Musikkollegium

Ein Ritt durch Nacht und Traum

«Es werde Licht»: Das Motto der Saisongab dem Eröffnungskonzert unter der Leitung von Thomas Zehetmair ein Programm mit strahlenden Momenten vor. Dazu glänzte Emmanuel Pahud mit seiner Goldflöte.

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Von den tiefen Klängen zu den hohen, von der Dissonanz zur Konsonanz, von Moll zu Dur, vom Andante zum Allegro, und von der thematischen Arbeit zum Tanz. Für den Umschlag vom Dunkel ins Helle und damit vom Leiden zur Freude und von der Unterdrückung zur Freiheit zaubert die Musik mit allen Mitteln: Unter dem Motto «Es werde Licht» lassen sich mehr als eine Saison lang Programme gestalten.

Das Musikkollegium lässt das Licht in dieser Saison vielfach aufleuchten, und auch das Werk, das das göttliche Kommando explizit in Töne setzt, steht auf der Konzertliste: Haydns Oratorium «Die Schöpfung». Ein Saisonschwerpunkt gehört dem Komponisten, der das Motto in erregende Töne gesetzt hat wie kein anderer: Ludwig van Beethoven. Die Formel «per aspera ad astra», gewöhnlich übersetzt «durch Nacht zum Licht», ist als Formel seines Schaffens in jeder Beschreibung zu lesen, und schliesslich hat Beethoven ja die «Freuden-Melodie» schlechthin geschrieben.

Beethovens «Unerhörte»...

Dass Beethovens Fünfte als Paradestück zu dieser Saisoneröffnung den Hauptplatz einnahm, versteht sich. Zu hören ist sie vom Musikkollegium ja immer wieder, aber auch unter der Leitung von Thomas Zehetmair, der jetzt seine zweite Saison als Chefdirigent beim Musikkollegium eröffnete, gab sie sich wieder «unerhört».

«Bei Mozart und Debussy durfte die Flöte auch fliren, flackern, stöhnen und aufschrecken, wie Träume halt so sind.» 

Auffallend der Ausgleich des dramatischen Temperaments mit klarer, dynamisch fein ausgestalteter Phrasierung und einer Agogik die den Bau wie den Nerv der Musik, ihre Wucht und Zartheit trifft. Das etwas gestanzte Pathos-Thema könnte man sich auch gelöster, gesungener vorstellen, wie konzis aber Zehetmairs Vision des Werks ist, zeigte sich auch zuletzt noch in den nicht enden wollenden Kadenzen, die nicht immer so sinnfällig austariert, so zielsicher gesetzt werden.

...und lauter Gold

Das Konzert begann mit Beiträgen zum Thema, die so gut wie unbekannt sind, und es hatte seine leuchtenden Aspekte auch in anderer Hinsicht: Das Gold perlte in den Gläsern beim Apéro, den das Musikkollegium dem Publikum vor dem Konzert offerierte, und aus Gold ist das Instrument des Starflötisten Emmanuel Pahud, der als Solist in der ersten Konzerthälfte glänzte: mit samtenem Klang, weichem Ansatz und voluminösem und tragendem Ton.

Mitgebracht hatte Pahud ein Werk, das der Franzose Philippe Hersant (*1948) für ihn geschrieben hat. Er gehört zu einer Gruppe von Komponisten, die keine Scheu vor traditioneller Harmonik kennen, aber doch unkonventionell Neues schaffen. «Musique Nouvelle en Liberté» ist die Devise, der auch das breite Publikum gern folgt. Einen grossen Erfolg errang Hersant jüngst in Paris mit dem Chorwerk «La Lumière et L’Ombre», und grossen Applaus ernteten Pahud, Orchester und Dirigent auch mit dem suggestiv starken, mit überraschenden Effekten aufwartenden Stück «Dreamtime» von 2013, das erstmals in der Schweiz zu hören war.

Mythen der Aborigines...

Hätte der Titel «La Lumière et L’Ombre» perfekter zum Saisonthema gepasst, so war auch das von Mythen der Aborigines und von der Magie des Träumens inspirierte Werk mit seinen wechselnden hellen und dunklen Zonen durchaus ein Beitrag zum Thema. Vom in der Höhe schwebende Flötenklang, der noch vom Piccolo überwölbt wurde, zum Paukengewitter reicht die originelle Klangpalette, und Pahuds Spiel suchte nicht nur den schönen Ton – dafür folgte dann noch Mozart und Debussy –, die Flöte konnte hier auch flirren und flackern, stöhnen und aufschrecken – wie Träume halt so sind. Es war ein Spiel, das tiefer als nur in die Hörgänge ging.

...und Psychogramme

War das Musik, die nicht nur logisch, sondern psychologisch funktioniert, so war auch «Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang» op. 55 von Jean Sibelius ein Psychogramm und nicht nur erzählende Musik. Über den konkreten Anlass der Komposition aus dem Jahr 1909 wurde viel spekuliert, aber über die Frage eines Kritikers der Uraufführung «Wer reitet eigentlich und warum?» darf man schmunzeln.

Mit dem ominösen Wort Trip ist man der Sache näher, dem treibenden Rhythmus, der den tiefen Streicher gehörig Handarbeit abverlangte, den Bläsern mit unvermittelten Einwürfen und choralartiger Breite viel Atem. Insgesamt war der Abend ein volles Pensum für das gut trainierte Orchester und ein brillanter Auftritt. Thomas Zehetmair ist ja auch ein Dirigent, dem sich die Psyche der Musik in heftiger Arbeit Luft verschafft, und so war dieses Auftaktstück ein Signal für das Weitere: Zurücklehnen ist im Musikkollegium nicht angesagt.

(Der Landbote)

Erstellt: 07.09.2017, 17:28 Uhr

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