Winterthur

«Diese Regelung ist für Schauspieler nicht praktikabel»

Was bedeutet die neue Stellenmeldepflicht für die Winterthurer Theater? Eine Umfrage zeigt, dass fast alle glauben, die Regelung lasse sich auf sie nicht anwenden.

Können die Theater ihre Schauspieler bald nicht mehr selbst auswählen? Szene aus der Komödie «Das Konzert» von Hermann Bahr im Theater Winterthur.

Können die Theater ihre Schauspieler bald nicht mehr selbst auswählen? Szene aus der Komödie «Das Konzert» von Hermann Bahr im Theater Winterthur. Bild: Georg Soulek

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Ab 1. Juli gilt in der Schweiz eine Stellenmeldepflicht für alle Berufsarten, in denen die Arbeitslosigkeit über acht Prozent liegt. Freie Stellen sollen neu vorrangig mit inländischen Stellensuchenden besetzt werden – der Pass spielt dabei keine Rolle.

Damit soll die Masseneinwanderungs-Initiative umgesetzt werden, die in der Volksabstimmung vom Februar 2014 angenommen wurde. Von der Stellenmeldepflicht sind auch die Theater betroffen; die Arbeitslosigkeit bei Schauspielern beträgt zurzeit 12,8 Prozent. Wie gehen die Winterthurer Theater damit um?

Eine kleine Umfrage zeigt, dass sich noch nicht alle mit den Folgen beschäftigt haben, die die neue Regelung für sie hat. Und dass alle glauben, die Stellenmeldepflicht lasse sich auf die Theater nicht anwenden.

Kann man gute Schauspielerinnen und Schauspieler auf dieselbe Weise finden wie gute Köchinnen, Bauarbeiter, PR-Fachfrauen und Pizzaiolos? Die Theater sind einhellig der Meinung, das sei nicht der Fall, die Wahl von Schauspielern für eine Rolle sei stark von individuellen Eigenschaften abhängig.

Sommertheater betroffen

Stark betroffen ist das Sommertheater Winterthur, wo in der laufenden Saison ein Drittel der angestellten Schauspielerinnen und Schauspieler aus Deutschland und Österreich kommen. «Die Stellenmeldepflicht ist für Schauspieler nicht praktikabel», sagt Theaterdirektor Hans-Heinrich Rüegg. Besetzungen würden sich nach der Vorstellung richten, die man von einer Rolle habe, zweitens müsse der Gesuchte ins Ensemble passen. «Das Arbeitsamt hat keine Ahnung von diesem Beruf», glaubt Rüegg. Für die von Schauspielern erbrachten Leistungen gebe es keine Nachweise.

«Ich kann mir dieses Stück nicht mit einem anderen Schauspieler vorstellen»

Das Kellertheater hat laut Co-Leiter Udo van Ooyen für seine zwei Eigenproduktionen pro Saison maximal fünf Rollen zu vergeben, in der kommenden Saison ist eine davon mit einem deutschen Schauspieler besetzt. Auch van Ooyen ist der Meinung, die neue Regelung lasse sich auf Theater nicht anwenden, da es um die ideale Rollenbesetzung gehe. In diesem Fall stamme auch die Idee zum Stück vom Schauspieler Christian Kerepeszki. «Ich kann mir dieses Stück nicht mit einem anderen Schauspieler vorstellen», sagt von Ooyen.

Im Theater Winterthur sind beiden Stellen für die Eigenproduktion der nächsten Saison bereits besetzt. Theaterleiter René Munz hält die Stellenmeldepflicht für ein «sehr ungeignetes Mittel» für Theaterbetriebe: «Man engagiert Schauspieler, die in die Rolle passen, oder macht ein Auditing.» Gesucht werde nicht per Ausschreibung.

«Nicht so verkehrt»

Gelassen reagiert man beim Theater Kanton Zürich. Dramaturg Uwe Heinrichs findet es «nicht so verkehrt», dass zuerst unter den Stellensuchenden nachgeschaut wird, die hier wohnen. So werde man möglicherweise auf Schauspieler aufmerksam, die man sonst übersehen hätte.

Ausländische Gäste seien am Theater Kanton Zürich eine Ausnahme, sagt Heinrichs, im Schnitt seien es fünf bis sechs pro Jahr. Für die kommende Saison sind auch hier alle Verträge schon gemacht, bei der Planung für die Spielzeit 2019/20 werde die neue Regelung dann berücksichtigt. Der administrative Mehraufwand freue einen natürlich nicht, sei aber auch nicht schlimm.

Ganz anders tönt es vom Theater am Gleis. Die neue Regelung habe auf das Haus zwar so gut wie keine Auswirkungen, da die Künstler in der Regel im Auftragsverhältnis arbeiten, sagt die Dramaturgin Lisa Letnansky. Für Häuser mit eigenen Ensembles und für Gruppen der freien Theaterszene sei die Neuerung jedoch «hochproblematisch», da man nicht mehr ohne weiteres mit Künstlerinnen und Künstlern seines Vertrauens zusammenarbeiten könne. Zudem leiste der Inländervorrang nationalistischen Tendenzen Vorschub, glaubt Letnansky. (Der Landbote)

Erstellt: 29.06.2018, 14:52 Uhr

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Laut Edgar Spieler, Bereichsleiter Arbeitsmarkt im Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich und damit Chef der Arbeitsämter, ist die Anstellungspraxis der Theater keine Ausnahme, sondern die Regel: Sieben von zehn Stellen in der Schweiz würden nicht öffentlich ausgeschrieben.

«Informelle Kanäle dominieren die Jobsuche.» Der Sinn der Stellenmeldepflicht bestehe darin, «dass Arbeitgeber die Eignung von Stellensuchenden prüfen, bevor sie in ihren Netzwerken, welche oft auch international sind, rekrutieren.»

Spieler bestreitet auch die Annahme, die RAVs könnten die spezifischen Fähigkeiten der Schauspieler nicht angemessen berücksichtigen. Entscheidend sei, dass die Arbeitgeber die Anforderungen möglichst konkret formulierten.

Die Meldepflicht gilt für Jobs mit einer Erwerbsdauer ab 14 Tagen. Die Arbeitgeber erhalten vom RAV Dossiers geeigneter Stellensuchender. Sie müssen dann mitteilen, ob sie eine dieser Personen eingestellt haben – begründen müssen sie die Wahl nicht. Das heisst, das RAV wird auch in Zukunft keine Rollen besetzen.

Werden Stellen nicht gemeldet, hat dies zunächst noch keine Konsequenzen. Nach einer Schonfrist von einem Jahr drohen jedoch Bussen von 20 000 bis 40 000 Franken.

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