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Dinge und Verhältnisse neu denken

Zwanzig Künstlerinnen und Künstler zeigen im Weiertal ihre Werke. Das Thema «Refugium» führt auch zu politischen Fragestellungen. Für die Kuratorin, Kathleen Bühler, ist Kunst der Ort, wo Dinge verhandelt werden können, über die in der Politik oft nicht mehr gesprochen werden kann.

Im scheinbar Niedlichen lauert das Abgründige: Yves Netzhammers «Einbildungsvorrat» (links). Ist die Schweiz ein Refugium der Glücklichen, dessen Grenzen Schutzwürdige aussen halten? Skulpturen geben Denkanstösse.
Im scheinbar Niedlichen lauert das Abgründige: Yves Netzhammers «Einbildungsvorrat» (links). Ist die Schweiz ein Refugium der Glücklichen, dessen Grenzen Schutzwürdige aussen halten? Skulpturen geben Denkanstösse.
Madeleine Schoder

Das Thema «Refugium» –Zufluchtsort – ist zurzeit aktuell, damit verbunden auch das ­Thema der Grenze. Trotzdem die Frage: Was hat Sie konkret auf die Idee gebracht, es hier zum Thema der Ausstellungzu machen?Kathleen Bühler: Es ist die Vielschichtigkeit des Begriffs. Vor einem Jahr, als ich mir das ­Thema ausdachte, nahm ich vor allem die idyllische Landschaft hier im Weiertal wahr. Denn viele Schweizer Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich mit den Gegensätzen von Natur und Kultur oder Natur und Landschaft. Im letzten Sommer war ­jedoch zugleich die Flüchtlingskrise sehr akut, da hat sich mir die Verwandtschaft zwischen «Refugium» als Idylle und «Refugium» für den «refugee» aufgedrängt. Der Begriff «Refugium» hat es ­erlaubt, auf vielen Ebenen zu operieren und verschiedenste inhaltliche Aspekte aufzufächern. Doch sollten die Künstler nicht gezwungen werden, politische Betroffenheit zu markieren, sondern die Möglichkeit haben, allgemeine Fragen zu stellen. Wie zum Beispiel: Wer braucht alles ein Refugium und wozu?

Wie haben Sie den Prozess ­begleitet?Ich versuchte, untereinander Kontakt herzustellen, damit sie sich miteinander austauschen können und es auch ein kollek­tiver Prozess werden kann. Danach fand die gemeinsame ­Begehung des Geländes statt. Von da an lief es dann in indivi­duellen Gesprächen weiter.

Gab es etwas, das Sie überrascht hat?Es gab Überraschungen bei der praktischen Umsetzung. So stellte sich etwa bei der Arbeit von Bob Gramsma heraus, dass wegen der unterschiedlichen Grösse nicht alle Betonschollen auf einem Sattelschlepper transportiert werden können. Ausserdem wollte ich das Video von Quynh Dong mit ihren Keramikarbeiten kombinieren. Sie hat koreanische Melonen aus Keramik hergestellt, die ich neben den Gemüsegarten legen wollte. Dass wir nicht zu viel Fremdes in unserem Gärtchen haben wollen, ist eine Diskussion, die es auch mit Bezug auf Pflanzen gibt. Dabei vergessen wir, dass viele unserer traditionellen Nutzpflanzen einst aus Asien kamen. Darauf hätte man mit den Melonen hinweisen können. Jedoch waren diese gerade in einer Galerie in Korea aus­ge­stellt und blieben dort. Kura­to­risch hat es mich auch gereizt, bei dieser Ausstellung, die sich ja aus einer Skulpturen-Biennale entwickelt hat, zu zeigen, dass der Skulpturenbegriff längst nicht mehr an Materialien wie Beton oder Metall gebunden ist, sondern auch mit Geräuschen oder einem bewegten Bild umgesetzt werden kann. Bei Quynh Dong, die mit ihrer Familie aus Vietnam in die Schweiz gekommen war, wirkt der Umstand, dass wir ihren Film in einem Schiffscontainer zeigen, wie eine Anspielung auf ihre eigene Geschichte. Aufgrund ihres Aussehens muss sie sich häufig mit asiatischen Klischees beschäftigen und hat es zu einer künstlerischen Strategie gemünzt. In ihrem Video stellt sie sich selber als verdorrende Blätter des japanischen Ahorns dar, welcher im Spätherbst von den Ästen fallen. Sie trägt dazu einen orangen Overall, doch wirken die Bilder tagsüber wegen des starken Lichtes wie ausgewaschen und erinnern mehr an Tusch­malerei. So wie der Container nun im Garten platziert ist, hat man schon von weitem das Bild dieses toten Baumes in der üppigen Sommervegetation des Gartens vor Augen. Es wird gewissermassen ein «Memento mori» in die Landschaft gesetzt, was ich sehr schön finde. Wenn die Werke gut miteinander harmonieren, kommt es zu zauberhaften Momenten und Dialogen, in denen das Ganze mehr ist als die Summe der Einzelteile. Das sind die magischen Momente, in denen ich als Ausstellungsmacherin merke, dass die Intuition richtig war.

«Die Verwandtschaft zwischen ‹Refugium› als Idylle und dem ‹Refugee›, dem Geflüchteten, hat sich aufgedrängt.»

Kathleen Bühler, Kuratorin der Biennale Weiertal

Kunst ist selber eine Art Refugium, in das man sich zurückziehen kann. Dürfen wir uns heute so etwas leisten, Zeiten, in denen wir zum Beispiel keine Nachrichten mehr hören und nicht mehr über den Klima­wandel nachdenken?Ich finde es total begreiflich, dass man diese Sehnsucht hat. Wir sind einerseits ständig mit verschiedensten Informationskanälen verbunden und können auf vieles gar nicht reagieren, das ergibt eine komplette Überforderung. Andererseits begreife ich Kunst nicht unbedingt als Rückzugsort oder Gegenwelt. Was mich als Ausstellungsmacherin interessiert, ist, in und mit der Kunst Dinge neu zu sehen und zu begreifen.

Yves Netzhammer hat einen kleinen Schopf mit einem «Einbildungsvorrat» bevölkert, auf den ersten Blick lustig wirkenden Figu­ren wie einem umgedrehten Eimer als Kopf, der missgelaunt zu schlafen scheint. Schaut man genauer hin, merkt man, dass es hier gar nicht so lustig zugeht. Der Kopf eines Pferdes ist sauber abgetrennt, das Maul geht in einen Käfer über.Genau, das ist das Subver­sive bei Yves Netzhammer. Er arbeitet oft mit dem bewegten Bild als Animationsfilm und suggeriert, dass es sich ja nur um einen Trickfilm, also etwas für Kinder, handle. Dabei sucht er immer Bilder, die unter die Haut gehen und die wir nicht so schnell vergessen.

«Die Chancengleichheit schwindet. Das Bewusstsein für soziale Unterschiede wird immer wichtiger.»

Kathleen Bühler, Kuratorin der Biennale Weiertal

In einem Bericht zur Ausstellung werden Sie mit Stichworten wie «Flüchtlingsproblematik», «Klassengesellschaft» und der «privilegierten Lage in der Schweiz» zitiert. Das sind poli­tische Themen. Entspricht das gegenwärtig einer Tendenz in der Gegenwartskunst?Es geht nicht darum, Trends hinterherzurennen. Es sind jedoch Anliegen, die in der Gesellschaft wieder vermehrt zum Thema gemacht werden. Da wir seit Jahren massiv mit der Flüchtlingsproblematik konfrontiert sind, ohne dass ein Ende absehbar wäre, muss jeder Einzelne und müssen wir auch gemeinsam eine Haltung dazu finden. Und wenn wir darüber nachdenken, öffnet es uns auch die Augen darüber, dass wir es in der Schweiz, im Vergleich zum Umland, aus einer privilegierten Situation heraus machen. Das Weiertal ist wie ein Sinnbild der Schweiz: sehr viel ­intakte, gepflegte Natur. Und die Schweiz ist schon an sich ein Refu­gium, deshalb haben sich viele Künstler mit dem Thema Grenze zu beschäftigen begonnen. Das Thema ist aber auch von Ambivalenzen geprägt: Wir befinden uns innerhalb eines Refugiums, gestehen uns Schutz­würdigkeit zu und wollen andere draus­sen haben, welche noch mehr Schutz benötigen als wir. Refugien bieten zwar Schutz, aber unterstreichen zugleich, dass eine akute Gefährdung besteht. Der Hinweis auf die Klassengesellschaft betrifft die Tat­sache, dass es in der Schweiz zwar keinen Adel gibt, dafür ­Leute, die beispielsweise Land besitzen, und damit mehr Sicherheiten und Einflussmöglichkeiten. Es geht darum, das zu bemerken, ­ohne dass man es gleich bewertet. Es ist dies, was die Kunst politisch macht: nicht dass man anderen bestimmte Werte oder Haltungen aufdrängt, sondern dass man diese Sensibilisierung anregt. Die Gruppe RELAX (marie-antoinette chiarenza, daniel hauser & co.) mit ihren drei platzierten Denkanstössen aus Neonlicht macht genau das: Der Schriftzug «Hardware» zum Beispiel besagt: Das Land ist Hardware. Wer Land besitzt, ist oft, wenn auch nicht immer, in jenen Schichten anzutreffen, wo man näher an der poli­tischen Macht und wirtschaftlichen Mitbestimmung ist. Und dort wird über die Frage entschie­den, wem wir Zutritt gewäh­ren. Oftmals ist da auch eine Wirtschaftsmacht vorhanden, die wiederum verbunden ist mit Mächten der Globalisierung, welche oft erst die Konflikte produzieren, die die Leute zur Flucht zwingt. Auf diese Zusammen­hänge wird mit dem harmlosen Wort «Hardware» hingewiesen. Ich habe auch meine Arbeit im Kunstmuseum Bern in den letzten Jahren so verstanden, dass man mit den Themen, die die Gegenwartskunst in das Museum bringt, Dinge verhandeln kann, über die in der Politik oft gar nicht mehr gesprochen werden kann, weil es dort immer nur um den nächsten Wahlkampf geht.

Leben wir in einer Klassen­gesellschaft?Ich fand es toll, dass unsere Gesell­schaft mir in den 80er-Jahren erlaubt hat, auf das Gymnasium zu gehen und dann zu studieren. In unserer Familie war ich die Erste. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass sich dieses Bildungssystem geändert hat. Es wird immer mehr dar­auf hingearbeitet, dass sich das nur noch Leute leisten können, die schon Geld haben. Die Chancengleichheit schwindet. Das Bewusstsein für soziale Unter­schiede wird wieder wichtiger. Die einen sagen, die Schere geht immer weiter auf, die anderen ­sagen, das stimmt nicht. Aber ich spüre es. Bei mir führt es dazu, dass ich genauer hinschaue und mich frage, wo jemand her kommt. Es geht um Sensibili­sierung für die Unterschiede, die in einer Gesellschaft bestehen. Man kann sie positiv deuten und als Beitrag zur «diversity» wertschätzen, oder man bekommt Angst dabei und nutzt sie zur Diskriminierung. Aber es ist wichtig, dass man sich mit diesen Fragen differenziert beschäftigt.

Biennale Kulturort Weiertal: Bis 10. September, Rumstalstrasse 55. Mi–Sa 14–18 Uhr, Fr 14–22 Uhr, So 11–17 Uhr. Heute, 19 Uhr: Diskussionsforum «Kuratieren im Aussenraum».

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