Winterthur

«Es erleichert ungemein, gemeinsam in den Abgrund zu schauen»

Seit zehn Jahren stellen die Schauspielerin Cathrin Störmer und der Schauspieler Andreas Storm schlechte Kunst vor. Über zweihundert Bücher haben sie schon besprochen. Die absoluten Tiefpunkte präsentieren sie in der Reihe «lauschig».

Störmer und Storm amüsieren sich und ihr Publikum dank schlechter Literatur.

Störmer und Storm amüsieren sich und ihr Publikum dank schlechter Literatur. Bild: pd

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Wenn man etwas Schlechtes vorgesetzt bekommt - schlechtes Essen, schlechte Musik, schlechte Literatur - ärgert man sich in der Regel. Sie freuen sich darüber. Wie machen Sie das?
Andreas Storm: Es hilft schon zu wissen, dass man eine Show damit füllen kann, aber grundsätzlich fasziniert mich schreckliche Kunst schon seit der Kindheit.

Cathrin Störmer: Es ist schon so: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Es erleichtert ungemein, gemeinsam in den Abgrund zu schauen.

«Es gibt wirklich schlimme Bücher, Propaganda, menschenverachtende, diskriminierende Literatur etwa, die wir natürlich auch im Programm haben und wo uns der Humor verlässt.»


Sie haben schon über zweihundert schlechte Bücher besprochen. In Winterthur präsentieren Sie die absoluten Tiefpunkte. Was zeichnet diese aus, woran erkennt man sie?
Störmer: Einerseits am Grad des Bizarren: Wussten Sie, dass es ein Buch mit dem Untertitel «Wie man mit Schnecken erfolgreich Verhandlungen führt» gibt? Eben. Andererseits wenn der Anspruch grösser war als das zu lesende Ergebnis. Saddam Husseins Liebesroman «Zabiba und der König» ist ein Paradebeispiel dafür. Aber auch viele selbstverliebte Autobiographien sind ein nicht endender Quell der Freude respektive des Leids. Und es gibt natürlich wirklich schlimme Bücher, Propaganda, menschenverachtende, diskriminierende Literatur etwa, die wir natürlich auch im Programm haben und wo uns der Humor auch verlässt.

Kommt es vor, dass Sie sich nicht einig sind, ob etwas ein schlechtes Buch ist oder nicht?
Störmer: Eigentlich nicht.

Storm: Erstaunlich selten, wir besprechen aber natürlich auch besonders bizarre Bücher. Manchmal ist aber ein Buch leider gar nicht so schlecht, wie erwartet. So ging es mir zum Beispiel bei einem Buch mit dem bizarren Titel «Liebe Dich selbst, und es ist egal, wen Du heiratest».

Sie machen aus schlechten Büchern Unterhaltung, die offenbar vergnüglicher ist als manch gute Bücher. Wie erklären Sie sich das?
Storm: Es ist quasi ein umgekehrter Literaturclub. Und viele Leute möchten ja doch wissen: Was steht im Liebesroman von Saddam Hussein, in «Dianetik», der Bibel von Scientology, oder im populärsten Ratgeber der Welt, «The Secret». Wir lesen stellvertretend für unser Publikum.

Störmer: Uns wird oft gesagt, dass es viel Spass macht, uns dabei zuzusehen und zuzuhören, wenn wir uns empören.

«Absichtlich schlecht ist nicht das gleiche wie schlecht. Und das Gegenteil von Gut ist gut gemeint.»

Man könnte auf die Idee kommen, selber schlechte Bücher zu produzieren. Wäre das leicht oder schwierig?
Storm: Das wäre schwierig, denn absichtlich schlecht ist nicht das gleiche wie schlecht. Und das Gegenteil von Gut ist gut gemeint.

Störmer: Wenn man absichtlich etwas schlecht machen will, ist es halt schnell Trash und damit recht eindimensional und langweilig. Bei unserer Auswahl überwiegen die Bücher, die nicht absichtlich ironisch gemeint sind oder mit dem Wissen geschrieben wurden, dass sie schlecht sind.

Wie finden Sie schlechte Literatur? Verbringen Sie viel Zeit in Bibliotheken?
Storm: Ich gehe sehr gerne in Bibliotheken, Antiquariate und Bücher-Brokis, es ist ein leidenschaftliches Hobby, das durch die Serie endlich einen Sinn bekam und jetzt als Arbeit gelten kann.

Störmer: Wir finden auch viel im Internet. Inzwischen geben uns unsere Zuschauer auch gern mal was mit, nach dem Motto: Das hier wäre wohl etwas für euch.

Was kommt beim Publikum am besten an?
Störmer: Schwer zu sagen. ich denke, die Mischung machts. Wenn wir nur Humoriges im Angebot hätten, würden die Blumen des Bösen nicht so funkeln, und umgekehrt.

Storm: «Brida» von Paulo Coelho und die Autobiographie von Klaus Kinski sind schon All-Time-Favouriten.

Können Sie sich vorstellen, sich über ein Buch, das Sie selber geschrieben haben, lustig zu machen?
Störmer: Wir sind ja keine Autoren, sondern Schauspielerin und Schauspieler. Wir haben aber schon Filme von uns vorgestellt, die auch Worst-Case-Szenarios waren. Es geht uns auch gar nicht darum, andere Künstler zu dissen oder uns über sie lustig zu machen, sondern eher um eine gründliche Untersuchung der Frage, was schlechte Kunst ausmacht.

«Manches misslingt einfach, so ist es im Leben, und dann kann man doch herzhaft drüber lachen, anstatt es totzuschweigen.»

Wie oft kommt es vor, dass Sie einsehen, dass Bücher, die Sie einmal liebten, eigentlich schlecht sind?
Storm: Das ist ein Kern unseres Abends: Der Wertewandel und die traurige Erkenntnis, dass Kunstwerke, die man sehr geliebt hat, sehr schlecht gealtert sind.

Haben Sie manchmal den Eindruck, dass unser Kulturbetrieb an zuviel Ernsthaftigkeit leidet?
Störmer: Eigentlich nicht, nein. Es gibt natürlich, wie auch in anderen Bereichen, immer einige, die sich selbst zu wichtig nehmen. Meiner Meinung nach ist das falsch verstandene Ernsthaftigkeit.

Storm: Doch, ich finde, da wird ein heiliger Ernst an den Tag gelegt, bei Büchern mehr als bei Filmen und Musik. Diese Trennung zwischen U und E gibt es so nur im deutschsprachigen Raum.

Heute überwiegt in der Kulturberichterstattung ganz eindeutig das Lob. Müsste es wieder mehr Verrisse geben?
Störmer: Das kann ich so nicht unterschreiben. Wenn ich Rezensionen und Kritiken durchlese, gibt es durchaus auch Kritisches. Mir ist aber ein gut geschriebener Verriss, der nicht persönlich verletzend ist und dem man entnehmen kann, warum es dem Kritiker oder der Kritikerin nicht gefallen hat, viel lieber als eine langweilige Inhaltsangabe mit einem schwammigen Lob obendrauf, übrigens auch bei Produktionen, an denen ich selber beteiligt bin.

Storm: Ich wünsche mir nicht Verrisse um des Verrisses willen, sondern leidenschaftliche Meinungen in beide Richtungen. Es geht uns nicht darum, uns über Autoren und ihre Werke zu stellen. Manches misslingt einfach, so ist es im Leben, und dann kann man doch herzhaft drüber lachen, anstatt es totzuschweigen.

Worst-of «Worst-Case-Szenarios»: Heute, 21 Uhr, Garten des Kinderhauses Winterthur, Trollstrasse 33. – Um 18 Uhr lesen zudem Raoul Schrott und Big Zis, dazu gibt es Musik von Fatima Dunn; die Moderation hat hier Mikael Krogerus. (Der Landbote)

Erstellt: 24.08.2018, 12:38 Uhr

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