Kellertheater

Endlich richtig leben

Stell dir vor, du hättest plötzlich einen Fremden in deiner Wohnung. Das ist die Ausgangslage für die Farce «Die toten Tiere» von Eva Rottmann, mit der uns die deutsche Autorin einen Spiegel vorhalten möchte.

Ménage à trois (von links): Erich Hufschmid, K. Urbain Guiguemdé und Anna-Katharina Müller. Foto: Léonie Moser

Ménage à trois (von links): Erich Hufschmid, K. Urbain Guiguemdé und Anna-Katharina Müller. Foto: Léonie Moser

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Mit dem Rücken zum Publikum, wie eine dunkle Wand, steht er da, erkennbar ist nur: Der ist nicht von hier. Später sitzt er im Wohnzimmer auf dem hellen Sofa, den Blick eines wilden Tiers zum Publi­kum gerichtet – und sagt nichts.

Da mögen sich Helen und Veit noch so Mühe geben, sie bringen Philippe-James, wie sie ihn später nennen werden, nicht zum Sprechen.Was würdest du machen, wenn du plötzlich einen Fremden in deiner Wohnung hättest: Auf dieser Idee beruht die Farce «Die toten Tiere» von Eva Rottmann, die am Samstag in einer Inszenierung des Kellertheaters Premiere hatte. Eine naheliegende Idee, deren dramaturgisches Potenzial aber begrenzt ist.

Die Natur im Wohnzimmer

Rottmanns Stück handelt vom Wunsch zu verstehen und zu helfen, aber längst nicht nur. Das Objekt, ein afrikanisch aussehender Mann, der auf der Strasse lag, wird zum Spiegel für unsere Wünsche und Ängste. Um unser Verhältnis zum Fremden, um das Begehren und die Sehnsucht, ein anderer zu sein, geht es, darum, endlich richtig leben zu wollen.

Der Trailer zum Thaterstück.

Das rechteckige Stück Zier­garten, das wie ein Bild über dem ­Sofa an der Wand hängt, ist ein Emblem für den Wunsch, den Alltag mit Natur und organischem Wachstum anzureichern (Bühnenbild: Christof Bühler).

Die deutsche Autorin, Jahrgang 1983, lebt seit ihrem Studium an der Zürcher Hochschule der Künste in Zürich; im September hatte ihr Kinderstück «Die Eisbärin» im Theater Kanton ­Zürich Premiere.

Das Stück «Die toten Tiere» wurde 2013 im Theater Konstanz uraufgeführt. Rottmann hat viel hineingepackt in ihren Text, dar­unter einiges von dem, wofür ­«Afrika» im Westen stand und, trotz aller Aufklärung, weiter steht; auch auf die Völkerschauen, in denen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa «Wilde» wie Tiere vorgeführt wurden, spielt sie an.

Erfrischende Monologe

Dabei handelt es sich auf den ­ersten Blick um ein Beziehungsstück: Helen und Veit waren ein Paar, dank dem Fremden gleiten sie nun, scheinbar absichtslos, zurück in die Vergangenheit. Aber was macht Veit überhaupt in der Wohnung seiner Ex, er wohnt doch schon mit Ute, seiner neuen Partnerin, zusammen? Ebenso zufällig erscheint Veits unver­mutet auftauchender Wunsch, den Fremden zu sich nach Hause zu nehmen.

Die stumme Rolle (K. Urbain Guiguemdé) gibt dem Ganzen einen absurden Anstrich, aber wirklich lustig ist das nicht, und eine gewisse Statik ist die Folge. Die Dialoge des ehemaligen Paars, oft erregt und an der Grenze zur Hysterie, wirken im ersten Drittel der rund 80 Minuten ­ermüdend, das Feuerwerk aus Sprüchen und Wutreden vermag nicht recht zu zünden. Erfrischend hingegen die Monologe, in denen die beiden Figuren über sich reflektieren; die abwesende Ute (Helen: «Diese Weltverbesserin») liefert ein zusätzliches Spielfeld (Regie: Udo van Ooyen).

Je länger das Stück dauert, desto entspannter und ironischer werden die Dialoge.

Anna-Katharina Müller in der Rolle von Helen sprüht vor Spielwitz, das steckt an. Wenn Veit (Erich Hufschmid) sich in der «Tagesschau» einen Bericht über Flüchtlinge anschaut, flackern auf seiner unruhigen Miene Interesse, Langeweile und Ratlosigkeit durcheinander, und man erkennt darin ein wenig sich selbst und die eigene Überforderung angesichts von «News», die irgendwie betroffen machen.

Den fremden Mann sieht er zunächst vor allem als Sicherheitsrisiko, während Helen die Aufgabe eher wie eine engagierte Sozialarbeiterin angeht: Ist doch schön, wenn jemand da ist, mal sehen, was sich daraus entwickelt.

Prekäres Glück

Je länger das Stück dauert, desto entspannter und ironischer werden die Dialoge. Veit zieht wieder bei Helen ein, zusammen tanzen sie zum Song «Stranger in Para­dise», gesungen von Tony Bennett, oder sie spielen Piratenschiff, mit der Totenkopf-Flagge am Strupper.

Helen hängt ihren Job an den Nagel, um endlich die Dinge zu tun, die sie schon immer tun wollte. «Es geht uns gut, es geht uns wirklich gut», erklärt sie uns, scheinbar durchflutet von der positiven Energie der Selbstverwirklichung, aber im nächsten Moment kippt die Stimmung ins absolute Gegenteil: Da wird der schmale Grat sichtbar, auf dem ein gut funktionierender Alltag wandelt. Haben wir alles im Griff? Ja, so kommt es uns vor.

Auch Philippe-James kontrolliert auf seine Weise die Lage, er ist nur bedeutend lockerer als ­seine Gastgeber, die sich ständig hinterfragen, und telefoniert bei Gelegenheit ganz unbeschwert, womit er seinerseits ein Klischee bestätigt, das des genussfähigen, eigennützigen Schwarzen.

Dass sich am Ende doch alles wieder in seine Einzelteile auflöst, ist absehbar. Der Fremde zieht aus, er ist bis zum Schluss ein Rätsel geblieben. Veit hat sich endlich ein Ticket für seine immer wieder aufgeschobene Weltreise gekauft, Helen geht zurück ins Büro. Ganz am Schluss setzt Philippe-James wieder seinen undurchdringlichen, herausfordernden Blick auf.

Unterdessen wissen wir, dass hinter der Maske einer steckt, der diszipliniert ­seine Rolle spielt und sich dabei gut amüsiert. Alles in allem ein unterhaltsames Stück, in dem sich manches spiegelt, was uns heute umtreibt.

Nächste Aufführung: Heute, 20 Uhr, Kellertheater, Marktgasse 53. Bis 27. 1.

(Der Landbote)

Erstellt: 15.01.2019, 16:16 Uhr

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