Literatur

Ein Genfer ufert an der US-Ostküste aus

Joël Dicker gehört in Frankreich zu den meistgelesenen Autoren. Sein neuer Roman kommt wie ein Krimi daher. Vielleicht ist es aber auch nur die Parodie eines Krimis.

Nicht ohne üppiges Romanpersonal: Der Schweizer Bestsellerautor Joël Dicker.

Nicht ohne üppiges Romanpersonal: Der Schweizer Bestsellerautor Joël Dicker. Bild: Serge Picard (Agence VU)

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Was Joël Dicker zweifellos kann: eine Geschichte so beginnen, dass man wissen will, wie es weitergeht. Dieses Talent bewies der gebürtige Genfer erstmals 2013 mit «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert». Eine verwickelte, clever erzählte Geschichte, die zum internationalen Bestseller wurde. «Die Geschichte der Baltimores» (2016) folgte einem ähnlichen Muster: geschickt verwobene Erzählstruktur mit vielen Zeitsprüngen und Handlungsfäden; allerdings völlig übertrieben.

Nun liegt der neue Dicker vor, in Frankreich bereits das meistverkaufte Buch eines französischsprachigen Autors. «Das Verschwinden der Stephanie Mailer» ist wieder umfangreich, spielt wieder an der Ostküste der USA und springt wieder durch die Zeiten.

Die Kernhandlung trägt sich im Sommer 2014 im Küstenstädtchen Orphea auf Long Island zu. Dort ermittelt die Journalistin Stephanie Mailer und eröffnet einem Captain der New York State Police, Jesse Rosenberg, dass er vor 20 Jahren einen Vierfachmord falsch beurteilt habe. Die richtige Lösung liege ganz nahe, man müsse nur genau hinsehen. Wenige Stunden später wird Mailer ermordet.

Platter als Nordfriesland

Mit diesem Einstieg ist Joël Dicker, was das Muster der Erzählung anbetrifft, wieder nahe bei «Harry Quebert»: Eine Gewalttat in der Gegenwart wird mit einer aus der Vergangenheit verknüpft. Klar, dass es da einen Zusammenhang gibt. Die ersten rund 100 Seiten liest man einfach so weg.

Dann aber beginnt die Erzählweise mit unterschiedlichsten Perspektiven, Einschüben und Zeitsprüngen zu ermüden. Die Sprache ist platter als Nordfriesland. Die Dialoge klingen wie aus einem Groschenroman: «‹Was für ein Albtraum›, stöhnte Michael.» Und man achte einmal darauf, wie oft bei Dicker etwas «plötzlich» geschieht.

Die ersten rund 100 Seiten liest man einfach so weg. 

Miteinander geredet wird förmlich – wie vielleicht in Frankreich oder in der Romandie, aber bestimmt nicht bei der Polizei im Staat New York. Die Hauptpersonen scheinen kaum ein Schimpfwort zu kennen.

Damit nicht genug. Schon bei «Die Geschichte der Baltimores» hatte Dicker Gefallen daran gefunden, sich reichlich Personal auszudenken und dieses so miteinander zu verbinden, als sei er eine Spinne. Alle sind mit allen verhängt, alle haben Berührungspunkte und alte Geschichten. Immerhin liefert der Autor diesmal am Ende seines Romans ein Personenverzeichnis.

 Die Sprache ist platter als Nordfriesland. Die Dialoge klingen wie aus einem Groschenroman.

Spätestens als der ehemalige Polizeichef von Orphea, ein gewisser Kirk Harvey, von Jesse Rosenberg in Los Angeles aufgestöbert wird, muss man sich fragen, was Dicker eigentlich will. Denn dieser Harvey ist eine derart überdrehte Figur, dass es sich nur um eine Parodie handeln kann: Er hält sich für einen genialen Theaterautor, kehrt nach Orphea zurück, will dort sein Stück «Die Schwarze Nacht» zur Uraufführung bringen – und im Rahmen der Vorführung soll der Name des Mörders enthüllt werden.

Aber natürlich passiert plötzlich ganz Unerwartetes. Und völlig unnatürlich ist, dass die Polizei das Spiel mitmacht und keinen Aufwand scheut, Harvey diese Premiere zu ermöglichen, statt ihn zu zwingen, das Wissen über den Vierfachmord herauszurücken.

Etwas Irving, etwas Christie

Bei «Das Verschwinden der Stephanie Mailer» lassen sich mannigfache Einflüsse erkennen. Die ausufernde Erzählweise und der Schauplatz erinnern an John Irving («Witwe für ein Jahr»), das Personenverzeichnis und die radikalen Richtungswendungen an Agatha Christie.

Nach einem Mittelteil mit vielen Seitenästen und unnötigen Randgeschichten nimmt die Geschichte etwa ab Seite 550 wieder Fahrt auf. Die Sprache bleibt zwar platt, die Dialoge konsequent gestelzt («Jetzt werd mal nicht unverschämt, Jesse!»), aber man müsste lügen, würde man leugnen, gespannt zu sein, wie es ausgeht. Ein bisschen Liebesgeschichte und Tränendrüsendrückerei sind auch noch dabei.

Man müsste lügen, würde man leugnen, gespannt zu sein, wie es ausgeht.

Dicker hat Stoff und Ideen und Handlungselemente in dieses Buch reingepackt, mit denen mancher Kollege zehn Bücher füllen würde. Aber die wären auch zehnmal besser erzählt. Ganz am Schluss, für nur zwei Seiten, sind wir dann im Jahr 2016. Alles ist aufgelöst, alles entwirrt, alles kommt gut. Und da wird klar: Das ist kein echter Krimi. Unmöglich, dass das ernst gemeint ist. Das muss Parodie sein. Oder ein ganz schwacher Roman.

Joël Dicker: Das Verschwinden der Stephanie Mailer. Roman. Aus dem Französischen von Michaela Messner und Amelie Thoma. Piper, München 2018. 670 S., ca. 36 Fr.

Erstellt: 28.04.2019, 18:26 Uhr

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