Winterthur

Drei Arten, Kunst zu machen

Die Galerie Knoerle & Baettig zeigt ein Trio, aus dem Jan Sebesta heraussticht. Karin Kurzmeyer und Olivier Lovey bilden die Kontrastnummern in «Three Ways to make it».

Kaltes Licht, das aus der Autopsie stammen könnte: «Krücken» von Jan Sebesta, 2015.

Kaltes Licht, das aus der Autopsie stammen könnte: «Krücken» von Jan Sebesta, 2015. Bild: pd

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Der Skandal um die rosa Handgranaten aus Styropor in der Raiffeisenbank vom letzten Jahre machten Jan Sebesta lokal bekannt. Jetzt aber befördert sich der aus Tschechien stammende Künstler mit einer beeindruckenden Lichtinstallation in eine ganz neue Liga.

Die «Krücken» genannte Arbeit ist schon 2015 entstanden, also war die Sorge, der 39-Jährige bleibe mit seinen zum Markenzeichen gewordenen Röhrenkonstruktionen ewig ein Kunst-Klempner, unbegründet.

Zu entdecken ist die Bodenarbeit in der aktuellen Gruppenausstellung «Three Ways to Make it» bei Knoerle & Baettig am Obertor. Mit von der Partie sind dort zum zweiten Mal Olivier Lovey (Wallis) mit grossformatigen Fotos und als Premiere Karin Kurzmeyer (Luzern) mit ebenfalls höchst beachtenswerten Keramik- und Papierarbeiten.

Packend und inspiriert

Aber Sebestas «Krücken» überstrahlen alles andere, selbst seine eigenen Werke. Inhaltlich wie technisch-formal folgen sie dem Prinzip der Überraschung und der Collage; manchmal ist das Resultat mässig provokativ wie in jenem Digitalvideo, wo ein Stück Schinken über eine Madonnendarstellung montiert wird.

Schlicht monoton-langweilig sind die Kippfiguren in der jüngsten Videoinstallation. Ihnen fehlt, was «Krücken» hat: eine packende Idee und eine inspirierte Umsetzung.

Den Einfall zu den verfremdeten Krücken hatte Sebesta in einem Gastatelier, einem ehemaligen Krankengerätedepot. «Ab und zu kamen Leute vorbei und fragten nach Krücken und Rollstühlen», erinnert sich der Künstler mit dem Gen der Surrealisten. Zwischen die schwarz glänzende Hand- und Armstütze aus Plastik und den Gummipfropfen als Dämpfer fixierte Sebesta eine feine Weisslichtneonröhre.

Einer abstrakten Figur gleich liegen sieben Stück von diesen strahlenden Dingern am Boden, verbunden mit einer Multisteckdose durch verschlungene Kabel. Diese lockere Komposition ist zunächst einfach beeindruckend schön.

Memento mori

Man kann ohne weiteres in dieser ästhetischen Haltung verharren und dabei bei aller Fremdheit die verblüffende Selbstverständlichkeit der Form gewordenen Idee bewundern. Doch drängen sich Assoziationen auf, die das Werk mit dem kunsthistorischen Netz der amerikanischen Neonkunst verbinden.

Die damaligen Minimalisten hätten zwar jeden Gedanken an eine inhaltliche Dimension weit von sich gewiesen – Sebestas Kombination von Licht und Krücke jedoch ist einfach eine unwiderstehliche Einladung zur Interpretation.

Einen untergründigen melancholischen Zug wird man nicht nur in dieser Bodenarbeit Sebestas konstatieren, aber hier besonders intensiv und zwar in den Neonleuchten mit sicher der kältesten der kalten Lichttemperatur.

Sie könnten direkt aus der Autopsie stammen und somit den Tod buchstabieren. Im Alltag lassen Krücken etwas vom nahenden Finale ahnen. Im Falle der Bodeninstallation braucht man bloss den Schalter zu kippen, und sie erlischt.

Dieses subtile Memento mori würde die städtische Sammlung oder jene des Kunstvereins und des Galerievereins durchaus beleben und bereichern.

Gelochte Gefässe und ein Kuss

Die Gruppenausstellung ist auf harte Kontraste programmiert. Dem digitalen und installativen Zauber stehen die Keramikgefässe der 31-jährigen Luzerner Künstlerin Karin Kurzmeyer gegenüber. Ihre spielerische und experimentelle handwerkliche Strategie umgeht die Klischeefallen von Antike, Archaik und Symbolik souverän und gefällt durch eine attraktive taktile Sinnlichkeit.

Und zu sehen, wie aus einer beigefarbenen Wurst aus Ton ein unbrauchbares Behältnis wird, das gehört zu den Entdeckungen dieser Ausstellung. Konsequent locht Kurzmeyer ihre Gefässe, was sie für eine Wasser-Performance tauglich macht.

Bei seinem zweiten Auftritt bei Knoerle & Baettig verdichtet der 37-jährige Walliser Künstler Olivier Lovey Filmszenen aus Kultfilmen wie «Gone with the Wind» zu einem visuellen Konzentrat – etwa jene spannungsgeladene Sekunde vor dem Kuss zwischen Vivien Leigh und Clark Gable, und alles noch ein bisschen brennend rot eingefärbt.

Galerie Knoerle & Baettig, Obertor 26. Bis 29.9. Do/Fr 12-18.30 Uhr, Sa 12-16 Uhr. (Der Landbote)

Erstellt: 31.08.2018, 15:39 Uhr

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