bläser aufwirbelte. Expressiv und virtuos, in der Balance mit dem Orchester stets, aber nie vordergründig präsent, erlebte man, was ja nicht allzu oft vorkommt, im Gespann des Solisten und seines Kollegiums unter der Leitung von Thomas Zehetmair ein grosses Bratschenkonzert.

Befreiter Klang

Die konfessionelle Ausstattung des Kirchenraums kann der Musik gleichgültig sein, sie macht ihn zum sinfonischen Haus, und entscheidend ist die Akustik. Das Publi­kum des Musikkollegiums weiss das, und wer spät kam, fand nur noch wenige freie Plätze unter der Empore oder in den Seitenschiffen.

Der grosse Andrang galt dem grossen Klang von Anton Bruckners 3. Sinfoniekonzert, der sich in der Stadtkirche freier entfaltet als im Stadthaus, ganz unproblematisch freilich nicht: Der lange Nachhall fand zwar in den Fermaten seinen Raum, die Offenheit gab den Streichern ihren warmen, vollen Sound, dem Blech Volumen ohne Ballast, und wenn die Flöte in der Stille ihr einsames, fragendes Motiv in den Raum schickte, hatte der Moment seinen eigenen Zauber. Wo es aber um die motorische Energie der schnellen Noten ging, im Scherzo, in all den motorischen Streicherpassagen, war ein gewisser Wischeffekt der Akustik auch ein Nachteil.

Zehetmair war, in dieser Hinsicht wohl nicht optimal, auch mit viel Zug unterwegs, was sich gleich zu Beginn zeigte. Die schon philologisch merkwürdige Tempovorgabe zum «alla breve», «mehr langsam», lässt allerdings auch unterschiedliche Heran­gehensweisen zu – und das geforderte «Misterioso» der raunenden Streicher und des Trompetenthemas ereignete sich auch so. Mit der Dynamik im Ganzen ging das Orchester behutsam um, die Steigerungen erreichten das Fortissimo nicht zu früh, und dieses blieb dosiert.

Innig und grandios

Dass der Chefdirigent des Musikkollegiums, der seine Interpretation der ersten und zweiten Sinfonie von Bruckner in den zurückliegenden Saisons im Stadthaus präsentiert hatte, nun für die dritte den weitatmigen Raum aufsuchte, hatte seinen guten Grund, und es war zu erleben. Mit ihr fand Bruckner – man darf das bei aller unerhörten Intimität und kammermusikalischen Feinarbeit seines Komponierens sagen – seinen monumentalen Stil. Dazu gehört schon die Ausdehnung der Sinfonie und gehören die Bitten seiner Berater, zu kürzen. 2056 Takte umfasste die dritte in ihrer Urfassung von 1873. Sie war die längste Bruckner-Sinfonie überhaupt. 1644 Takte waren es noch in der dritten Fassung von 1888/89, die sich durch­gesetzt hat und auch heute noch zumeist gespielt wird.

Auch ohne detaillierte Werkkenntnis wurde mit der Coda des Scherzo-Satzes klar, dass Zehetmair die mittlere Version gewählt hatte, und zwar in der Fassung, wie sie erst 1981 publiziert wurde. Dieser fast aberwitzig auftrumpfende Satzschluss war ein Highlight – eines von vielen einer geglückten Aufführung. ()

Erstellt: 06.04.2018, 16:44 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Paid Post

Soforthilfe für Smartphones

Ob Displaybruch, defekte Kamera oder Wasserschaden – Wintek Swiss hat meist eine Lösung.

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben