Winterthur

Ein spannender Weg zu Bartók

Ein Pianist von Adel: Sir András Schiff gab sich im Musikkollegium die Ehre im vollen Saal. Gespielt hat er das 1. Klavierkonzert seines Landsmannes Béla Bartók. Ein britischer Sir war auch da: Edward Elgar.

Meisterpianist Andràs Schiff gab sich im Musikkollegium die Ehre.

Meisterpianist Andràs Schiff gab sich im Musikkollegium die Ehre. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was für ein Programm. Dem ersten Blick bot sich eine irritierende Werkzusammenstellung und klar war nur: Der zweite Konzertteil mit dem Auftritt des Meisterpianisten András Schiff war die grossse Attraktion – erst recht, weil mit dem 1. Klavierkonzert von Béla Bartók, das auch ein Schlagzeugkonzet ist, ein Spektakel bevorstand. Zu erwarten war eine besonders authentische Wiedergabe.

Auch die Besetzung des Dirigentenpults mit Gábor Takács-Nagy stand. im Zeichen der ungarischen Musik – wobei doe Betonung auf Musik zu legen ist, denn politisch hat der Sir seine liebe Mühe mit seinem Land, in dem er nicht mehr auftreten mag. In der lapidaren Melodik und im rhythmischen Temperament ist in Bartóks 1. Klavierkonzert das ungarische Idiom präsent.

Uraufgeführt wurde das Werk 1927 im Rahmen des Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik, und dies ist auch sein eigentlicher Rahmen. Die geballte Energie und auch die Kälte des 20. Jahrhunderts bestimmen seinen Ausdruck. Der forsche Klang mit einem Pianisten, der hämmernde Rhythmen zu spielen hat und von drei Perkussionisten umgeben ist, gab dem Klavier einen neuen Charakter.

Kontrollierte Extreme

Die Wiedergabe am Mittwoch im Musikkollegium machte dies unmissverständlich klar und beeindruckte mit den dissonanten Schärfen und rücksichslosen Mechanik der Ryhthmen. Aber hinter das Etikett «Bruitismus» durfte man ein Fragezeichen setzen. Schiff, bekannt als hochkultivierter und differenzierter Klangpoet – das zeigte er wunderschön in seiner Zugabe – verleugnete sich auch hier nicht und mit seinem nuancierten Spiel über die gesamte Skala sicherte er dem Werk eine Kohärenz, die auch die vielen leisen und auch in der Perkussion lyrischen Passagen zu ihrem Recht kommen liess.

So kompakt wie die zweite Hälfte des Abends erwies sich wider Erwarten auch die erste. Es war ein Weg durch die Epochen und machte die Entfesselung des Klanggeschehens in einem barbarischen Jahrhundert so erst recht zum Ereignis. Da war der Beginn mit Joseph Haydns Sinfonie Nr. 8, «Le Soir», mit ihrer konzertanten Geselligkeit mit den charaktervollen Bläsern im Vordergrund, der Besinnlichkeit des Andante, dem humorigen Kontrabass-Solo und der witzigen Intervention des Fagotts – alles wurde vom Musikkollegium wunderbar pointiert und weder breitgewalzt noch manieristisch überspitzt gespielt und dirigiert, nicht vom Podium herunter, sondern – wie das ganze Programm – im nahen Kontakt auf Augenhöhe mit den vorderen Pulten.

Edward Elgars «Chanson de nuit» und «Chanson de matin» von 1989 verwandelten das Musikkollegium in einen spätromantischen Klangkörper, der die melancholischen Melodieströme mit aller Emphase realisierte. Zu Elgars spätromantischer Haltung, die vom nostalgishen Blick auf das grosse musikalische 19. Jahrhundert geprägt ist, kontrastierte Claude Debussys gleichzeitig entstandenes erstes grosses Orchester-Triptychon, die «Trois Nocturnes», die gleichsam die schwerblütige Sinfonik atmosphärisch auflösten in einer Klangwelt, die mit den Wolken sympathisierte und sich der Meeresbrise aussetzte.

Poesie und Klangmaterie

Das impressionistische Kolorit entfaltet Debussy im gross besetzten Orchester des Fin de siècle und im dritten Stück («Sirènes») um die Vokalisen eines Frauenchors erweitert. Das Musikkollegium ist da nur bedingt zuständig, und doch schien in der von Armin Brunner leicht reduzierten Einrichtung der Partitur der ganze Debussy präsent.

Auf die «Sirènes» musste man verzichten, das Englischhorn, das so seltsam hintergründig sich immer wieder meldet, klang vielleicht wenig geheimnisvoll, aber Transparenz war auch ein Gewinn für diese Musik, und das Klanggewebe in den «Nuages», das Aufrauschen und quirlige Treiben in den «Fêtes» hatten ihre Magie – so einprägsam, dass nach der Pause der Umbruch des musikalischen Empfindens – nach der poetischen Klangsinnlichkeit gleichsam die urwüchsige Kraft und Expressivität der nacktem Klangmaterie – um so intensiver wirkte.

(Der Landbote)

Erstellt: 14.12.2017, 16:35 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben