Konzert

Die Mahler-Sinfonie für Kammerorchester

Für das Podium des Musikkollegiums brauchte Mahlers 6. Sinfonie eine Schlankheitsoperation.Sie hat sie gut überlebt, Leidenschaft und Geist waren frisch wie eh.

Grosser Erfolg mit kleiner Besetzung: Klaus Simon verteilt den Applaus auf alle, rechts von ihm der Dirigent Pierre-Alain Monot.

Grosser Erfolg mit kleiner Besetzung: Klaus Simon verteilt den Applaus auf alle, rechts von ihm der Dirigent Pierre-Alain Monot. Bild: Herbert Büttiker

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Die Orchesterbesetzung von Gustav Mahlers 6. Sinfonie verlangt, um nur von den Bläsern zu sprechen, alles vierfach, von den Flöten bis zu den Posaunen. Piccolo und Basstuba kommen hinzu, bei den Trompeten sind es sogar sechs, bei den Hörnern acht Spieler, die auf dem Podium vor einem grossen Schlagzeugarsenal und hinter einem Grossaufgebot von Streichern Platz finden müssen. Vier Harfen wünschte sich Mahler ebenfalls und auch die Celesta wollte er gern mehrfach besetzt haben. Seine Zeit suchte die Entgrenzung auch in fragwürdiger Hinsicht, aber die Erkenntnis, dass Mahler den Anspruch, der mit seinem Aufgebot verbunden war, auch mit kompositorischer Substanz, Innerlichkeit und Botschaft einlöste, hat sich durchgesetzt. Für die grossen Sinfonieorchester gehören seine Werke heute zum Standard, wobei Grösse auch nicht gerade die Vierfachbesetzung der Harfen bedeuten muss.

Mahler im neuen Klangbild

Für das Musikkollegium aber ist Gustav Mahler eindeutig eine Nummer zu gross – ausser man hat Ideen. 2014 war Mahlers Sechste in Winterthur überhaupt das erste Mal zu hören. Möglich wurde dies dank einer Fusion des Musikkollegiums mit dem Sinfonieorchester St. Gallen und dem Wechsel ins Theater. Eine neuerliche Begegnung mit dem Werk ermöglichte am Samstagabend nun eine andere Massnahme. Angekündigt wurde Mahlers Sinfonie Nr. 6 für Kammerorchester. Der in Freiburg i. Br. wirkende Pianist und Dirigent Klaus Simon (*1968) hat sich als Arrangeur auf die schwierigen Schlankheitsoperationen an Mahlers Werken spezialisiert. Die erste, vierte, fünfte und neunte Sinfonie liegen in seiner Version vor, die sechste wurde nun von dreissig Musikerinnen und Musikern des Musikkollegiums uraufgeführt

Vorangestellt wurden der Aufführung die «Vier Lieder op. 2» von Alban Berg, ebenfalls in einem Arrangement von Klaus Simon und ebenfalls als Uraufführung. Der Bariton Daniel Pérez gab den lyrisch-rezitativischen Miniaturen überlegen den hehren Grundton und die Eindringlichkeit, und die Instrumentation mit ihren surrealen und explosiven Momenten verortete die Lieder deutlich im Umfeld der Klangwelt der sogenannten zweiten Wiener Schule. Dort, genauer bei der musikalischen Praxis von Arnold Schönbergs «Verein für musikalische Privataufführungen», wo auch Debussy, Bruckner und Mahler (4. Sinfonie) in kleiner Besetzung gespielt wurden, holte sich Simon auch Rechtfertigung und Inspiration für die Operation an Mahler, bei der es keinesfalls bloss ums Wegschneiden geht (alle Posaunen weg, Basstuba weg, sechs von acht Hörnern weg usw.), sondern um ein in sich stimmiges eigenständiges Klangbild.

Als ob die Mahler-Adepten um Schönberg Mahler gleichsam ein wenig zu sich herüber gezogen hätten, sogar an eine Symphonie classique mochte man in Passagen des Scherzo-Satzes denken. Gewiss konnte man im Ganzen den Mahler-Sound und -Sarkasmus in seiner überwältigenden Fülle und Spannweite vermissen, aber man tat gut daran, sich diesem, sagen wir mal, spröderen musikalischen Diskurs hinzugeben, den isolierteren Stimmen und dem auch durch den Einsatz von Klavier und Harmonium trockeneren Fundament. Zu hören war in all dem eben doch reiner Mahler und nur Mahler: Bezwingend der forsche Marschschritt und die Leidenschaftsgebärde im ersten Satz, im Gegensatz dazu die wunderbare Intimität des Andante-Satzes mit der kleinen Streichergruppe und, ausgreifend, auch den Bläsern. Diese behaupteten sich im spektakulären Wirbeln und in Kaskaden nicht nur im Scherzo glänzend. Dazwischen das Schlagzeug, das in diesem Umfeld präzis dosiert war. Der Zauber mit Herdengebimmel, Glocken und Geglitzer auf der einen, grosser Trommel und Holzhammer auf der anderen Seite hatte seine Wirkung.

Dezidiertes Dirigat

Ihre Sonderstellung im Rahmen der expressiven Steigerungen zumal im Finalsatz liess die Trompeten glühen. Es war der stellvertretende Solist Ernst Kessler, der sich hier souverän verausgabte. Der Solotrompeter Pierre-Alain Monot stand am Dirigentenpult und zeigte seine ausserordentliche Begabung als Impulsgeber, der unaufdringlich die Energien lenkt und modelliert, einleuchtend in den Tempi und der dynamischen Kontrolle zwischen atmosphärischer Zartheit und leidenschaftlicher Steigerung. Lichte Höhen in der Ferne und höchste Emphase, der vor dem Durchbruch gleichsam die Türe zugeschlagen wird – das war auch an diesem Abend das dunkle Fazit, wie auch immer es zu deuten ist. Mahler selber glaubte nicht an die Notwendigkeit der Ausdeutung, und seiner Devise empfahl sich auch diese Aufführung in all ihrer bravourösen Hingabe: «Man muss eben Ohren und ein Herz mitbringen und nicht zuletzt sich willig dem Rhapsoden hingeben. Ein Rest Mysterium bleibt immer – auch für den Schöpfer.»

Verpasst? Mit diesem Programm ist das Musikkollegium am 22. März in Schaffhausen zu Gast. (Landbote)

Erstellt: 11.03.2019, 17:05 Uhr

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