Neue Musik

«Die Musik bringt mich in ein fremdes Land»

Das Absolut-Trio mit der Geigerin Bettina Boller spielt Werke von Bernd Alois Zimmermann.

«Wir gehen sehr an die Grenze»: Bettina Boller (links) mit Stefka Perifanova und Judith Gerster.

«Wir gehen sehr an die Grenze»: Bettina Boller (links) mit Stefka Perifanova und Judith Gerster. Bild: PD

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«Wir haben uns die Zähne daran ausgebissen», sagt Bettina Boller über «Présence» von Bernd Alois Zimmermann. Dass die Geigerin, mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung in neuer Musik, das Werk aus dem Jahr 1961 bis heute als schwierig empfindet, liegt vor allem an der Notationsweise, die Zimmermann neu entwickelt hatte: Halbtonunterschiede werden nicht wie sonst mit Vorzeichen angegeben, sondern mit leeren und ausgefüllten Notenköpfen. Diese bezeichnen üblicherweise etwas ganz anderes, nämlich die Länge des Tones.

Hat man sich mit der neuen Schreibweise vertraut gemacht, stellt sie eine Erleichterung dar. Für die Hörer ist «Présence» eine Musik, für die sie vor allem die eigene Intuition und Vorstellungskraft in Gang setzen müssen. Und daran ist eigentlich nichts schwierig, es ist höchstens ungewohnt.

Kostümierte Musikerinnen

Vor zehn Jahren hat Boller «Présence» mit ihrem Absolut-Trio auf CD herausgebracht. Jetzt führt sie es mit ihrem Trio im Rahmen der Reihe «Musica aperta» auf, halbszenisch: «Wir spielen kostümiert», sagt Boller. Das liegt nahe, weil das fünf Szenen umfassende Stück als Ballettmusik komponiert ist, mit den literarischen Figuren Don Quichotte, Molly Bloom und Roi Ubu als Leitmotiven, die jeweils einem Instrument zugeordnet werden können. In der vierten Szene etwa tanzen Molly Bloom und Don Quichotte einen Pas de deux.

Dass Molly Bloom eine Figur aus dem «Ulysses» von James Joyce ist, das braucht man nicht zu wissen, und schon gar nicht, was ihr in ihrem Monolog im letzten Kapitel des «Ulysses» alles durch den Kopf geht. Es ist eine Anregung unter vielen, die man beim Hören dieser Musik benutzen kann.

Kleine Kostprobe des Absolut-Trios: Philippe Racine (*1958): Opus 2016 (Uraufführung)

Neue Musik gilt oft als verkopft, «Présence» ist ein Gegenbeispiel. Es ist sehr expressive, verspielte Musik, mit vielen Zitaten aus der Musikgeschichte, die einen humorvollen Umgang mit der Tradition verraten. Hört man «Présence», ist mit einem Mal die ganze Tradition gegenwärtig. Zimmermann nannte diese Gleichzeitigkeit von allem die «Kugelgestalt der Zeit». Max E. Keller und Egidius Streiff, die beiden Leiter der Reihe «Musica aperta», machten daraus das Motto des Abends.

Zugang über das Gefühl

Experte in Musikgeschichte muss man auch nicht sein, um mit diesem Stück etwas anfangen zu können. Sie finde den Zugang zur Musik nie über den Kopf, sondern immer über das Gefühl, sagt Boller: «‹Présence› ist unglaublich witzige Musik.» Don Quichotte, den sie mit ihrer Geige «verkörpert», ist in ihren Augen kein Narr, der einen zum Lachen bringt; er kommt ihr im Gegenteil oft «eisig und spitzig» vor. Ganz im Gegensatz zur liebevollen Molly Bloom, für die das Cello steht. Wie man sich in jede Musik, selbst in Popmusik, zuerst einhören muss, bis man sie richtig geniessen kann, so ist es auch mit der neuen Musik. «Beim ersten Mal habe ich gar nichts verstanden», erinnert sich Boller. Am liebsten würde sie deshalb am Schluss eines Konzerts sagen: «So, jetzt fangen wir an.» Oder man könnte danach Suppe essen gehen, schlägt Boller vor, und dann das Konzert noch einmal spielen.

Gedichtzeilen von Pörtner

Anregungen liefern in «Présence» auch die den Szenen vorangestellten Sätze aus Gedichten von Paul Pörtner; sie werden im Konzert auf Schrifttafeln gezeigt wie im Stummfilm. «Wir jagen die Tiere, die uns opfern», heisst es etwa ganz zu Beginn. Auch da geht Boller nicht mit analytischem Verstand zur Sache, sondern mit Intuition. Die Begriffe «Jagd» und «Opfer» rufen bei ihr Bilder wach, die sie dann in der Musik spürt. Für sie sei das eine Art zu reisen, die «nur so, auf keine andere Art» möglich sei: «Die Musik bringt mich in ein fremdes Land.»

Dort ist es nicht unbedingt schöner als in der Wirklichkeit. Aber: «Wenn man am Abend einfach etwas Schönes erleben möchte, so bin ich dafür nicht die Richtige.» In Werken der neuen Musik kommt es vor, dass die Partitur verlangt, «so laut wie möglich» zu spielen. Da muss man dazu bereit sein, gewohnte ästhetische Prinzipien über Bord zu werfen. «Wir gehen sehr an die Grenze», sagt Boller.

Seit vier Jahren keine Ferien

Tatsächlich ist sie seit vier Jahren nicht mehr in die Ferien gefahren – «ich bin bereits in der schönsten Welt», sagt die Musikerin, die neben einer Hundertprozentstelle an einer Musikschule in Zürich, wo sie unter anderem ein Orchester leitet und Kleinkinder unterrichtet, auch selbst auftritt und komponiert.

Neben «Présence» spielt das Absolut-Trio zwei weitere Werke von Zimmermann, der in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag hätte feiern können: die Sonate für Geige und Klavier von 1949 und «Vier kurze Studien» für Cello solo von 1970. Neben Boller spielen Judith Gerster, Cello, und Stefka Perifanova, Klavier.

Erstellt: 24.09.2018, 11:28 Uhr

Konzert

«Présence – die Kugelgestalt der Zeit»: Donnerstag, 27. 9., 20 Uhr, Villa Sträuli, Museumstrasse 60.

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