Oper

Eine Entführung ins Opernmuseum?

Mozarts «Entführung aus dem Serail» ist Teil des Repertoires der Gegenwart. Das Theater Winterthur setzt jetzt das Publikum vor eine Bühne des 18. Jahrhunderts – eine spannende Erfahrung.

Eine nostalgisch anmutende Bühne für die aktuelle Mozart-Oper. Szene mit  Blonde.

Eine nostalgisch anmutende Bühne für die aktuelle Mozart-Oper. Szene mit Blonde. Bild: peuserdesign

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Die gemalten Wolken im Hintergrund, die Meeresbrandung in Form sich drehender Rollen, die bemalten seitlichen Kulissen und Soffitten, die hochgezogen und gesenkt werden, je nachdem, wo die Szene spielt – man kennt solche Bühnenansichten von Stichen aus der Zeit der Uraufführung von Werken des 18. Jahrhunderts, dem heutigen Opernbetrieb sind sie denkbar fern.Mit der Kritik am modernen Regietheater, das die Werke zur Kenntlichkeit oder Unkenntlichkeit gebracht in Szene setzt, scheint die Sehnsucht zu wachsen, den Opern in einem solchen «originalen» Setting zu begegnen. Untermauert wird die Forderung gern mit dem Hinweis auf die Paradoxie, dass musikalisch akribisch geforscht und historisch informiert gespielt wird, in der szenischen Darstellung aber sogar die offensichtlichen Vorgaben ignoriert werden.

Papier und Porzellan

Das der historischen Musikpraxis verpflichtete Orchester L’Arte del Mondo und das Goethe-Theater Bad Lauchstädt machen das Experiment und bringen für einmal beides zusammen, altes Instrumentarium und Inszenierung im alten Stil. Für die Darstellung zeichnet Igor Folwill verantwortlich, der sich von historischen Vorlagen inspirieren liess und auf Elemente der barocken Bühnentechnik zurückgriff. Das Spiel orientiert sich entsprechend an Commedia dell’Arte und wienerischer Hanswurstiade, und die Darsteller erinnern in ihren am Rokoko orientierten Kostümen an die niedlichen Porzellanfiguren.

Hat man es somit mit einem Besuch im Museum zu tun? Die Frage stellt sich umso mehr, als Mozarts «Entführung aus dem Serail» nicht irgendeine Ausgrabung ist, sondern ins Repertoire der Gegenwart gehört, uns angeht und berührt mit Fragenzur Humanität, zum Wesen der Liebe, zum Verhältnis der Geschlechter und zur Konfrontation der Kulturen.

Auf einen Nenner gebracht lautet die Antwort: Museal in der Darstellung heisst nicht museal in der Wirkung, denn immerhin haben wir es mit dem musizierenden und seine Rollen spielenden Ensemble nicht mit Pappe und Porzellan zu tun, sondern mit Künstlern von beachtlicher Kompetenz im Hier und Jetzt.

Mit grossem Können

Mit einer gewissen Selbstironie lässt der Regisseur Belmonte von Perdrillo an die Rampe komplimentieren, und da macht der Koreaner Tae-Jun Sun die Arie «O wie ängstlich, o wie feurig» zum Erlebnis, und dass er nicht der locker begnadete Schauspieler ist, wird zur Nebensache. Andere wie zumal Cornel Frey für Perdrillo verbinden wunderbar organisch Spiel und Gesang. Rúni Brattaberg holt für die Komik Osmins viel aus dem imponierend tiefen Keller seines Basses, überspielt aber drollig bis kindisch die dunkle Seite des Charakters. Für das quecksilbrige Spiel der Blonde nimmt sich dagegen Mara Klier auch fragwürdige musikalische Freiheiten heraus, während Stephanie Elliott eine innige und auch fulminante Konstanze in jeder Hinsicht glaubhaft verkörpert, auch wenn Mozarts jugendlich masslose Handschrift sie da und dort ans Limit bringt.

Die Aufführung läuft unter der Leitung von Werner Ehrhardt immer wieder zur konzertanten Hochform auf, agile Bläser, dynamisch vife Streicher, prägnantes Akzentuieren und fliessendes Phrasieren verbinden sich mit dem Klang der Bühne. Es sprudelt bei «Vivat Bachus», prasselt deftig im Alla turca, jubelt mit Pauken und Trompeten im Quartett «Es lebe die Liebe», geht sensibel in die Abgründe der Liebestod-Thematik im Duett.

«Gegenwartstheater»

All dies ist mehr als «historisierende Werktreue». Unter diesem Etikett wären fremde musikalische Zutaten im szenischen Hintergrund und vor allem wären die Abkürzung der Ouvertüre und Streichung dreier Arien, um die es wirklich schade ist, sogar zu monieren. Man hat es auf spezielle Weise eben doch mit Gegenwartstheater zu tun, und vielleicht macht gerade das auch den Publikumserfolg dieser Aufführung aus.
Letzte Aufführung im Theater Winterthur: Freitag um 19.30 Uhr. (Landbote)

Erstellt: 06.12.2018, 17:17 Uhr

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