Winterthur

Dramatik der Ersatzfrau im Doppel

Im Lebenssaft an der Donau wallen der Champagner und der Heurigen. Darum geht es in der Strauss-Operette «Wiener Blut». Begeisternd war aber auch, wie kaltblütig die Leipziger Gäste den Abend retteten.

Verworrene Gespräche über Pferde, Hadern und Hodern.

Verworrene Gespräche über Pferde, Hadern und Hodern. Bild: zvg / Tom Schulze

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Was, wenn am Nachmittag vor der Vorstellung bei den Proben auch die Einspringerin Forfait geben muss und der einzige Ersatz für den Ersatz, den man aufreiben kann, aus dem deutschen Koblenz herfahren muss und allenfalls zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn überhaupt erst eintreffen kann? Wie läuft der Abend mit einer Gräfin Gabriele, die am Notenpult am Bühnenrand singt und in anderer Gestalt, derjenigen der Regieassistentin nämlich, auf der Bühne agiert?

Speziell gewiss, aber spannend und rund, vom Publikum im Theater Winterthur am Donnerstag zurecht mit Sonderapplaus gewürdigt. Denn die Sängerin Desirée Brodka fügte sich profiliert ins musikalische Geschehen, Kristin Pein hatte mit Dialog und präziser Mimik zur Musik die der Gräfin würdige Bühnenpräsenz. Eine gewisse vornehme Zurückhaltung war der adeligen Operetten-Figur durchaus angemessen, noch mehr aber, weil die anderen im verwickelten Beziehungsspiel lieber gehabt hätten, sie wäre gar nicht da.

Das gilt zumal für ihren Gatten, Graf Balduin von Zedlau. Denn dieser Provinzler entdeckt in Wien das Halodri-Leben, und schon zu Beginn des Stücks erfährt man, dass er bereits dabei ist, sich Ersatz für den Ersatz seiner Ehefrau zu besorgen. Wie Radoslaw Rydlewski dessen Charmeoffensiven und Eskapadenlust sprudeln lässt und wie er sämtliche Fettnäpfchen mit Nonchalance durchwatet und wie er eifersüchtig aufbraust, ist hoch amüsant.

Dass seine Stimme nicht ganz an einen Don Juan und Otello erinnert, als den ihn die Gräfin tituliert, ist aber auch klar. Auf Graf Zedlau wartet im Scheitern aber auch nicht die Hölle Don Juans und die Blutlache Othellos, sondern, wie in den Operetten so der Brauch, nur die – zumindest vorläufige – Rückkehr in den gewohnten Ehehafen.

Triumph der Frauen

So sehr der Mann sich die Frau zum Spielzeug macht, so sicher haben ihn diese nämlich zuletzt im Griff. Neben der Gräfin ist da die Tänzerin Franziska Cagliari, die mit dem sopranistischen Pepp von Mirjam Neururer auch sängerisch triumphiert, und da ist zum dritten Pepi Pleininger, Probiermamsel aus der Schneiderei, mit der sich Graf Balduin schon fast lebensgefährlich einlässt. Für das bodenständige und kratzbürstige, naive und beherzte Kind aus dem Volk beweist Nora Lentner grandiose musikalische, tänzerische und mimische Bühnenpräsenz.

Um den ganzen Beziehungsschlamassel zu erfassen, sind aber weitere Hauptpersonen nestroyanischer Prägung zu erwähnen: der Kammerdiener Josef, der mit Pepi liiert ist, und immer sagt wie’s ist, als quirliges Faktotum (Andreas Rainer), dann Kagler, der dumpfbackige Vater der Cagliari, der tief im Sumpf des Wiener Dialekts mantscht (Milko Milev), und schliesslich der Fürst Ypsheim aus dem sächsischen Reuss-Greiz-Schleiz, der das moralische Gesetz samt der damit verbundenen Gicht in sich trägt (Patrick Rohbeck).

«Compilation»-Operette

Zusammengefasst, es geht «rundumádum» und das auch musikalisch im unglaublichen Strudel melodischer Einfälle von der Gnade des Komponisten Johann Strauss. Es handelt sich beim «Wiener Blut» um das, was heute in der jüngeren Sparte des Musiktheaters grosse Mode ist und «Compilation»-Musical genannt wird: Strauss, krank und selber nicht mehr für eine grosse Arbeit zu haben, erlaubte dem versierte Theatermusiker Adolf Müller, sich bei ihm zu bedienen, und dieser nahm sich alles für Wein, Weib und Gesang, Bekanntes und weniger Bekanntes, von der blauen Donau bis zu den Geschichten aus dem Wiener Wald, Polkas, Märsche, Walzer, darunter auch den «Wiener Blut», op. 354. Der Abend ist somit auch ein Potpourri, und das Orchester der Musikalischen Komödie Leipzig serviert es unter der Leitung des aus dem Thurgau stammenden Dirigenten Tobias Engeli mit saftiger Klangkultur und in geerdeten Tempi, die der Magie des Rhythmus und der schwebenden Übergänge erst recht den schwerelosen Raum öffnen.

Hormone statt Argumente

Dass das Potpourri zugleich ein Theaterereignis ist, zeigt das Gastspiel aus Leipzig aber auch. Die Inszenierung (Volker Vogel) amalgamiert tempo- und pointenreich Musik und Spiel. Die Tanztruppe zeigt neben dem gepflegten Balltanz witzig auch den aufreizend grotesken Dirndl-Schuhplattler, und der Chor wartet mit einigem Polonaisen-Pomp auf. Für die Ballszene mag die Ausstattung karg wirken, aber vielleicht hat es die Lichtregie nicht vollständig nach Winterthur geschafft. Aber die Bühne zeigt, dass auch ohne Operettenplüsch das originale Setting funktionert.

Das Stück spielt an einem Tag zur Zeit des Wiener Kongresses von 1815. Auch damals war offenbar die grosse Politik nur Nebenschauplatz für hormongesteuerte Aktivitäten. Im «Wiener Blut» kommen die Weltmächte schon gar nicht ins Spiel – zum Glück für einen ungetrübt unterhaltsamen Abend.

Weitere Aufführungen: Samstag, 19.30 Uhr, Sonntag, 14.30 Uhr.

Erstellt: 10.03.2017, 15:15 Uhr

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