Kunst

Kulturpreis geht an «Kunstgärtnerin»

Der städtische Kulturpreis geht an Maja von Meiss, die seit 18 Jahren im Weiertal Ausstellungen organisiert. Sie fühlt sich besonders zu Werken hingezogen, die Widerstand leisten oder sogar stören.

Interesse für den Menschen, freundschaftliche Beziehungen zu Kunstschaffenden: Maja und Richard von Meiss in ihrem Garten im Weiertal, Aufnahme von April 2018.

Interesse für den Menschen, freundschaftliche Beziehungen zu Kunstschaffenden: Maja und Richard von Meiss in ihrem Garten im Weiertal, Aufnahme von April 2018. Bild: Enzo Lopardo

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Ihr Name ist mit einem Erlebnis verbunden. Mit einem Spaziergang durch einen idyllischen Garten, zu Kunstwerken, die verführerisch zwischen Wiesen und Bäume gesetzt sind. Seit 2009 organisiert Maja von Meiss im Weiertal jedes zweite Jahr die Skulpturen-Biennale. Das Anwesen ist seit 1982 im Besitz der Familie.

Kunst zeigt von Meiss seit 2001 auch in ihrer Galerie am selben Ort. 69 Ausstellungen mit Werken von 514 nationalen und regionalen Kunstschaffenden hat es seither gegeben. Vier- bis siebentausend Besucherinnen und Besucher fanden laut von Meiss jedes Jahr den Weg in das schöne, an der Strasse zwischen Wülflingen und Pfungen gelegene Tal. Auch zwischen den Biennalen macht sie im Sommer grosse Ausstellungen, ab und an auch an anderen Orten, 2014 beim Schloss Wülflingen und 2016 in der Villa Flora.

Augen für eine Grabsteinskulptur

Wie kam die 1955 geborene Psychotherapeutin zur Kunst? Im Gespräch fallen ihr die Bronzeskulpturen auf dem Friedhof in Wetzikon ein, den sie mit der Grossmutter oft besuchte, diese Figuren haben sie fasziniert. Der Friedhof lag in der Nähe des Elternhauses. Da gab es auch ein Grabsteinatelier, und einmal meinte der Bildhauer zu ihr: «Majeli, du hast so schöne Augen, die könnte ich jetzt brauchen für meine Skulptur.» Dass sie ihre Augen für die Skulptur auf einem Grabstein hergeben könnte: eine schauerliche Vorstellung.

Einen Blick für die Kunst und eine Neigung für die Künstler entwickelte von Meiss zusammen mit ihrem Mann, dem Arzt Richard von Meiss, der aus einem alten Zürcher Geschlecht stammt. Er hatte schon Beziehungen zu Künstlern gepflegt und zusammen mit seinem Kollegen in der Praxis Ausstellungen gemacht, als das Paar 1984 zusammenfand.

«Ihr habt so viel Platz hier, macht doch etwas für die Kunst», meinten die Künstler, wenn sie im Weiertal zu Besuch waren, daran kann sich Maja von Meisserinnern. Niemand wisse heute mehr ganz genau, wie es zu den ersten Ausstellungen gekommen sei. Aber sie kennt die Motive: Ihr Mann Rick sei ein sehr generöser Mensch, das habe eine Rolle gespielt. «Wir haben es sehr gut in der Familie, wir haben ein gutes Umfeld und einen riesigen Garten, dieses Glück haben nicht alle. Wir wollen andere daran Anteil haben lassen.» Die Stadt Winterthur habe sich stets offen gezeigt gegenüber ihren Anliegen, das sei auch nicht selbstverständlich, sagt von Meiss.

Schwierige Werke als Herausforderung

Von 2005 bis 2008 kuratierte sie ausserdem die Galerie Kunsttreppe, 17 Ausstellungen kamen im Treppenhaus eines Altstadthauses zustande. 2009, acht Jahre nach dem Start der Galerie im Weiertal, kam der Schritt ins Freie, in den Garten, wiederum inspiriert von Kunstschaffenden, die den Wunsch äusserten, einmal hier draussen auszustellen.

Aber war es nicht riskant, Kunstwerke im Freien aufzustellen – zum Beispiel drei grosse Leuchtröhren von Christoph T. Hunziker? Von Meiss begriff, dass die Herausforderung sie reizte. Dieser Zug prägt überhaupt ihren Zugang zu den Kunstwerken. Sie fühlt sich besonders zu Werken hingezogen, die sie staunen lassen, die Widerstand leisten, ratlos machen oder sogar stören. «Dann packt es mich», sagt von Meiss. Dieses Ringen, wie sie es nennt, ist ihr wichtig, auch aufseiten der Kunstschaffenden. Beschäftige man sich mit einem Lebenslauf und dem Werk, so erkenne man die Handschrift, den Tiefgang.

Freundschaften und Begegnungen

Den persönlichen Bezug zu den Künstlern empfand sie als Bereicherung. Davon hätten auch ihre Kinder profitiert, glaubt sie. Besonders erinnert sie sich an Heidi Bucher (1926–1993), die eineenge Freundin des Ehepaars von Meiss wurde. Die aus Winterthur stammende, international beachtete Künstlerin wurde in den 1970er- und 1980er-Jahren mit ihren «Häutungen» aus Latex bekannt. Vor zwei Jahren widmete ihr von Meiss eine Hommage.

«Wir haben es sehr gut, dieses Glück haben nicht alle. Wir wollen andere daran Anteil haben lassen.»Maja von Meiss, Galeristin

Unvergesslich auch der Besuch im Haus von HR Giger, der auf sie einen «bizarren» Eindruck machte: Düster sei der Raum gewesen, in dem Giger sie empfangen habe, aus dem Dunkel sei plötzlich eine Katze auf seine Schulter gesprungen. Das Interesse für den Menschen spiegelt sich in der hauptberuflichen Tätigkeit als Psychotherapeutin; von 2001 bis 2017 unterrichtete von Meiss zudem Psychologie und Kommunikation an der Kantonsschule Rychenberg, die sie selbst absolviert hatte und wo sie nun auch als Schulpsychologin tätig war.

Kuratoren sollen die Künstler machen lassen

Idealismus und strategisches Denken brauche man für das Konzipieren von Ausstellungen, sagt von Meiss. Strategisches Denken half, als es galt, für die erste Biennale eine Jury zu bilden und für das Patronatskomitee Leute aus Wirtschaft, Politik und Kultur als Partner zu gewinnen. Für die zweite Biennale wurde dann ein Verein gegründet. Die Ausstellungen in der Galerie kuratiert sie selbst, für die Skulpturen-Biennale lädt sie einen Kurator oder eine Kuratorin ein, damit Unterstützungsbeiträge der öffentlichen Hand und von Stiftungen möglich sind.

Die Kuratoren sollten, so stellt von Meiss es sich vor, nicht alsdirekte Auftraggeber der Kunstwerke walten, sondern konzeptuell, begleitend und beratend tätig sein. «Wir haben Vertrauen in die Künstler, dass sie kompetent ihre eigenen Vorstellungen entwickeln», sagt von Meiss. Am besten gleich im Weiertal selbst.

Als Idealbesetzung ist ihr Guido Magnaguagno in Erinnerung, der 2013 und dann 2015 gleich noch einmal als Kurator gewonnen werden konnte: Er habe die Künstler machen lassen, ihnen nicht zu viele Vorgaben gemacht. Als ehemaliger Kurator des Zürcher Kunsthauses und Leiter des Tinguely-Museums in Basel ist Magnaguagno in der ganzen Szene wohl bekannt – von Meiss konnte in seinem Namen selber Künstler anfragen. Die Zusammenarbeit mit den Kunstschaffenden, das Konzipieren der Ausstellungen und die Gestaltung des Rahmenprogramms mache ihr enorm Spass, auch wenn die Arbeitslast zuweilen gross sei.

Der Vermittungsbedarf ist gestiegen

In den letzten Jahren seien die Werke abstrakter geworden und nicht mehr ohne weiteres verständlich. Umso mehr brauche es Vermittlung, in den Führungen, am besten in Anwesenheit der Künstler, und seit 2013 auch in den Filmporträts. Zwanzig «sympathische und engagierte Frauen» betreuten die Garten-Ausstellungen in Freiwilligenarbeit, sagt von Meiss. Fünfzigtausend Franken habe man an der Biennale 2017 über die Eintritte eingenommen, damit wurden Werkbeiträge an Künstler ermöglicht. Zudem kann von Meiss auf etwa hundert Gönner zählen.

Die in Galerie und Garten gezeigten Werke sind im Prinzip käuflich. Dass es Installationen aber schwer haben, ist von Meiss klar, sie seien «fast unverkäuflich». Mit dem Geld, das mit dem städtischen Kulturpreis verbunden ist, will sie ein Zeichen setzen: Es soll 2020 den Kunstschaffenden der nächsten grossen, von ihr kuratierten Ausstellung zu­gutekommen. Sie trägt den Titel «Alles im grünen Bereich».

Der Kulturpreis der Stadt Winterthur wird am Dienstag im Kunstmuseum beim Stadthaus über­geben. Die Feier ist nicht öffentlich.

Erstellt: 09.12.2018, 16:48 Uhr

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