Lesung

«Du siehst aus wie eine Kirschtorte»

Auf der Bühne der Reihe «Lauschig» traf der Musiker Manuel Stahlberger auf zwei aufgedrehte Aargauerinnen. Ein lustiger Abend.

Simone Meier (rechts) im Gespräch mit Patti Basler im Garten des Kinderhauses, Manuel Stahlberger hört zu.

Simone Meier (rechts) im Gespräch mit Patti Basler im Garten des Kinderhauses, Manuel Stahlberger hört zu. Bild: Christian Bechtiger

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Wer sich schon immer gefragt hat, wie schön wohl der Garten hinter dem Gitterzaun der Kita Kinderhaus an der Trollstrasse ist, erhielt am Donnerstagabend seine Antwort: wirklich sehr schön. Der Garten vor der märchenhaften Villa war nämlich für einmal Schauplatz der Literatur- und Spoken-Word-Reihe «Lauschig», die bekanntlich von einem hübschen Fleck in der Stadt zum nächsten zieht und in der Regel immer zügig ausverkauft ist. So auch an diesem Abend.

Gäste auf der kleinen, zwischen blau beleuchteten Sträuchern und Bäumen aufgestellten Bühne waren drei, die sich auf Ironie und Wortwitz verstehen: der Liedermacher Manuel Stahlberger, die Autorin und Journalistin Simone Meier und Patti Basler, die aus der Fernsehsendung «Arena» bekannte Wortakrobatin. Es war ein lebendiges Trio, das sich auf der Bühne gegenseitig interviewte und neckte, zwei aufgedrehte Aargauerinnen und ein zurückhaltender Ostschweizer. Ein amüsanter Kontrast.

Gekonnte Banalität

Stahlberger, selbst ein Erzähler, eröffnete den Abend mit einem Lied über einen Kolumnisten, der auf einem öffentlichen WC sitzt und mithört, wie sich andere über ihn auslassen, wobei er den Moment verpasst, die Kabine rechtzeitig in Würde zu verlassen. Ja, wenn das alles so eintrifft, dann ist das «schwierig, schwierig» – so der Refrain in typischer stahlbergerscher Lakonie. Eine gekonnt gesetzte Banalität verwandelt sich zur Pointe.

Simone Meier, Journalistin bei «Watson» und ehemals beim «Tages-Anzeiger», las aus ihrem zweiten Roman «Kuss» vor. Im Zentrum steht ein Paar Mitte dreissig, das in ein Haus am Stadtrand zieht. Sie eine arbeitslose Grafikerin, er ein Akademiker mit simplen Gedanken. Es ist Gesellschaftssatire und Milieustudie, eine Erzählung quasi über die Nachbarn, mit denen man nicht tauschen möchte, in einer Sprache, die dem Witz manchmal im Weg steht.

Dass Meier es knapper kann, bewies sie auf der Bühne mit ihrem Werbespot für das Buch, das sich auch dann zu kaufen lohne, wenn man es gar nicht lesen möchte, wegen des schönen Covers. «Und wenn man dann irgendwann die Kaffeetasse draufstellt und es Ringe gibt, dann macht das nichts, denn solche Ringe sind schon im Cover.»

Chriesi-Folter

Vielleicht die lustigsten Momente des Abends lieferten Patti Basler und Simone Meier, als sie sich über ihre Kindheit im Fricktal austauschten, einem Flecken Schweiz, der nichts weiter zu bieten habe als die Aussicht auf Deutschland. Basler, auf einem Bauernhof aufgewachsen, musste hier beim Ernten helfen, vor allem beim Chriesi-Ernten. «Ich würde nie Geld ausgeben für ein Folterinstrument wie Chriesi», sagte sie.

Auch Meier kennt das Landleben. Als Kind habe sie vergebens versucht, auf Kälbern zu reiten. Das Gespräch plätschert nur so dahin. «Wie hast es du mit Kirschen», fragt Meier Stahlberger. Der sagt nichts. Und Meier schiebt nach: «Du siehst mit deinem rosa Hemd aus wie eine Kirschtorte.»

Es war der Running-Gag an diesem Abend, der weniger der Literatur und mehr der Performance zustrebte: die beiden Frauen, die dem schüchternen Stahlberger zu nahe treten. So fragte Meier: «Wie pflegst du eigentlich deinen Bart?» Stahlberger: «Ich bin einfach kein fleissiger Rasierer.»

Skinhead-Mohrenkopf

Natürlich las Patti Basler auch ihre Gedichte – über Madame la Montagne zum Beispiel, die personifizierten Alpen, die in die Wechseljahre angekommen sind, eine Kalauer-Kaskade, die sich hier nicht wiedergeben lässt. Für die Spoken-Word-Künstlerin ist die Sprache ein Spielplatz, ein Kostümfundus für ihre Scherze, für Subtiles und Derbes.

Sie verstehe nicht, warum man nicht mehr Mohrenkopf sagen dürfe, sagte sie etwa. Denn eigentlich sei der Ausdruck gegenüber Schwarzen gar nicht rassistisch, «nur gegenüber Deutschen», die ihn nicht verstehen und stattdessen Schokokuss sagen. Allerdings sei der Ausdruck wunderlich, habe der Mohr doch Kraushaare auf dem Kopf, so wie Ueli Maurer vor seiner Zeit als Politiker. «Wenn, dann müsste die Süssigkeit Skinhead heissen: Weisse Schokolade aussen und braune Scheisse drin.»

Erstellt: 24.08.2019, 09:23 Uhr

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