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«Ein Nein Winterthurs wäre kleinmütig»

Bald wird der Gemeinderat über die Zukunft der Villa Flora entscheiden. Beat Denzler und Rudolf Jäggli von der Hahnloser/Jaeggli-Stiftung erklären, warum sie im Moment keine Alternative zum Drei-Häuser-Konzept sehen.

«In der Villa Flora und ihrem Garten kann man Kunst auf lebendige Art zeigen»: Beat Denzler (links), Präsident der Hahnloser/Jaeggli-Stiftung, und Rudolf Jäggli, Vizepräsident.
«In der Villa Flora und ihrem Garten kann man Kunst auf lebendige Art zeigen»: Beat Denzler (links), Präsident der Hahnloser/Jaeggli-Stiftung, und Rudolf Jäggli, Vizepräsident.
Marc Dahinden

Es war eine kleine Überraschung im Stadtratswahlkampf: SVP-Kandidat Daniel Oswald hat sich am «Landbote»-Podium fürdie Villa Flora ausgesprochen. Haben Sie Unterstützung von der SVP erwartet?Beat Denzler:Gute Kunst ist weder links noch rechts. Darum überrascht es mich nicht, wenn sich vernünftige SVP-Politiker für die Villa Flora aussprechen. Es ist gut vorstellbar, dass die Parteien im Gemeinderat nicht einheitlich abstimmen werden.

Haben Sie bereits lobbyiert?Denzler:Nein.

Nicht? Das Geschäft kommt demnächst in den Gemeinderat.Denzler:Die Hahnloser/Jaeggli-Stiftung ist als Eigentümerin der Werke aber nicht direkt involviert, ist also eher in einer Zuschauerposition.

Sie mischen sich nicht ein? Die Debatte im Gemeinderat ist entscheidend für die Stiftung.Denzler:Primär ist es Sache des Kunstvereins, die Kampagne zu führen. Ich stehe in Kontakt mit dessen Präsident Tobias Guldimann und bin informiert. Ich bin überzeugt, dass das gut kommt.

Das Flora-Projekt muss nun nicht vors Stimmvolk, weil mit der neuen Finanzierung die Kreditlimiten nicht überschritten werden. Sind Sie froh darüber?C. Rudolf Jäggli:Wir hätten uns einer Volksabstimmung gerne gestellt, auch wenn das vielleicht etwas mühsam geworden wäre.

Warum etwas mühsam?Jäggli:In einem Abstimmungskampf besteht die Gefahr, dass man die Kunst gegen andere Interessen ausspielt. Und solche Diskussionen bringen nichts.

«Wir würden riskieren, dass Winterthur in einen provinziellen Schlaf verfällt.»

Beat Denzler, Präsident Hahnloser/Jaeggli-Stiftung

Denzler:Wir hätten eine Abstimmung nicht gescheut. Man darf für oder gegen das Museumskonzept sein. Wichtig ist nur, dass man mit offenen Karten spielt und fair diskutiert.

Welches sind Ihre wichtigsten Argumente für die Villa Flora?Denzler:Winterthur hat eine unglaubliche Tradition als Kulturstadt. Mit Musik, mit Bildern, mit Theater. Das ist einer unserer wirklichen Standortvorteile, der aber nicht ganz gratis zu haben ist. Wir müssen uns entscheiden: Wollen wir das, oder wollen wir das nicht? Wenn wir uns dagegen entscheiden, riskieren wir, dass Winterthur in einen provinziellen Schlaf verfällt. Ich bin kein Erbsenzähler. Ich finde, wir müssen ein Zeichen setzen und zeigen, dass wir hier investieren.

Investitionen müssen in der Politik gerechtfertigt werden. Lohnen sich die Kosten für die Drei-Häuser-Strategie?Jäggli:Wenn man die Bilder der Hahnloser/Jaeggli-Sammlung in Winterthur will, so gibt es gegenwärtig keinen anderen Standort als die Villa Flora. Im Kunstmuseum hat es zu wenig Platz. Die oft gehörte Idee, das Naturmuseum zu verlagern und so mehr Raum zu gewinnen, ist nach dessen Renovation nicht mehr realisierbar. Die Villa Flora ist mittelfristig der einzig logische Standort für diese Bilder.

Denzler:Wichtig ist vor allem eines: Das Projekt für den Umbau ist fertig und bereit. Und es ist bereits finanziert. Es ist klar, was Stadt und Kanton bezahlen werden. Und von privater Seite sind Beiträge von 1,5 Millionen Franken zugesagt. Alles, was es jetzt noch braucht, ist das Ja der Winterthurer Politik.

Jäggli:Die Sammlung bietet viele Möglichkeiten für attraktive Ausstellungen zu Themen oder im Vergleich zu anderen Künstlern. Das hat Kuratorin Angelika Affentranger in den letzten Jahren ja auch schon sehr gut gemacht. Zudem werden einzelne Kernstücke wohl immer gezeigt werden, die auch eine grosse Anziehungskraft haben.

Hat eine Dépendance in der Villa Flora genug Anziehungskraft? Wäre es nicht besser, dieWinterthurer Bilder in nur zwei Häusern zusammenzufassen?Jäggli:Die Ausstellung der Bilder in der Villa Flora ist eine optimale Lösung. Sie bietet dem Publikum etwas Besonderes, etwas Zusätzliches. Die Villa Flora ist kein normales Museum. Denn hier sieht man, wie damals gelebt und Kunst gesammelt wurde. Die Hauptsache müssen auch hier die Bilder sein, alles andere wäre Kitsch. Aber der Zusatznutzen von Villa und Garten ist etwas Spezielles, das man in der Schweizer Museumsszene suchen muss.

Denzler:Heutzutage sind nicht nur die Ausstellungen, sondern auch die Gebäude Publikumsmagnete. Nehmen Sie das Guggenheim-Museum in Bilbao als Beispiel oder jüngst die grossartige Elbphilharmonie. Da gehen die Leute hin – ganz egal, was geboten wird. Ein Sammlerhaus ist ebenfalls etwas Spezielles. Wenn ich Kurator wäre, würde ich beispielsweise auch den Garten mit einbeziehen und Zusammenhänge zur Gegenwartskunst schaffen. Dafür eignet sich die Villa Flora ideal. Hier kann Kunst auf lebendige Art gezeigt werden.

Die Villa Flora in Ehren.Aber kann man das Gebäudean der Tösstalstrasse mit derElbphilharmonie vergleichen?Denzler:Nein, natürlich nicht; das sind ganz andere Dimensionen. Aber die Villa Flora, ihr Garten und die Sammlung bieten ein einzigartiges Ensemble.

Was macht das Einzigartige aus?Jäggli:Ich war als Kind oft in der Villa Flora zu Besuch und bin als Jugendlicher im Haus aufgewachsen. Die Atmosphäre von damals war schon speziell. Es war – ehrlich gesagt – chaotisch im Haus. Die Bilder hingen sehr dicht, denn es hing alles an den Wänden, es gab kein Lager. Zu Zeiten meiner Grossmutter kam es auch vor, dass die Katze die Vallottons bespritzte.

Sie sind 1935 geboren, wann haben Sie realisiert, dass da besondere Bilder an der Wand hingen?Jäggli:Spät. Für mich war einfach selbstverständlich, dass es bei Grossmutter viele Bilder hat. Ich habe über die Künstler, die ich im Haus traf, realisiert, dass diese Bilder eine Bedeutung haben.

Haben Sie die grossen Namen denn noch in der Villa erlebt?Jäggli:Nein, diese waren zu einer früheren Zeit da. An eine Begegnung mit Pierre Bonnard kann ich mich allerdings erinnern, das war 1949. Die Sammlung war in dieser Zeit schon weitgehend abgeschlossen. Es kamen aber weiterhin lokale Künstler ins Haus, auch um die Bilder zu sehen.

Was ist Ihre langfristige Vision? Soll die Villa Flora bestehen bleiben, auch wenn einmal ein grosser Wurf mit einem Ausbau des Kunstmuseums gelänge?Jäggli:Das werden wir sehen. Entweder die Villa Flora wird eine Erfolgsgeschichte, dann wird es keine Diskussionen geben. Wenn das Publikum wider Erwarten ausbleiben sollte, müssen wir weiterschauen.

«Früher war es – ­ehrlich gesagt – ­chaotisch im Haus.»

Rudolf Jäggli, Vizepräsident Hanhloser/Jaeggli-Stiftung

Denzler:Wenn das Projekt Villa Flora jetzt umgesetzt wird, kommen die Bilder in sehr absehbarer Zeit wieder dorthin und damit zurück nach Winterthur. Wenn eine andere Lösung käme, zum Beispiel ein Neubau beim Stadtgarten oder auf dem Nachbargrundstück der Villa Flora, würden wir von der Stiftung diese Pläne ganz genau anschauen. Was aber sicher ist: Bei all diesen Visionen sprechen wir von einem Zeitraum bis in die 2030er- oder sogar 2040er-Jahre hinein. Ich fürchte freilich, dass es derartige Visionen in unserer Stadt derzeit sehr schwer haben.

Im Moment sind die Bilder in Stuttgart, danach gehen sie bis auf weiteres nach Bern. EineLösung in Winterthur für diese Zeit war nicht möglich?Denzler:Im Moment ist mangels Platz einfach keine Winterthurer Lösung ausserhalb der Villa Flora sichtbar. In einer längerfristigen Betrachtung gäbe es schon Möglichkeiten, zum Beispiel auch, wenn das Provisorium hinter dem Kunstmuseum neu gebaut werden könnte und die dortigen Autoparkplätze in ein Untergeschoss verlegt würden. Ich könnte mir schon vorstellen, dass dort dann auch die Bilder unserer Stiftung gezeigt werden. Es könnte auch sein, dass die Stefanini-Stiftung einmal ins Spiel kommt.

Da würden Sie Hand bieten für ein gemeinsames Projekt?Denzler:Man muss immer offen sein. Es ist nicht so, dass wir uns auf die Villa Flora versteifen. Doch all diese Ideen brauchen viel Zeit. Im Moment hat es schlicht zu wenig Platz, im Kunstmuseum sowie im Museum Oskar Reinhart. Darum ist das Flora-Projekt eine hervorragende Lösung. Ich fände es kleinmütig, wenn Winterthur sich nun dagegen entscheiden würde, vor allem nachdem der Kanton schon so weit entgegengekommen ist.

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