Winterthur

Die pure Lust am Fabulieren

Der Argentinier Mariano Llinás stellt mit dem 14-stündigen Werk «La flor» ein filmisches Monstrum vor. Es ist etwas vom Besten, was sich derzeit auf der Leinwand entdecken lässt.

Eine Haut wie Lava: Die vier Hauptdarstellerinnen spielen auch zusammen in der eigenen Theatergruppe «Piel de Lava». Foto: PD

Eine Haut wie Lava: Die vier Hauptdarstellerinnen spielen auch zusammen in der eigenen Theatergruppe «Piel de Lava». Foto: PD

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Zwischendurch setzt sich Mariano Llinás selber ins Bild. Kramt sein Notizbuch, einen Stift hervor und schildert – so auch zu Beginn – sein Vorhaben: ein Film in sechs Episoden. Dabei erzählt jede Episode eine andere Geschichte und ist jede Geschichte einem anderen Genre verpflichtet.

Die erste entspinnt sich als horrorunterlegtes B-Movie um eine versehentlich in einem archäologischen Labor angelieferte Mumie. Die zweite entpuppt sich als romantisches Musical, in das sich bizarr die Geschichte einer Sekte einflicht, die mittels Skorpiongift die ewige Jugend sucht.

Es folgen: ein Spionagefilm, Tarantino-angehaucht, ein Stummfilm in der Manier vor Jean Renoir, zum Schluss ein Historienfilm, angesiedelt im 19. Jahrhundert. Letzterer handelt von vier Frauen, die nach zehnjähriger Gefangenschaft ihren Peinigern entwischen.

Der Trailer zum Film.

Zehn Jahre Drehzeit

Zehn Jahre hat Mariano Llinás an «La flor» gearbeitet, rund 14 Stunden lang ist dieser geraten. Die ausser dem Regisseur und einem immer wieder durchs Bild trollenden Hund einzige Konstante sind die Hauptdarstellerinnen: Pilar Gamboa, Laura Paredes, Elisa Carricajo und Valeria Correa.

Ihre Besetzung dürfte nicht zufällig sein: Die vier haben 2003 die Theatergruppe Piel de Lava (Lavahaut) gegründet und während der Entstehung von «La flor» weiterhin gemeinsam Theater gespielt. Ihre Vertrautheit ist im Film nicht zu übersehen; obwohl nicht explizit als solche bezeichnet, ist «La flor» ähnlich wie der Film «Boyhood» auch eine Langzeitstudie, deren Darstellerinnen und Darsteller sich verändern, älter, reifer werden.

Um einen weiteren Vergleich zu wagen, wären die «Harry Potter»-Filme und «Game of Thrones» zu erwähnen. Dies auch, weil der eine Effekt, der «La flor» trotz oder gerade wegen seiner gewagten Länge sehenswert macht, die Lust auf das stets neue Wiedersehen mit den Darstellerinnen ist.

«La flor» ist über weite Strecken nah dran an den Darstellern fotografiert und erzählt das Geschehen gespiegelt in deren Mimik und unterlegt von einer exquisit gestalteten Tonspur. Llinás reibt sich an seinen Darstellerinnen.

Er hat ihnen Charaktere zugeschrieben, für ihre Figuren Lebensgeschichten erfunden. Die mit 344 Minuten längste und fesselndste Episode ist die dritte, in welcher die vier in den Rollen einiger der weltbesten Spioninnen irgendwo in Lateinamerika einen als Geisel genommenen deutschen Professor in einen Helikopter setzen sollen.

Bäume und Mädchen

Doch – die Handlung spielt während des Kalten Kriegs – der Feind, eine andere Frauengang, ist ihnen auf den Fersen. Derweil der Countdown läuft, vereinzelte Schüsse fallen, die Situation sich zuspitzt, nimmt sich Llinás Zeit, die vier in einem je halbstündigen Exkurs vorzustellen und dabei in die Welt hinaus aufzubrechen; dass Llinás auch diese Einschübe in je eigenem Stil gestaltete, wobei die originellste als Überblendung auf dem Hintergrund alter Gemälde spielt, versteht sich.

Schlicht von «las chicas» – den Mädchen – spricht Llinás, wenn er von seinen Darstellerinnen redet, am eindringlichsten wird die Auseinandersetzung mit ihnen im vierten Teil, den er selber so genau nicht zu betiteln weiss. De facto handelt es sich um eine Art Making-of, um ein Sinnieren darüber, wie Geschichtenerzählen mit filmischen Mitteln funktioniert und wie der Regisseur sich nach sechs Jahren die ihm zu fordernd gewordenen Protagonistinnen vom Hals hält.

Er will von ihnen erzählen, ohne sie sichtbar werden zu lassen. Zieht mit seiner Crew los, um in Frühjahresblust stehende Bäume zu filmen, und findet dabei heraus, dass Bäume, in «La flor» allgegenwärtig, letztlich nur in Bezug auf Menschen von Bedeutung sind. So ist «La flor», obwohl zwischendurch auch mäandrierend und für den Zuschauer eine Herausforderung, ein meisterhaftes Kinostück und eine grosse Liebeserklärung an die Filmkunst.

12. bis 14. Juli, Kino Cameo, Lagerplatz.

Erstellt: 05.07.2019, 18:04 Uhr

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