Reformierte

Die Luft wird dünn für die Fabrikkirche

Die Kantonskirche streicht dem Projekt 160000 Franken, weil dessen Ziele zu wenig konkret seien. Ob der Stadtverband in die Bresche springen will, ist unklar.

Seit Juli 2017 ist die Fabrikkirche in der «Akazie».

Seit Juli 2017 ist die Fabrikkirche in der «Akazie». Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Fassade ist grün, die Zahlen rot: Seit November 2017 betreibt die Fabrikkirche das Restaurant Akazie am Merkurplatz. Nach dem Abriss der Halle 1019 im Sulzer-Areal war das Projekt der reformierten Kirche «heimatlos» geworden; nun will man an dieser zentralen Lage «Versorgung für Leib und Seele» anbieten. Doch während die Fabrikkirche am alten Ort erfolgreich wirtschaftete, ist der Betrieb in der Akazie harzig angelaufen. 2018 schrieb die Gastronomie ein Defizit von 210000 Franken.

Auch was das Angebot betrifft, ist die Akazie auf der Suche. Nach Experimenten mit veganen und vegetarischen Tagen wird nun wieder täglich Fleisch serviert. Die Öffnungszeiten wurden zwischenzeitlich auf den Abend ausgedehnt, jetzt kehrt man zum Mittagsbetrieb zurück, weil sich Abendanlässe und Gastronomie ins Gehege kamen. Geblieben ist das Prinzip, dass keine festen Preise verlangt werden, sondern die Gäste selbst entscheiden, was ihnen das Menü wert ist.

Auch personell häuften sich die Umbrüche. Gründer Nik Gugger, heute EVP-Nationalrat, zog sich im Sommer 2018 zurück, seine Nachfolgerin Andrea Weinhold schied diesen Sommer krankheitshalber aus, ihr Co-Leiter Renato Pfeffer trat seine Ausbildung zum Pfarrer an. Am Ruder der Fabrikkirche sind heute Pfarrerin Isabelle Schär und Marie-Lena Sczepek.

«Keine Jugendkirche»

Und diese haben letzte Woche schlechte Neuigkeiten erhalten. Die kantonale Synode beschloss am Dienstag, den jährlichen Beitrag an die Fabrikkirche von 160000 Franken für 2020 auszusetzen. Es habe «keine fristgerechte Klärung der Neuausrichtung und Finanzierung» erreicht werden können. «Ursprünglich war das Projekt als Jugendkirche bewilligt worden», sagt Kirchenrat Bernhard Egg. Das sei es dann nie gewesen, aber weil Gugger «etwas Pfiffiges» auf die Beine gestellt habe, liess man ihn gewähren. In seiner heutigen Form habe das Projekt zwar gute Ansätze, sei aber «ein Sammelsurium von Ansätzen neuer kirchlicher Ausdrucksformen und Diakonie», das keine überregionale Ausstrahlung habe.

Der Winterthurer Stadtverband setzte sich im Vorfeld der Synodensitzung für die Fabrikkirche ein, sein Antrag, die Unterstützung zu verlängern, unterlag aber knapp mit 48 zu 50 Stimmen. «Das haben wir uns anders gewünscht», sagt Isabelle Schär. Wie die Fabrikkirche die wegfallenden 160000 Franken kompensieren will, ist noch unklar. «Wir müssen das erst im Vorstand besprechen», sagt Schär. Sie ist überzeugt, dass die Fabrikkirche ein «vielfältiges, lebendiges Angebot» biete, und dass der Stadtverband «voll hinter dem Projekt» stehe.

Ungetrübt ist aber auch dieses Verhältnis nicht: Ende 2017, noch unter Leitung Nik Guggers, kündete der Stadtverband vorübergehend die Leistungsvereinbarung mit der Fabrikkirche. Der Grund: Seit dem Umzug in das Restaurant Akazie im Stadtzentrum fehle ein Konzept mit konkreten Zielen und Zahlen. Im April entschloss sich der Verband, weiter zu zahlen.

«Hecht» ist gut gestartet

240000 Franken erhält die Fabrikkirche jährlich, bis 2021 sind diese Beiträge garantiert. Ob der Stadtverband noch mehr Geld aufwerfen und für den Kanton in die Bresche springen will, ist unklar. Zumal mit dem «Hinteren Hecht» an der Tösstalstrasse ein weiteres kirchlich gefördertes Gastroprojekt im Stadtzentrum entstanden ist. «Dort läuft es aus meiner Sicht gut», sagt Verena Bula, Präsidentin des Stadtverbands. Mit jährlich 60000 Franken Unterstützung ist das täglich bis spätabends geöffnete Café das weitaus günstigere Projekt.

«Jetzt ist die Fabrikkirche am Drücker», sagt Bula. Sie müsse entscheiden, wie es weitergehen soll. Und ob sie ein klareres Profil entwickeln kann. Die Uhr tickt. Der Mietvertrag der Akazie wurde vorsorglich gekündet, er läuft Ende 2020 aus – mit Option auf Verlängerung, wenn das Projekt in Schwung kommt.

Erstellt: 01.12.2019, 13:02 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare