Winterthur

Ein Abend für die Musikgeschichte

Gespielt wurde virtuos . Das Wort vollendet – für Schuberts «Unvollendete» ein Problem – lag nahe.

Dirigent Mario Venzago. (Archiv)

Dirigent Mario Venzago. (Archiv)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die etwas anmassend klingende Ankündigung «Mario Venzago vollendet Schuberts ‹Unvollendete›» ist dem doppeldeutigen deutschen Ausdruck geschuldet. Als «The Unfinished Symphony» wird das Werk in der angelsächsischen Musikwelt bezeichnet. Von einer «Rekonstruktion» spricht Venzago, dessen Version der «Unvollendeten» das Musikkollegium unter seiner Leitung hier zum ersten Mal vorstellte.

Rekonstruktion meint, dass die beiden fehlenden Sätze komponiert wurden, aber nicht als Ganzes überliefert sind. Dafür sprechen Schuberts 20 Takte und Skizzen zum dritten Satz und die schon 1881 erstmals dargelegte und auch nachvollziehbare These, Schubert habe den vierten Satz für die Schauspielmusik zu «Rosamunde» verwendet.

Übermacht der ersten Sätze

Der Finalsatz klang denn auch sehr nach der Zwischenaktmusik Nr. 1 zum Schauspiel, wobei diese von 385 Takten auf 450 ausgebaut wurde, am Ende das Bassthema des Beginns wiederkehrt, und Schuberts abrupte Wendung ins Dur ausbleibt.

So hörte man wirklich eine viersätzige Sinfonie, mit vielen Passagen fesselnd, insgesamt aber doch auch mit dem Eindruck, Schubert hätte dieses Finale nicht ohne Grund preisgegeben, wenn er es denn wirklich so oder ähnlich komponiert hätte. Mit anderen Worten: Die Übermacht der beiden ersten Sätze bleibt, und zu überwältigend haben wir mit der C-Dur-Sinfonie ja auch erlebt, was ein Schubert-Finalsatz sein kann.

Die «Unvollendete» ist seit ihrer Entdeckung 36 Jahre nach Schuberts frühem Tod stets auch als in sich geschlossener Kosmos aufgeführt und als die grosse Signatur seiner tragischen Existenz verstanden worden.

Venzagos erklärte Motivation, sie als Teil eines viersätzigen Werks zu spielen, hat mit dieser Rezeption zu tun, und seine Interpretation mit dem Musikkollegium tauschte überzeugend Elan gegen Schwermut: mit angezogenen Tempi und sprechend vorantreibender Eloquenz, mit einer Dramatik des Verstummens der Musik, der visionären Überwältigung in der Durchführung, mit den Fortissimo-Attacken, dem Decrescendo zum dreifachen Piano am Ende, das auch an diesem Abend tiefer «wie weiter?» fragen liess, als die Fortsetzung Antwort gab.

Gelassene Heiterkeit

Begonnen hatte der Abend in gelassener Heiterkeit. Dafür sorgte die 2. Serenade von Johannes Brahms (1859), in der nur über den Adagio-Satz einige Wolken ziehen. Es ist ein luftiges Spiel zumal der Bläser, denen das Werk auch dadurch Raum verschafft, dass nur die tiefen Streicher den Gegenpart bilden. Schade, dass sich die Bläser nicht auch tatsächlich auf die leeren Plätze auf der Seite der Violinen setzten – das Rampenlicht hätten sie reichlich verdient.

Virtuose Bläsersolisten

Geradezu spektakulär brachte danach das Konzert für sieben Blasinstrumente, Pauken, Schlagzeug und Streichorchester von Frank Martin (1949) die Virtuosität der Solisten zur Geltung, und für den brausenden Applaus holte sie der ebenfalls begeisterte Dirigent dann wirklich auch nach vorn.

Umwerfend, was sich Frank Martin einfallen liess, um Bläservirtuosen herauszufordern und sie in Szene zu setzen: Die vertrackten Figuren, die ausdrucksvollen, wie improvisiert wirkenden Exkurse, die raschen Szenenwechsel von Instrument zu Instrument, die rhythmische Komplexität – all das ist gefügt, aber mit Raum für jeden Auftritt auch sehr offen.

Das Werk ist ein Wurf, weil es bei allem Fokus auf den exaltierten Moment den grossen Bogen über die drei Sätze spannt, vom surrealistisch geheimnisvollen Schweben über den rhythmischen Ostinato bis zum derben Marsch und Paukengewitter.

Erstellt: 28.03.2019, 18:38 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles