Kellertheater

Eine Marilyn Monroe betritt die Winterthurer Bühne

Das Keller Theater Winterthur eröffnet die Saison mit Marilyn Monroe. Zu sehen ist ein Schauspiel, das aufwühlt.

Doris Strütt und Wanda Wylowa spielen Marilyn.

Doris Strütt und Wanda Wylowa spielen Marilyn. Bild: Johanna Bossart

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«MM – Blondine bevorzugst?? Auf den Spuren von Norma Jeane», heisst das Eröffnungsstück der Saison im Kellertheater. Wie blond war diese Norma Jeane, die später zum Filmstar Marilyn Monroe wurde? Sie sei eine echte Blondine gewesen, heisst es im Stück, aber gleichzeitig: Sie habe ihr Haar mit Wasserstoffperoxid gebleicht. Blond war jedenfalls gefragt. Eine Mehrheit von Männern in den USA gab in den 1950ern an, blonde Frauen zu bevorzugen. Zu Beginn ihrer Laufbahn wurde MM mit dem Einwand konfrontiert: «You are not star.» «Whatever i am, i am the blond», entgegnete sie. Sie war das Produkt, das der Markt verlangte.

Marilyn Monroe ist bis heute bekannt. Viele sehen sie in Andy Warhols serienmässig hergestellten Porträts vor sich, in denen der Künstler ihren Kopf mit gelbem Haar auf verschieden farbigem Hintergrund zeigt. Auf der Bühne des Kellertheaters legen die Schauspielerinnen Wanda Wylowa und Doris Strütt das Innere der Frau hinter Warhols plakatiertem Gesicht frei. Strütt hat das Stück geschrieben. Sie ist Ko-Leiterin des Kellertheaters. Die beiden Frauen spielen abwechslungsweise die MM sowie Personen, die für sie wichtig waren. Zum Beispiel ihre Schauspiellehrerin Natasha Lytess. Sie korrigierte die Haltung und die nuschlige südkalifornische Aussprache der Norma Jeane: « I did not want to pet, the dear soft cat», eine Übung, um d und t zu unterscheiden.

Gewagtes Unterfangen

Das Schauspiel verknüpft solche Informationen mit Kurzszenen und Liedern zu einem wilden Nacheinander. Szenen aus MMs Filmen werden eingespielt. Die beiden Frauen singen. In einer Szene wechselt der Dialog auf Französisch. Warum bloss? Um zu zeigen, dass Marilyn weltberühmt wurde, dass sie in Paris auftrat? Vieles bleibt angedeutet, manche Szene kommt als Frage daher. Was machte Marylin so sexy? Oder war sie eher erotisch? Ein kleiner Exkurs zu weiblicher Sexualität folgt. So blickt man gefesselt und doch etwas bange auf die Bühne. Kommt das gut, wenn zwei Schauspielerinnen in einem Kleintheater Marilyn Monroe spielen?

Eines bleibt ausser Frage: Das Spiel von Wylowa und Strütt ist lebendig, wechselt von einer wilden Choreografie zu stillen Liedern, von prägnantem Schauspiel zu blossem Erzählen. Und obwohl sich einem das Leben der MM als ein tragisches offenbart, liegt stets ein untergründiger Humor in der Luft. Das Stück ist jeden Augenblick spannend.

Durch verfremdende Elemente weg von der perfekten MM

Am Ende stirbt MM. Wie man weiss, viel zu früh: 1962, mit 36 Jahren. In der Version im Kellertheater war es kein Suizid. – Es ist jetzt still im Theater. Trauer breitet sich aus. Das bedeutet, dass es dem Schauspiel von Wylowa und Strütt gelungen ist, MM dem Publikum nahe zu bringen. Sie haben es geschafft, die Maske der Ikone Marilyn zu zerreissen und eine vielschichtige Figur zum Leben zu erwecken. Dem Anspruch, eine perfekte MM auf die Bühne zu bringen, entziehen sie sich elegant, in dem sie verfremdende Elemente einsetzen. So zum Beispiel spielt Strütt, die sich als Marilyn kostümiert, meist deren Bezugspersonen, während die rothaarige Wylowa die blonde MM gibt.

MM wurde, um berühmt zu werden, zu einem reinen Marketing-Objekt, dieses wiederum zu ihrem Gefängnis. Sie blieb verdammt, stets nichts anderes als die «Imitation der MM» zu spielen. Ihr Versuch, im Film eine Charakterrolle zu bekommen, scheiterte, ebenso wie die Ehe mit dem berühmter Dramatiker Arthur Miller. Sie brauche, musste sie sich anhören, keine Tonspur. Der Anblick ihrer Figur genüge. Damit spricht das Stück eine Warnung aus für alle, die heute berühmt werden wollen. Es sind mehr denn je. Mit der Aufführung von «MM – Blondine bevorzugst??» hat das Kellertheater viel gewagt, und noch mehr gewonnen.

Kellertheater, Marktgasse 53. Aufführungen bis 6.10.

Erstellt: 22.09.2019, 16:53 Uhr

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