Winterthur

Die Waschfrau liebt den Lieferanten

Oper Lebensnah und surreal zugleich ist Rossinis Oper «La Cenerentola» in der Inszenierung des Theater Biel Solothurn. Die quirlige Produktion ist diese Woche zu Gast in Winterthur.

Fantasievoll, manchmal überdreht: Die Regisseurin Andrea Bernard verlegt Rossinis Version des Märchens vom Aschenputtel in eine Wäscherei.

Fantasievoll, manchmal überdreht: Die Regisseurin Andrea Bernard verlegt Rossinis Version des Märchens vom Aschenputtel in eine Wäscherei. Bild: Konstantin Nazlamov

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Das Aschenputtel hat es neuerdings nicht mit Asche, sondern mit Waschpulver zu tun. Der Stiefvater betreibt ein Reingungsgeschäft, zwei grosse Automaten sind im Bühnenraum eingebaut. Angelina – so ihr eigentlicher Name – faltet saubere Wäsche, während die verhätschelten Schwestern nur sich selber herausputzen.

Während der Ouvertüre sehen wir Angelina in der Arbeit versinken, die Kundschaft drängt, und wer da alles auftaucht! Bühne und Ausstattung (Alberto Beltrame) schildern mit Liebe zum Detail das Leben in einer italienischen Stadt – vor etlichen Jahrzehnten, sagen Patina und Kostüm samt Unterwäsche (Elena Beccaro).

Diese Musik rotiert

Das Treiben zu beobachten, ist ein Vergnügen, aber auch die Ohren werden in Bann gezogen. Was unter der temperamentvollen Leitung von Franco Trinca aus dem Orchestergraben kommt, klingt blitzsauber, spannend akzentuiert, prickelnd im Tempo und hat alle melodische Wärme, die Rossinis Musik in ihrer ingeniösen Mechanik eben auch verströmt.

Der rotierende Antrieb dieser Musik, der im berühmten Crescendo rossiniano gipfelt, mag die Assoziation zu den Waschtrommeln nahe legen. Zu erleben ist, wie Rossini manchmal den Schleudergang einlegt, in dem das Ensemble herumgewirbelt wird, und Andrea Bernards Inszenierung lässt auch wirklich die Figuren, Schaum im Gesicht, aus der Waschtrommel herauspurzeln.

So lebensnah das Setting des Waschsalons, so surreal ist eben, was da geschieht. Das Mädchen an der Theke, so lässt die Verdoppelung der Figuren durchblicken, träumt ja ohnehin nur ihre Thronbesteigung. Am Ende gilt die Liebe dem jungen Lieferanten. Das Magische, das die «realistische» Gattung Oper buffa ausschliesst – der Philosoph und weise Spielmacher Alidoro ersetzt hier den Feenzauber –, ist so wieder mit im Spiel, und das geht ganz gut auch ohne Märchenschloss und Prinz.

Mit leichter Hand inszeniert

Fantasievoll, mit leichter Hand inszeniert und manchmal auch überdreht ist dieser Opernabend. Der Traum von der Güte, der für Rossini und die Menschheit ein grosses Thema ist, verflüchtigt sich aber wohl doch ein wenig, wenn die Wandlung des Prinzen zum Comic-Superman schon die Erfüllung darstellt.

Der noble Herzschlag der Musik geht aber im Wirbel dank hervorragender Interpreten nicht unter. Wolfgang Resch darf zwar mit dem Diener Dandini als schwulem Tausendsassa brillieren, Jeanne Dumat und Juliette dürfen sich als die beiden Tussi-Schwestern Clorinda und Tisbe chargierend austoben und tun dies musikalisch verblüffend präzis und betörend klangschön.

Michele Giovi in der Buffa-Partie des stumpfsinnig aufgeblasenen Don Magnifico meistert nicht nur die drolligen Plapperarien mit Bravour, er beherrscht auch die kantigen Töne des Haustyrannen, mit denen er Angelina musikalisch gleichsam aus der Welt schafft.

Lisandro Abadie als Alidoro schliesslich bewahrt mit grosszügigem Klang als eine Art Gottschalk auch bei Revuegeglitzer und Getändel die musikalische Würde der Figur.

Eine Ahnung von Herzensgüte

Zwei Ausnahmestimmen lassen mit dem zentralen Paar Liebe, Herzensgüte, Jugend und Herrschaft zusammenkommen. Inès Berlet für Angelina wie Gustavo Quaresma für Don Ramiro begeistern mit frischer Ausstrahlung und sensibler Musikalität. Die französische Mezzospranistin überrascht mit schlanker und warmer Tiefe für ihr melancholisches Lied und triumphierender Höhe für das Rondò finale, und perfekt glitzern die Koloraturen.

Nicht weniger aufhorchen lässt der deutsch-brasilianische Tenor mit seinem mühelos griffigen Ansatz in der weiten Skala und geschmeidigem Timbre. So ist schon das erste, in Reinheit strahlende Duett der beiden eine Verheissung: «Un sovae non so che» – die Ahnung von den besseren Möglichkeiten des Menschen.

Donnerstag und Freitag, 19.30 Uhr, Sonntag, 14.30 Uhr, Theater Winterthur. (Der Landbote)

Erstellt: 02.10.2018, 12:00 Uhr

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