Reinhart am Stadtgarten

Entdeckungen im Tempel der Natur

Zum ersten Mal treten sie an die breite Öffentlichkeit: die Meisterblätter der Stiftung Familie Fehlmann.

«Vue du Château de Wimmis et des environs», von Johann Ludwig Aberli, koloriert von Heinrich Rieter, um 1783/84. Kolorierte Umrissradierung. Winterthur, Sammlung Stiftung Familie Fehlmann.

«Vue du Château de Wimmis et des environs», von Johann Ludwig Aberli, koloriert von Heinrich Rieter, um 1783/84. Kolorierte Umrissradierung. Winterthur, Sammlung Stiftung Familie Fehlmann. Bild: PD

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Was hat er nicht alles gesehen und erfahren: Gegenden voller Reiz und Majestät, friedliche Dörfer und Städte an klaren Gewässern, verfallene Schlösser alter Zwingherren, das «Erdreich überdeckt mit einem Grün, wie du noch nie gesehen», nackte Felswände, über die sich Wasserfälle stürzen, mit ewigem Schnee bedeckte Gebirge «in ihrer fürchterlichen himmelanragenden Höhe», fruchtbare Hügel und schauervollste Abgründe, «wo der stärkste nie erschütterte Muth eines Sterblichen scheitern muss», Gletscher neben Erdbeersträuchern – «so nahe beysammen», also «Wärme und Kälte», «Anmuth und Wildheit». Vor 240 Jahren bringt der junge Kunstschriftsteller Gottlieb Wilhelm Becker, damals in der Schweiz unterwegs, die er als ein Paradies für Landschaftsmaler erlebt, seine Erfahrungen mit Blick auf die Schweizer Landschaftsgrafik so auf den Punkt: «Was für ein Schatz, die wichtigsten dieser Prospeckte, voll Wahrheit und Natur beysammen zu haben!»

Naturwunder und Mythen

Ein solcher Schatz ist die Sammlung der Stiftung Familie Fehlmann, deren schönste und sprechendste Blätter nun vom Publikum bewundert und buchstäblich unter die Lupe genommen werden können. Ergänzt werden sie durch einige weitere Arbeiten auf Papier und sieben Ölgemälde aus den Beständen des Kunstmuseums – wie zum Beweis, dass die Künstler beide Medien, Malerei und Reproduktionsgrafik, beherrschten.

Die Fehlmann-Stiftung
Der aus Aarau stammende Sammler Heinrich Fehlmann-Richard (1880–1952) gehört als promovierter Jurist mit einer steilen Karriere im Versicherungswesen («Winterthur-Unfall», Verwaltungsrat SBG) zu den prominenten Schweizer Wirtschaftsexponenten. Mit seiner Frau Clara baute er spätestens ab 1928 eine Sammlung von Blättern sogenannter Kleinmeister auf. Bis zu seinem Tod kamen so rund 700 druckgrafische Blätter und Zeichnungen zusammen. Nach seinem Tod ging die Sammlung auf seinen Sohn Heinz Fehlmann-Sommer (1919–2015) über, der sie nur um weniges erweiterte, aber sorgfältig bewahrte. So kommt es, dass die zum Teil über 200 Jahre alten Blätter von herausragender Frische sind. Vier Jahre nach der Gründung der Stiftung wird nun, zum 100. Geburtstag des Stifters, eine hochkarätige Auswahl erstmals öffentlich gezeigt: «Souvenir Suisse – Meisterblätter der Stiftung Familie Fehlmann». (aa)

Insgesamt zeigt die umsichtig und aufschlussreich gehängte Schau, die von Christian Féraud (Stiftung Familie Fehlmann) und David Schmidhauser (Kunstmuseum) kuratiert wurde, rund hundert Exponate, in denen all das und mehr vorkommt, was für Becker die Schweiz ausmacht: «Sie ist der Tempel der Natur.» Und nicht nur für Becker ist sie das, sondern für ganze Generationen von Europa-Reisenden, denen sie sich nach Italien als zweitschönstes Land der Sehnsucht präsentiert, dem nur das Meer und feuerspeiende Berge fehlen. Dafür lockt die Schweiz im Jahrhundert der Aufklärung, das mit der wissenschaftlichen und künstlerischen Erschliessung der Landschaft den Menschen in ein neues, offeneres Verhältnis zur Natur setzte, mit anderem. Mit «Naturwundern», allen voran Wasserfällen und Gletschern, mit Unverfälschtheit, Freiheit, Freiheitsstolz und Gleichheit, friedvollem ländlichem Glück, Alpenmythos und mythenträchtigen Orten.

Das wirkt bis heute nach und spiegelt sich in den ausgestellten Werken und in der schweizerischen Landschaftsmalerei überhaupt, die denn auch «untrennbar mit der Geschichte des Landes und der sozialen, politischen sowie landwirtschaftlichen Entwicklung verbunden ist» (Susanne Bieri im Katalog).

Teure Souvenirs

Da ist es verständlich, dass so mancher Reisende bildhafte Erinnerungen mit nach Hause nehmen wollte. Was eignete sich im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Druckgrafik schlechthin, besser als druckgrafische Arbeiten? Das waren zwar noch immer teure Souvenirs, die man aber gleich unterwegs im Atelier des Künstlers oder in einer Kunsthandlung erwerben konnte. War ein Blatt dieser Kleinmeister, wie man sie später nannte, dann noch farbig und erweckte den Eindruck eines Originals, einer aquarellierten Federzeichnung, war ihm Erfolg garantiert – europaweit.

Farbig gefasste Druckgrafik gab es auch schon früher, aber noch nie hatte einer reproduzierbare Arbeit mit Blatt für Blatt originaler Handarbeit so zusammengebracht. Der Erfinder dieser Umrissradierungen, die erst als kolorierte Blätter Werkcharakter erhielten, war Johann Ludwig Aberli (1723–1786) aus Winterthur. Der in Bern wirkende Aberli zog zwei weitere Winterthurer nach Bern, die sich die «Aberli’sche Manier» zu eigen machten und weiterentwickelten: Heinrich Rieter (1751–1818) und Johann Jakob Biedermann (1763–1830). Was sie und andere mit dieser Mischung aus Druckgrafik und Aquarell schufen, war «eine ästhetische Sensation für die damaligen Sehgewohnheiten» (Textblatt zur Ausstellung).

Bilder einer Nation

Wer genau und vergleichend schaut, kann die Sensation bis heute nachvollziehen. Von der Frage, wie viel Kunst und wie viel Kunsthandwerk das ist – dazu gehören neben Umrissradierungen auch handkolorierte Aquatinten, die meist etwas härter wirken –, braucht man sich nicht behelligen zu lassen. Die Ansichten aus den Bergen, vom Landleben, von historischen und abenteuerlichen Gegenden regen auch so zu Fragen an. Und mögen Aberli, Lory, Hürlimann, Dunker, Weibel, Lafond und wie die Künstler alle heissen, auch so etwas wie eine Schönwetterschweiz zeigen, in der bei aller Exaktheit Wunschbild und Wirklichkeit oftmals in eins gehen, so sagen ihre Ansichten dennoch viel über das bis heute aktuelle Selbstverständnis der Schweiz aus – hinterfragen erlaubt!

Bis 2.2.2020. Zur Ausstellung, zu der diverse Veranstaltungen geboten werden, ist ein reich illustrierter Katalog von Christian Féraud und Michael Matile (Hrsg.) erschienen: spannende und aufschlussreiche Beiträge auf 200 Seiten, Fr. 24.–

Erstellt: 20.09.2019, 16:40 Uhr

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