Kunst am Bau

Ein Brunnen wie ein Blitz für die neue Kanti

Christoph Haerle bespielt den Aussenraum, Clare Goodwin den Lichthof im Neubau der Kantonsschule Büelrain. Zum Wettbewerb waren keine Winterthurer eingeladen.

Christoph Haerles leuchtender Brunnen überstrahlt den Neubau der Schule.

Christoph Haerles leuchtender Brunnen überstrahlt den Neubau der Schule. Bild: Marc Dahinden

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Der 61-jährige Zürcher Künstler Christoph Haerle hat ein feines Gespür für Situationen und wie man sie verwandeln kann. Auf dem Campus «Büelrain» setzt er inmitten von Betongrau auf einer abfallenden Rampe und an der Kante einer ausgreifenden Treppe einen Brunnen aus transparentem Plexiglas – in den kitschigsten Neonhimbeertönen. Die Schräge der Rampe genügt ihm nicht. Haerle versenkt den Brunnenwürfel mit einer Ecke im Beton. Da ist alles, auch farblich, aus dem Lot gebracht worden in einer architektonischen Umgebung, wo der rechte Winkel dominiert und Raum sowie Architektur kaum wahrnehmbar in feinen Grautönen vibrieren.

Da hat Haerle den Schalter voll aufgedreht, aus dem langweiligen Brunnenmotiv ein Werk geschaffen, das wie ein Blitzeinschlag wirkt. Unten am Fuss der magistralen Treppe stehend, sieht man das Objekt leuchten wie auf einer Kultstätte minimalistischer Kunst. Da ist natürlich die Magie der Inszenierung im Spiel, die den Fokus auf die Kunst richtet und den Bau zur Hintergrundkulisse reduziert. Vor Jahrzehnten hatte Haerle einen Wettbewerb für den den Graben abschliessenden Holderplatz gewonnen, das Projekt wurde aber nie ausgeführt. Sein Werk mit Titel «bei Rebekka» auf dem «Büelrain»-Areal ist mehr als Kompensation.

Paneele hängen von der Decke

Im gedeckten Lichthof war die 46-jährige Zürcher Künstlerin Clare Goodwin aktiv. Dort überspannt ein Metallbalken das Atrium in diagonaler Richtung. Daran sind fünf trapezförmige Paneele an Seilen befestigt. Mit Hilfe eines Mechanismus verändert sich ihre Stellung, und dank einer speziellen Beschichtung wechselt die Tonalität je nach Lichteinfall. Das ist schön angedacht, in der Umsetzung und Wirkung aber eher enttäuschend. Und so verspielt der Titel des Werkes, «FlipFlop», auch tönt, die Anmutung im Kontext einer Schule, die über Noten und Zeugnisse selektionieren muss, ist eine ganz andere. In diesem Umfeld denkt man spontan an Guillotinen, die über den Köpfen der Schüler und Schülerinnen schweben.

«FlipFlop» von Clare Goodwin. Bild: Marc Dahinden

Schon im ersten Büelrain-Bau von Arnold Amsler spielte Kunst am Bau eine tragende Rolle. Neben den international bekannten Markus Raetz und Balthasar Burkhardt imponierte der Winterthurer Künstler Bendicht Fivian mit seinem Pendel im Luftraum zwischen Turnhalle und Schultrakt.

Umso irritierter ist man nun nach der Lektüre des Jurybericht des Kunst-am-Bau-Wettbewerbes, der im Mai 2016 entschieden wurde. Unter den acht eingeladenen Kunstschaffenden befindet sich niemand, der irgendeine Beziehung zu Winterthur hätte. Spontan fragt man sich, ob die regionalen Künstler und Künstlerinnen den Kriterien der Kantonalen Baudirektion nicht zu genügen vermögen, oder ob es an einer Winterthurer Lobby fehlt. Beides scheint zuzutreffen.

Die Kriterien der Baudirektion

Auf Anfrage macht Markus Pfanner, Mediensprecher der Baudirektion, das formale Auswahlverfahren wie folgt transparent: «Die Longlist für Kunst-am-Bau-Projekte wird aufgrund von verschiedenen Kriterien zusammengestellt. Dazu gehören unter anderen der Bezug des Künstlers zum Kanton Zürich, die bereits getätigten Ankäufe für die Kunstsammlung, der zeitliche Abstand zu bereits realisierten Kunst-am-Bau-Projekten für den Kanton Zürich, die Teilnahme an anderen Studienaufträgen für den Kanton Zürich oder die realisierten Werke in der Gemeinde oder Stadt. Unter Berücksichtigung aller Kriterien wurden für dieses Bauprojekt keine Winterthurer oder Winterthurerinnen aufgenommen.»

Wer indes nur ein bisschen vertraut ist mit der Selektion für Wettbewerbe, weiss auch um den Einfluss der subjektiven Komponenten und Präferenzen, die sich scheinbar korrekt hinter formalen Kriterien verstecken lassen.

Befremdet über die Nichtberücksichtigung lokaler und regionaler Namen äusserte man sich auch seitens der Künstlergruppe Winterthur. Man werde bei der Baudirektion vorstellig werden und künftig bei kantonalen Bauvorhaben in der Region auf eine entsprechende Berücksichtigung pochen, schreibt die Vertreterin des Vorstandes, Kathrin Bänziger.

Erstellt: 20.08.2019, 17:01 Uhr

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