Musikfestwochen

Einer, der für alles den richtigen Ton findet

Wie die alten Folk- und Bluessänger der USA fesselt Long Tall Jefferson die Hörer mit seinen Geschichten. Am Mittwoch spielt er an den Musikfestwochen.

Long Tall Jefferson liebt das Abschiednehmen.

Long Tall Jefferson liebt das Abschiednehmen. Bild: Pelin Yürer

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Was beim Durchhören des Albums «Lucky Guy» als Erstes auffällt, ist, dass man sofort in eine Stimmung eintaucht. Da wird nichts langsam Schritt für Schritt aufgebaut, alles ist von Beginn an da: Warm und wehmütig etwa in «Over for Tea», bitter und süss in «Fireworks», einem Song, der von der Sehnsucht handelt, am Wochenende hinauszugehen, um etwas zu erleben. Im Titelsong erinnern die Akkorde an «The Long And Winding Road» von den Beatles, an anderen Stellen drückt in der Stimme der Einfluss von Neil Young durch. Trotzdem wirkt diese Musik eigenständig und erwachsen.

Hinter der Kunstfigur Long Tall Jefferson – auf dem im Oktober erschienenen zweiten Album inszeniert er sich mit ernstem Blick und Pilzfrisur in nostalgischem Interieur – steckt der rund dreissigjährige, in Buttisholz zwischen Sursee und Willisau aufgewachsene Simon Borer, der an der Jazzschule Luzern studiert hat und heute in Zürich lebt. Dort hat er inzwischen ein eigenes Label gegründet, Red Brick Chapel, das den beteiligten Musikern gehört und als Kollektiv organisiert ist. Die Einkünfte aus allen musikalischen Aktivitäten zusammengenommen reichen ihm heute zum Leben, wie er dem «Willisauer Boten» sagte.

Neu mit Band

Eine Zeitlang fuhr Borer mit dem Zug zu seinen Solo-Konzerten; über zweihundert davon hat er schon absolviert, so auch einen Kurzauftritt vor einem Jahr auf der «Startrampe» der Musikfestwochen. Für die neuen Songs ist er nun mit einer Band unterwegs, darin spielen Schlagzeuger Luki Weber, die Gitarristin Franziska Stäubli und die Bassistin Martina Berther; als Gäste sind in Winterthur zudem Janine Cathrein, Sängerin der Band Black Sea Dahu, und der Klarinettist Fabian Mösch dabei.

Wie fein austariert die Stimmungen sind, erkennt man etwa an «You & the Universe», einem Song, der vom Weggehen handelt, es ist ein Lieblingsmotiv von Borer.

Wie in Schuberts Liederzyklus «Winterreise» verlässt der Erzähler hier die noch schlafende Geliebte, ohne einen handfesten Grund für seine Abreise angeben zu können: Körper und Seele seien ruhelos, behauptet er, und sich zu bewegen bedeute eben immer auch wegzugehen. Am Abend wird er schon ganz fern sein und in einer lauten Spelunke unbeachtet diesen Song vortragen.

Leicht und dringlich

Was immer er erzählt, dieser Singer/Songwriter findet für alles den richtigen Tonfall, er hat ein sehr gutes Gefühl für die Phrasierung und die Verteilung der Silben, und zwischen den Zeilen scheint stets ein wenig Ironie durch. Alles wirkt wie leicht hingeworfen und ist trotzdem von einer Dringlichkeit, die einen fesselt. Man bekommt den Eindruck, dass dieser Mann etwas zu sagen habe. Weil er es eben versteht, aus dem Alleinsein und seinen Begleitfantasien klingende Geschichten zu formen.

Dann erzählt er von der Leere im Bett oder davon, wie er jede Nacht träumt, sie liege neben ihm, und wie er jedesmal beim Erwachen wieder Abschied nehmen muss. Wobei das ganz flott und munter klingen kann. Weil der, der im Grunde immer von der Zeit erzählt, die vergeht, diese Geschichten eben auch erzählt, damit die Zeit nicht lang wird.

Erstellt: 14.08.2019, 10:18 Uhr

Long Tall Jefferson:

Mittwoch, 19.30 Uhr, Stadtkirche.
CD: Lucky Guy (Red Brick Chapel).

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