Winterthur

Ein Mythos wird entsorgt

Für den Untergang seines Helden hat Mozart eine der spektakulärsten Finalszenen der Opernliteratur komponiert. Die Inszenierung des Theaters Heidelberg entsorgt mit Don Giovanni auch gleich seinen Lebensraum, die Bühne.

Die Inszenierung von Lorenzo Fioroni ist ein Essay über den Mythos Don Juan und seine letzte Bastion im infantilen Trash-Theater.

Die Inszenierung von Lorenzo Fioroni ist ein Essay über den Mythos Don Juan und seine letzte Bastion im infantilen Trash-Theater. Bild: Foto: Sebastian Bühler

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Es blitzt und raucht, im Orchestergraben drohen hämmernd Blech und Pauken, Don Giovanni windet sich in Todesangst. Gewöhnlich wird dieses Ende als Höllenfahrt bezeichnet. Jetzt sehen wir etwas anderes. Der Komtur, der kritische und ironische Beobachter des Bühnengeschehens schon im ersten Akt, hat sich zum glitzernden Dämon mit schwarzen Flügeln verkleidet und wird nun handgreiflich. Er demoliert das Bühnenmodell, das als genaues Abbild der Inszenierung des ersten Aktes im zweiten auf der Bühne steht: Don Giovannis Untergang ist auch das Ende seines Schauplatzes. Das Theater, das seinen Mythos zelebrierte, geht mit dem anarchischen Frauenhelden mit in die Entsorgung. Das starke Bild ist auch eine starke Aussage – man könnte meinen, vorausschauend entwickelt auf die gerade aktuelle Sexismus-Debatte und das Ansinnen, übergriffige Kunst aus Museen und Theatern zu verbannen. Und ist nicht Don Giovanni die Inkarnation des hemmungslos übergriffigen Machos, und dies in einem «Dramma giocoso»?

Mozarts Herzschlag

Um die Mozart-Oper allerdings braucht man nicht zu fürchten. Der glorifizierte Frauenheld ist mehr eine Projektion des 19. Jahrhunderts als Mozarts Vision. Sein musikalischer Kosmos ist grösser, für die Gefühlswelt Donna Annas und Don Ottavios, Donna Elviras und der weiteren Figuren des Spiels gibt es wohnliche Planeten. Anders gesagt, was wäre die Oper ohne die Arien, deren Herzschlag das Ensemble aus Heidelberg am Donnerstag im Theater Winterthur sehr schön hören liess?

Hye-Sung Na als Donna Elvira im Unglück einer Liebe zum Verführer und Betrüger sei zuerst genannt: Rezitativ und Arie «Mi tradì quell’alma ingrata» waren wohl der musikalische Höhepunkt des Abends. Berührend gestaltete Irina Simmes ihr «Non mi tradir, bell’idol mio», mit ihren ewigen Koloraturen eine der «wahnsinnigsten» Liebeserklärungen in Arienform. Musikalisch überzeugend auch Shahar Lavi (Zerlina) und Zachary Wilson (Masetto) als bäuerisches Liebespaars zwischen Krieg und Frieden ihrer Beziehung.

Im bis auf den Allegroschluss gekürzten Sextett kurz vereint, lässt die Heidelberger Inszenierung alle einzeln von der Bühne gehen, ihre vorangegangene Liebesmüh scheint verloren zu sein. Ob im Sinne Mozarts, ist die Frage. Jedenfalls hatte das Ensemble im Zusammenspiel mit dem elastisch präzisen Philharmonischen Orchester und den fordernden Tempi ihres jungen Generalmusikdirektors Elias Grandy höchste Lebendigkeit bewiesen.

Lust auf Faschismus

Dass sich in den Rezitativen Musikalität mehr oder weniger verliert, gehört (leider) zum Stil eines auf Körpereinsatz fokussierten Spiels. Zu bewundern war dabei Ipca Ramanovic, der Don Giovanni der Aufführung am Donnerstag (Wechselbesetzung gibt es für etliche Rollen). Virtuos spielte er die mechanische Marionette, den hyperaktiven Comic-Helden und den Irrläufer mit Hitler-Scheitel und Jagdflinte, und verblüffend war, wie er sich in der Friedhofszene selber auf dem Akkordeon begleitet, wie er zur Canzonetta mit der Ballonfrau spielt wie Chaplin einst in seinem Diktator-Film mit der Weltkugel. James Homan sekundiert ihm ebenfalls mit robuster Stimme als Leporello auf Augenhöhe, weniger Diener seines Herrn als dessen Alter Ego, was im zweiten Akt das Geschehen auch verunklärt.

Bitte neu beginnen

Überhaupt die Erzählung: Sie wird von Regisseur Lorenzo Fioroni, Ralf Käselau (Bühne) und Annette Braun (Kostüme) stark konterkariert. Was das Team assoziations- und bilderreich zur Diskussion stellt, ist ein Essay über den Mythos Don Juan und seine letzte Bastion im infantilen Trash-Theater. Dazu passt, dass in dieser Inszenierung das Volk vom bravourösen Kinder- und Jugendchor des Heidelberger Theaters gespielt wird.

Die Diskussion mag anregend sein, das Publikum jedenfalls blieb bei der Sache.

Und dieser letzte «Don Giovanni» kann auch ein Anfang sein, denn die Musik bleibt und es liegt jetzt nahe, was schon lange fällig war: Das Werk ganz ohne Rezeptionsballast von Grund auf neu zu lesen.


Letzte Aufführung: Heute 19 Uhr, Theater Winterthur. Dauer bis 22.40 Uhr. Einführung um 18.15 Uhr. ()

Erstellt: 02.02.2018, 16:19 Uhr

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