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«Die Samen stehlen und lügen»

Die Filmemacherin Amanda Kernell erzählt von den Samen, einem lange unterdrückten Volk im Norden Schwedens.

Feststellung von samischen «Rassenmerkmalen» im Film «Sami – A Tale From the North» von Amanda Kernell.
Feststellung von samischen «Rassenmerkmalen» im Film «Sami – A Tale From the North» von Amanda Kernell.
zvg

Sie solle dort um Himmels Willen nicht joiken, erklärt Elle Marja ihrer jüngeren Schwester Nennja auf dem Weg zum Internat. Auch nicht heimlich. Denn das Joiken, dieser urige Sprechgesang der Samen, würde die Schwestern noch mehr brandmarken als die traditionelle Tracht, die sie in der Schule zu tragen haben.«Sami – A Tale from the North» spielt in den 1930er-Jahren, und das ist für die Samen in Schweden eine schwierige Zeit.

Amanda Kernell erzählt in ihrem ersten langen Kinofilm die fiktive Biographie von zwei Schwestern. Sie leben mit ihrer Mutter und den Grosseltern im nordschwedischen Lappland von der Rentierzucht. Man zieht durch die Gegend, bestimmt vom Wechsel der Jahreszeiten und im Lebensrhythmus der Tiere. Herb-idyllisch wird das dargestellt. Die beiden Protagonistinnen im Teenager-Alter – gespielt von den Schwestern Lene Cecilia und Mia Erika Sparrok – sind vertraut mit der Natur und wissen mit Rentieren umzugehen. Die Filmemacherin stammt selbst von einem samischen Vater ab. «Sami» ist zwar kein Dokumentarfilm, doch Kernell bemüht sich um Authentizität und Realitätsbezug. Und das Resultat überzeugt.

Zwei ungleiche Schwestern

Aufgezogen hat Kernell ihren Film in der Retrospektive. Er setzt in den 1990er-Jahren ein; Ella Marja, in ihren späteren Jahren von Maj-Doris Rimpi gespielt, nennt sich nun Christina. Sie war früher Lehrerin, jetzt ist sie pensioniert. Mit Sohn und Enkelin soll sie zu Nennjas Beerdigung fahren. Freiwillig tut sie dies nicht, denn sie hat als Jugendliche mit ihrer Familie gebrochen. Und zu Nennja hatte sie jahrzehntelang keinen Kontakt mehr.

Sohn und Enkelin aber drängen. Sie wollen ihre Verwandten kennenlernen, ihre Herkunft und die Traditionen, die man in der Familie pflegt: Anders als Elle Marja hat sich Nennja nie ganz zum Christentum bekehrt und die Verbindung zu den alten Religionen aufrecht erhalten.

Kernell hat in ihren Film viel hineingepackt, die ganze Geschichte eines jahrhundertelang unterdrückten Volkes. Sie erzählt von Verwurzelung, vom Heranwachsen und von der Emanzipation, von der Migration in der eigenen Heimat und von einer Entfremdung, die bis in die Verleugnung führt. «Die Samen stehlen und lügen», sagt Christina, bevor man aufbricht. Und als unterwegs eine eigens für die Reise gekaufte CD mit traditionellen Joiks eingelegt wird, fügt sie bitter bei: «Sie jammern auch.»

Auf der Reise zur Beerdigung bricht Christinas Verkrustung nach und nach auf. Man erfährt, wie sich Elle Marja und Nennja auseinandergelebt haben. Wie Elle Marja neugierig wurde auf die Welt dort draussen – obwohl die Lehrerin sagte, diese Welt sei nicht für die Samen bestimmt. Dass es ihr leicht fällt, zu lesen und zu schreiben und Schwedisch zu sprechen, im Gegensatz zu ihrer Schwester. Ella Marja will ausbrechen und studieren. Eines Tages stiehlt sie ein Kleid und geht zum Tanz ins nächste Dorf, dort lernt sie einen Jungen aus Uppsala kennen und setzt sich ab.

Die Rassenfrage

Kernell erzählt vignettenartig, in Rückblenden und Episoden. Die Rassenfrage ist in den 1930er-Jahren auch in Schweden ein Thema; in der härtesten Szene des ganzen Filmes werden die Schwestern und ihre Schulkameraden von einer extra aus der Hauptstadt angereisten Kommission medizinisch untersucht und vermessen. «Sami – A Tale from the North» ist ein herber, kluger und starker Film, ein vielschichtiger und atmosphärisch dichter Kommentar zu den Ungerechtigkeiten, denen die Samen lange ausgesetzt waren.

«Sami – A Tale From the North»: Do 18 Uhr, Fr 20.15 Uhr, Kino Cameo, Lagerplatz. Bis 5.1. Am Freitag führt die Kulturjournalistin Karin Salm in den Film ein.

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